Politik

Wieduwilts Woche "TheRepublic": Den neuen Konservativen fehlt die Seele

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Material für den konservativen Gerüstbau gibt es ja durchaus, doch bislang lässt die CDU es liegen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Konservatismus steckt in einer Krise. Die CDU hat Wertebewahrung mit Verharrung verwechselt und ist implodiert. Die Union müsste jetzt eigentlich gemeinsam Wegmarken setzen, sich neu entwerfen. Doch das geht nicht: Alte Männer krallen sich an ihre Ämter - und geistig frühalte Männer hängen Poster toter alter Herren auf.

Bei den "Simpsons" gibt es einen schönen kleinen Gag über einen Zeitungstitel, auf dem Homers halbseniler Vater wütend die Faust gen Himmel rüttelt, Schlagzeile: "Alter Mann schreit Wolke an". Die Konservativen in Deutschland, insbesondere in der CDU müssen jetzt aufpassen, das sie nicht zum Abraham Simpson der Nation werden. Im Moment ist die Partei ein Fall fürs Pflegeheim.

Gerade hat sich mit viel Tamtam eine neue publizistische Meinungsschleuder im Netz zusammengerauft: "TheRepublic". Ein Möchtegern-Rezo mit "neokonservativer" Agenda will mit moralischer und finanzieller Unterstützung einiger CDU-Politiker und Wirtschaftsunternehmern ordentlich "gegen Links" wettern.

Ihr Leuchtturm ist der Anti-Genderstern

Selten hat jemand mit so viel Aufwand die geistige Nulllinie von Deutschlands Konservativen unterstrichen: Gegen Links also. Und für was?

Das Gift- und Galle-Portal führt das Adlerwappen und definiert die eigene Geisteshaltung als Anti, Anti und nochmals Anti. Anti-Gender, Anti-Rundfunk, Anti-Links. Die Plattform bespielt die Schmerzpunkte der Reaktionären, langhaarige Grüne (Hofreiter), nervige Satiriker (Böhmermann), Radikale (aber nur die linken). Nur für etwas einstehen, das will man nicht.

Essays über bürgerliche Tugenden? Über den Stellenwert des Patriotismus in den 2020er Jahren? Eine schlanke Vision von Europa? Profane Dinge wie die Wehrpflicht oder eine konservative Vision moderner Bildungspolitik? Nachdenkliches, Konstruktives, Visionäres fehlt auf der Politpöbelrampe. Ihr Leuchtturm ist der Anti-Genderstern.

Führende Köpfe, keine Orientierung

Hinter dem reaktionären Glibber stecken, wie die "Bild"-Zeitung titelt, "führende Köpfe" der CDU. In einer Partei, die gerade im Kreis rennt, ist inzwischen offenbar jeder Kopf "führend". "Ich gehöre nicht dazu", gab die permanent unterschätzte CSU-Frau Dorothee Bär sofort kund, die CDU-Hoffnung Christoph Ploß dementiert, an einem Gründungstreffen teilgenommen zu haben. Friedrich Merz ist wohl wirklich dabei, außerdem "das Umfeld" der Mittelstandsunion MIT, wie ein Vertreter von "TheRepublic" orakelt.

Ginge es nur um ein frustgeborenes Internetprojekt, könnte und müsste man es ignorieren wie ein Wut-Emoji in einer Telegram-Nachricht. Doch wie dröhnend hohl die CDU inzwischen ist, zeigt sie nicht nur im Netz. Das Ein-Mann-Kampagnensprengkommando Armin Laschet etwa spricht aus irgendwelchen Gründen noch immer für die Partei. Als die FAZ ihn also fragt, ob das Zwei-Parteien-Konzept der Union eigentlich noch trägt, fällt ihm nur ein Hinweis auf Franz Josef Strauß ein - den CSU-Mann, der seit über 30 Jahren im Grab liegt, aber nun wieder Insta-Accounts der deutschen "Neocons" verziert.

Geistige Ausrichtung erwarten offenbar viele bei den Christdemokraten von ihrem Allerältestenrat. Deren ungekrönter Vorsitzende ist Wolfgang Schäuble: Er ist seit knapp 50 Jahren Abgeordneter im Bundestag. Fast fünfzig Jahre! Er will das halbe Jahrhundert unbedingt noch voll machen. Sie haben das richtig gelesen, Schäuble ist seit 50 Jahren im selben Job, in derselben Umgebung, hat ähnliche Kollegen, kaum Kritiker. Er ist noch immer einer der mächtigsten Männer in der CDU, vielleicht der mächtigste überhaupt. Er ist der Architekt des Wahldesasters, zusammen mit Volker Bouffier, der, na klar, auch weitermacht. Wie sollen diese Männer den Konservatismus neu erfinden?

Sexismus und Strauß-Nostalgie

In so einer Partei altern sogar jüngere Politiker im Zeitraffer. Der Deutschlandtag der Jungen Union könnte eine Keimzelle für eine bürgerliche Vision sein, eine Schmiede für das große konservative Gegengewicht gegen das sich anbahnende Ampel-Bündnis in der Bundesregierung. Doch statt geistiger Führung wütet der gerade einmal 53-jährige Ralph Brinkhaus stammtischgerecht vom "strammsten Linkskurs" seit langem. Das war sogar manchen in der JU zu primitiv, das muss man ja auch erst einmal schaffen. Große Aufmerksamkeit bekam ein junger Politiker, der unter lauten Applaus CDU-Antworten aus dem Wahl-O-Mat verlas: "keine Position", "keine Position", "keine Position".

Die CDU - hierin ist die Partei der gerade ordentlich durchgerüttelten "Bild"-Redaktion nicht unähnlich - wähnt sich umzingelt von Linken, Feinden und Ökos. Springer-Chef Mathias Döpfner vergleicht das heutige Deutschland mit der DDR, aus Spaß natürlich, vielleicht schreibt er ja bald mal eine Glosse für "TheRepublic". Ebenfalls wie die "Bild"-Redaktion, schart die CDU sich um erkaltende, alte Gedankenglut: Bei der "Bild"-Zeitung ist es eine krude Mischung aus Sexismus, "Wolf of Wall Street"-Kultur und Chefhuldigung, bei der CDU eben Schäuble, Merz und Strauß-Nostalgie. Und ähnlich wie Armin Laschet ist der konservative Medien-Mogul Döpfner in etwa so fehlereinsichtig und verantwortungsvoll wie ein Klischee-Großindustrieller aus einer ZDF-Vorabendserie: Schuld sind alle anderen und die Umstände, er kann da jedenfalls nichts für. Ist das der Anstand der Konservativen?

Eine Bewegung, die Inhalte durch Ressentiments ersetzt, wird als gäriger Komposthaufen enden. Zuletzt hat dieses Schicksal die AfD ereilt: Die zur Gründungszeit halbwegs honorige Professorenpartei war ein Gegenentwurf zum (EU-euphorischen) Zeitgeist, abgesehen von ökonomischer Prinzipienfestigkeit ohne geistiges Skelett, eine Antibewegung mit viel Verstand, aber ohne Herz. Heute ist die AfD eine Faust, die stets auf Tische haut, aber keine baut. Soll so die CDU in zehn Jahren aussehen?

Konservative Visionen am Spielfeldrand

Material für den konservativen Gerüstbau gibt es ja durchaus. Die CSU macht seit Jahren vor, dass man konservative bis erzkonservative Haltungen mit Ökologie verbinden kann. Unter dem Motto "Laptop und Lederhosen" haben die Bayern sich der Technologie zugewandt, statt auf blauhaarige Youtuber zu schimpfen. Dass Markus Söder Bäume umarmte, mag man albern finden - aber er hat eine Erzählung gefunden, mit der auch Konservative eine Antwort auf den Klimawandel geben.

In der CDU hingegen sieht man Visionen allenfalls am Spielfeldrand: Der frühere Generalsekretär Peter Tauber hat kürzlich reizvolle, jedenfalls neue Ideen entwickelt, wie man aus preußischem Konservatismus Ideen für das 21. Jahrhundert entwickeln kann - Humboldt'sches Bildungsideal, Kant'sche Philosophie und sogar ein Gegengewicht zum teutonischen Nationalismus will Tauber gefunden haben. "Die Schöpfung und die Natur, die Gesellschaft, die Familie, die Traditionen und Werte", benennt in Baden-Württemberg der neue Bürgermeister der Kleinstadt Heubach, Joy Alemazung, als "konservativ". Der hat nach 35 Jahren einen Sozi abgelöst.

Wenn die CDU nicht das Schicksal anderer christlicher europäischer Parteien teilen will, muss sie mehr vorweisen. Schnell. Inhalte, Seele und mehr Avanti - statt Anti, Anti, Anti.

Quelle: ntv.de

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