Politik

Versorger meldet zweite Störung Strom in Tschernobyl erneut ausgefallen

2ef070f0a2c768e288647cbdcab4a088.jpg

Russische Truppen haben sowohl das AKW Saporischschja als auch die Atomruine in Tschernobyl eingenommen.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Die Stromversorgung in Tschernobyl war gerade erst wiederhergestellt, jetzt gibt es den nächsten Ausfall. Doch nicht nur die Atomruine bereitet unter anderem französischen Nuklear-Experten Sorgen. Sie halten die Sicherheit der Atomanlagen in der Ukraine aus mehreren Gründen für geschwächt.

Die von russischen Truppen eingenommene Atomruine von Tschernobyl ist nach ukrainischen Angaben wieder ohne Strom. Der ukrainische Energieversorger Ukrenergo teilte auf Facebook mit, die Stromleitung zwischen der Anlage und der Stadt Slawutysch sei durch russische Truppen beschädigt worden. Erst am Sonntag hatte die ukrainische Regierung mitgeteilt, dass die Stromversorgung wieder hergestellt sei, sodass die Kühlsysteme der Anlage wieder normal funktionieren könnten und nicht mehr nur dank Notstromaggregaten.

Die Ukraine hatte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) am Mittwoch über einen Stromausfall in Tschernobyl informiert. Die Behörde stufte das jedoch nicht als bedeutendes Risiko ein. In Tschernobyl war es 1986 zu einem verheerenden Atomunfall gekommen. Noch heute werden dort radioaktive Abfälle gelagert.

Die russische Armee hatte das Gelände im Norden der Ukraine am ersten Tag ihres Einmarschs erobert. Zudem nahm sie vergangene Woche auch das größte Atomkraftwerk Europas, Saporischschja, ein. Dabei war ein Brand auf dem Gelände ausgebrochen.

Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, zeigte sich am Sonntagabend "sehr besorgt über die Sicherheit in Tschernobyl und an den anderen Nuklearanlagen der Ukraine". Die ukrainischen Angestellten führten in Tschernobyl keine Reparatur- und Wartungsarbeiten an den Sicherheitseinrichtungen mehr aus, berichtete Grossi unter Berufung auf den Betreiber. Das liege unter anderem daran, dass die 211 Techniker und Wachen dort seit drei Wochen ununterbrochen gearbeitet hätten und physisch und psychisch erschöpft seien. Die übliche Rotation des Personals sei durch die russische Einnahme des Geländes nicht mehr möglich gewesen.

Französische Atombehörde sieht mehrere Probleme

Auch der Generaldirektor der französischen Behörde für nukleare Sicherheit (ASN) ist um die Sicherheit der Atomanlagen in der Ukraine durch den russischen Angriffskrieg besorgt. "Das erste Problem scheint mir die Schwächung der Sicherheit zu sein, sei es durch die Unterbrechung der Stromversorgung oder durch die Schwierigkeiten, die das Personal bei der Ausübung seiner Aufgaben hat", sagte Olivier Gupta der französischen Wirtschaftszeitung "Les Echos". Wichtige Stromleitungen, die eine konstante Kühlung gewährleisten, seien "beschädigt". Außerdem sei die Lieferkette für Ersatzteile an die ukrainischen Atomanlagen "geschwächt". Bei Europas größtem Kernkraftwerk Saporischschja seien nur noch zwei von vier Stromleitungen "funktionsfähig". Die Kommunikation zwischen dem Kraftwerk und der Außenwelt sei "schwierig".

Im Fall von Tschernobyl seien seine Experten jedoch zum Schluss gekommen, dass "es kein signifikantes Risiko einer Freisetzung in die Umwelt gibt", wenn die Stromversorgung über einen längeren Zeitraum ausfällt. Gupta warnte allerdings: "In Tschernobyl gibt es weder Festnetz- noch Mobiltelefone und die ukrainische Sicherheitsbehörde hat seit 24 Stunden keine E-Mail mehr erhalten."

Zudem gibt es in Charkiw Berichte über Schäden an einem Forschungszentrum mit einem Atomreaktor. "Soweit wir wissen, ist das Nuklearmaterial aber nicht betroffen", sagte Gupta der Zeitung.

Bei "sehr schweren Unfall" großräumige Evakuierung nötig

Bei einem "sehr schweren Unfall" in einem der ukrainischen Kraftwerke könnte es nötig werden, die Bevölkerung in einem Umkreis von 5 bis 20 Kilometern in Sicherheit zu bringen, warnte Gupta - auch wenn der Reaktor selbst nicht beschädigt wurde. Sollte dessen Sicherheitsbehälter beschädigt werden, müsste die Evakuierungszone auf bis zu hundert Kilometer ausgeweitet werden.

Seiner Meinung nach "kann man nicht sagen, dass die ukrainischen Reaktoren wesentlich unsicherer sind als die westlichen". Sie sind genauso konstruiert wie die französischen Druckwasserreaktoren und wurden nach dem Unfall in Fukushima "Stresstests" unterzogen. "Es wurden auch Verbesserungsarbeiten durchgeführt", sagte Gupta der Zeitung.

Quelle: ntv.de, hul/AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen