Politik

Künast plädiert gegen ein Verbot "Sterbehilfe kann nicht strafbar sein"

Die Grünen-Politikerin Renate Künast plädiert für eine "Kunst des würdevollen Sterbens"; ein Verbot von Sterbehilfevereinen lehnt sie ab. Die Berater solcher Vereine, argumentiert Künast, würden erkennen, wenn jemand nicht wirklich aus dem Leben scheiden will.

n-tv.de: Halten Sie eine Enttabuisierung des Suizids für wünschenswert?

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Renate Künast ist Vorsitzende des Ausschusses für Justiz und Verbraucherschutz.

(Foto: Reuters)

Renate Künast: Wenn Enttabuisierung eine Normalisierung bedeutet, dann nicht. Ich glaube nicht, dass es der Normalfall sein sollte, dass jemand sich so in Not befindet, dass ein Suizid für ihn als einziger Ausweg erscheint. Auf der anderen Seite: Nach deutschem Recht hat jeder das Recht, seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Das gilt es zu respektieren - auch dann, wenn man selbst glaubt, ein Mensch habe dieses Recht nicht.

Sollte "organisierte" oder "geschäftsmäßige" Suizidbeihilfe in Deutschland zugelassen werden?

Das Strafrecht sagt, der Freitod ist straffrei. Deshalb kann auch eine Beihilfe zum Freitod nicht strafbar sein. Da muss man sich doch fragen, ob es richtig wäre, einen Unterschied zu machen zwischen vertrauten Personen und anderen, mit denen man für eine Beratung eine Vertrauenssituation herstellt. Ein solches Verhältnis muss nicht weniger vertrauensvoll sein als das zu einem Angehörigen oder einem Freund. Im Gegenteil: Mit einem Berater, der nicht zum eigenen Umfeld gehört, kann man möglicherweise sehr viel offener sprechen.

Sollte es erlaubt sein, dass eine solche Dienstleistung bezahlt wird?

So ein Verein muss sich natürlich organisieren und muss seine Unkosten abrechnen können. Das heißt jedoch nicht, dass er Kapital aus seiner Beratungsarbeit schlagen sollte. Vergessen Sie bitte eines nicht: In einigen unserer Nachbarländer gibt es Suizidbeihilfe-Vereine bereits. Wir erleben im Augenblick einen Sterbehilfetourismus, den ich für unwürdig halte. Unser Anspruch sollte sein, dass es nicht nur die Kunst des Lebens gibt, ars vivendi, sondern auch die Kunst des würdevollen Sterbens.

Wäre es nicht besser, für mehr Hospizplätze zu sorgen, als Sterbehilfevereine zu legalisieren?

Das sind zwei Themen, die nur scheinbar etwas miteinander zu tun haben. Natürlich: Es wird viel zu wenig in Palliativmedizin investiert, es gibt viel zu wenig Geld für Hospize, es gibt viel zu wenig Unterstützung für Menschen, die zu Hause sterben möchten. Aber unabhängig davon muss es für Menschen, die ihr Recht auf Freitod wahrnehmen wollen, eine qualifizierte Beratung in Deutschland geben. Ich finde, wir haben nicht das Recht, etwas zu verbieten, das gar nicht strafbar ist.

Wie könnte man sicherstellen, dass Menschen sich nicht leichtfertig das Leben nehmen?

Ich wünsche mir, dass es weniger Suizide gibt, ich wünsche mir, dass wir Menschen helfen, die Depressionen haben. Doch diese Leute müssen gefunden werden. Die findet man aber nur, wenn sie einen Ort haben, zu dem sie gehen können. Wenn wir Sterbehilfevereine verbieten, gäbe es diesen Ort nicht. Probleme sind nicht weg, nur weil wir uns die Hand vor Augen halten und sagen: Ich sehe nichts.

Haben Sie nicht Angst, dass Menschen sich für einen Suizid entscheiden, weil sie befürchten, ihren Angehörigen zur Last zu fallen? Angesichts der Entsolidarisierung in der Gesellschaft ist das doch keine abwegige Befürchtung.

Das trifft aber definitiv nicht auf die Sterbehilfevereine zu. Die Vereine würden ihre Beihilfe dokumentieren, sie würden geschulte Berater zu den Menschen schicken. Diese Berater würden erkennen, wenn jemand nicht wirklich aus dem Leben scheiden will. Der Sterbehilfeverein wird in einem solchen Fall keine Beihilfe leisten. Aber vergessen wir nicht, bei vielen Suiziden heute wissen wir nicht, warum. Das müssen wir aushalten.

Hatten Sie in Ihrem persönlichen Umfeld Erlebnisse, die Ihre Haltung zu diesem Thema geprägt haben?

Ja. Das waren Leute, die schwer krebskrank waren. Keiner von ihnen hat sich zu einem Freitod entschieden. Ich habe dabei gemerkt: Ich weiß nicht, wie ich mich in einem solchen Fall entscheiden würde. Aber ich weiß, es ist dringend nötig, gute Beratung und Hilfe anzubieten.

Mit Renate Künast sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de