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Verbrechen in "Colonia Dignidad" Steinmeier kritisiert deutsche Diplomaten

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Die Colonia Dignidad im Jahr 1988, inzwischen heißt sie "Villa Baviera".

(Foto: dpa)

In der deutsch-chilenischen Sektensiedlung "Colonia Dignidad" wurden Kinder missbraucht und Menschen gefoltert. "Bestenfalls weggeschaut", bei Menschenrechten "Orientierung verloren", "zu wenig getan" - Außenminister Steinmeier findet deutliche Worte.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat wegen der Sektensiedlung "Colonia Dignidad" in Chile jahrelange gravierende Versäumnisse des Auswärtigen Amtes und des damaligen Botschaftspersonals eingeräumt. "Von den sechziger bis in die achtziger Jahre haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut - jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan", sagte der SPD-Politiker. Der Außenminister äußerte sich bei einer Veranstaltung zu dem Film "Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück" von Florian Gallenberger, bei der neben dem Regisseur auch Zeitzeugen eingeladen waren.

Als Konsequenz sollten die Akten über die Sekte zehn Jahre früher geöffnet werden, um eine Aufarbeitung zu ermöglichen, kündigte Steinmeier an. Normalerweise beträgt die Schutzfrist 30 Jahre. Dadurch werden nun Dokumente von 1986 bis 1996 zugänglich. Überdies werde der Fall "Colonia Dignidad" genutzt, um angehende Diplomaten und Führungskräfte wachsam zu machen, damit sich Vergleichbares nicht wiederholt.

Die Kolonie war 1961 von Paul Schäfer gegründet worden, einem nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland geflohenen früheren Wehrmachtsgefreiten. In Deutschland wurde Schäfer schon damals wegen Kindesmissbrauch gesucht. Seit 1996 wurde Schäfer auch in Chile verfolgt, aber erst 2005 in Argentinien verhaftet und ausgeliefert.

Hinter der idyllischen Kulisse der "Colonia" missbrauchte Schäfer über drei Jahrzehnte Kinder und trennte sie von ihren Eltern; er unterwarf seine Anhänger einem brutalen System der Unterdrückung - mit harten Strafen, Psychoterror und Indoktrination. Während der Militärdiktatur von Augusto Pinochet (1973-1990) diente die Deutschensiedlung auch als Folterlager. Politische Gefangene wurden auf das weiträumige Gelände der Kolonie verschleppt und dort zu Tode gefoltert.

Minderjährige wieder zurückgeschickt

Steinmeier verwies auf Berichte, wonach Minderjährige, die damals aus der Kolonie flohen und in der deutschen Botschaft in Santiago um Schutz baten, "unter Verweis auf das Sorgerecht zurückgeschickt wurden". Ein Botschaftsmitarbeiter habe den Zustand der Kolonie mit den Worten beschrieben: "Ordentlich und sauber - bis zu den Schweineställen."

Zwar trage das Auswärtige Amt "keine Verantwortung für das Unwesen, das Paul Schäfer und seine Spießgesellen trieben", sagte Steinmeier laut Redetext. "Aber das Amt hätte entschiedener 'Deutschen nach pflichtgemäßem Ermessen Rat und Beistand gewähren' müssen, wie es das Konsulargesetz vorsieht." Es hätte diplomatischen Druck machen und juristische Schritte gegen die Sektenführer erzwingen können.

Weiter sagte Steinmeier, im "Spannungsfeld" zwischen dem Interesse an guten Beziehungen zum chilenischen Regime und dem Interesse an der Wahrung von Menschenrechten sei Auswärtigem Amt und Botschaft damals "offenbar die Orientierung verloren" gegangen.

Quelle: n-tv.de, rpe/dpa

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