Politik

Auschwitz-Gedenken in Israel Steinmeier hört Holocaust-Überlebenden zu

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"Noch heute ist mir nie warm": Die 92-jährige Giselle Cycowicz erzählt von den Wintern in Auschwitz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie reden, er hört zu: Zu Beginn seiner Israel-Reise besucht Bundespräsident Steinmeier ein Therapie-Zentrum für Auschwitz-Überlebende in Jerusalem. Die Geschichten, die er zu hören kriegt, handeln von Schmerz, Kälte und Sprachlosigkeit - auch 75 Jahre nach der Befreiung des Lagers.

Sie lässt sich nicht auslöschen, die Erinnerung an die Erlebnisse im Vernichtungslager Auschwitz. "Ich erinnere mich immer wieder an diese schreckliche Angelegenheit, jeden Morgen", sagt die 92-jährige Giselle Cycowicz in Jerusalem. Neben der Auschwitz-Überlebenden sitzt ein nachdenklicher Bundespräsident. Frank-Walter Steinmeier ist gerade erst in Israel eingetroffen, der Besuch im Amcha-Therapiezentrum ist einer der ersten Termine. Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen bekommen dort psychosoziale Unterstützung, die Traumatisierungen wirken auch 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz noch nach.

"Sie alle haben ein schweres Schicksal hinter sich", sagt Steinmeier den Teilnehmern der Gesprächsrunde. "Ich hoffe, dass wir durch unsere Fragen den Schmerz nicht noch vergrößert haben." Er betrachte es als "Privileg für einen Bundespräsidenten, über Ihr Leben und Überleben zu hören". Zwei Dutzend Holocaust-Überlebende sind zu dem Treffen gekommen, hochbetagte Menschen allesamt, die dem Bundespräsidenten ihre durchlittenen Traumata schildern - freundlich, höflich, dankbar für das Interesse.

Mit dem Besuch im Amcha-Zentrum setzt Steinmeier gleich zu Beginn das prägende Thema seines Besuchs in Israel: Erinnern, Zuhören, das Bekenntnis zur deutschen Verantwortung für den Holocaust erneuern. Anlass ist der 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung. Am Donnerstag soll Steinmeier als erster deutscher Präsident eine Rede an der nationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem halten.

Überleben: "Meine Rache an den Nazis"

Giselle Cycowicz holt für einen Moment die Realität der NS-Vernichtungslager in das Jerusalemer Therapiezentrum. Ohne Socken habe sie durch den Schnee zum Arbeitslager laufen müssen, berichtet sie. "Schrecklich, schrecklich kalt war es. Noch heute ist mir nie warm."

Später ergreift der 102 Jahre alte Elias Feinsilber das Wort. "Ich habe ein schweres Leben hinter mir", erzählt er dem Bundespräsidenten. Neun verschiedene Lager habe er überlebt. Nun lebe er mit mehr als 20 Enkeln und Urenkeln sicher in Israel, die Nachkommen werden ein besseres Leben haben als er. "Das sehe ich als meine Rache an den Nazis", sagt Feinsilber.

Wer das Grauen des Holocaust überlebt hat, ist heute hochbetagt. "Gerade im Alter werden die traumatisierenden Erinnerungen zur Belastung", sagt Lukas Welz, der Vorsitzende von Amcha Deutschland. "Das soziale Netz wird schwächer, die Einsamkeit nimmt zu, Partner und Freunde sterben. Die Folge können schwere Depressionen, soziale Isolation und Angstzustände sein."

Gemeinsame Erfahrung: Sprachlosigkeit nach der Befreiung

So erklärt sich auch, dass die Nachfrage nach therapeutischer Hilfe bei Amcha nicht etwa abnimmt - sie nimmt zu. Wurden vor zehn Jahren noch 115.000 Therapiestunden im Jahr abgehalten, sind es nun 245.000. Derzeit unterstützt Amcha rund 8700 Holocaust-Überlebende.

Eine Gemeinsamkeit zieht sich durch viele Schilderungen: Die Überlebenden beschreiben ihre Sprachlosigkeit nach der Befreiung, die Unfähigkeit, über die Shoa zu sprechen und so die Seele zu entlasten. "Ich habe nie von der Shoa gesprochen", berichtet Lily Levi dem Bundespräsidenten. Erst als ihre Tochter vor vier Jahren gefragt habe, ob sie jemanden kenne, der im Kindergarten der Enkelin über den Holocaust sprechen könne, habe sie sich geöffnet.

Steinmeier dankt den Überlebenden für ihre Offenheit, immer wieder fragt er nach - und er ruft dazu auf, weiter ihre Geschichte zu verbreiten: "Um heute die Verantwortung, die nicht endet, an weitere Generationen weiterzugeben, brauchen wir das Reden über die Einzelschicksale."

Quelle: ntv.de, Peter Wütherich, AFP