Politik

Rechter Terror in den USA "Trumps Rhetorik ist vergiftet"

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"Entweder man ist für das Team Trump oder man ist dagegen", sagt Amerika-Experte Wendt. Ein Kompromiss sei kaum mehr möglich.

(Foto: dpa)

Der mutmaßliche Attentäter von Texas hat im Internet seine Motive erklärt. Er benutzt dabei Begriffe, die man auch vom US-Präsidenten häufig hört. Donald Trump spreche wie ein weißer Normalbürger und hole Rassismus an die Oberfläche, der darunter gegärt habe, sagt Simon Wendt, Experte für amerikanische Geschichte. Die USA seien nie so liberal gewesen, wie es den Anschein hatte. 

n-tv.de: Herr Wendt, Trump hat sich in seiner Rede an die Nation gegen Rassismus ausgesprochen. Die USA müssten Fanatismus verurteilen. Manche Kritiker bezeichnen den US-Präsidenten allerdings inzwischen selbst als Rassisten. Trägt er eine Mitschuld am Tod der Menschen in Texas?

Simon Wendt: Man kann natürlich keine direkte Verbindung herstellen und der Attentäter von El Paso hat das ja in seinem Manifest schon vorweggenommen, indem er geschrieben hat, dass seine Ideen schon vor der Wahl Donald Trumps entstanden seien. Damit wollte er verhindern, dass Leute glauben, Trump habe seine Tat heraufbeschworen. Aber jeder Beobachter wird sagen, dass die giftige Atmosphäre, die es seit 2016 in den USA gibt, ohne Trump nie entstanden wäre. Das spürt man auch auf seinen Veranstaltungen. Vor Kurzem fragte er bei einer Kundgebung: "Was wollen wir mit Einwanderern tun, die illegal über unsere Grenzen kommen?" Ein Mann schrie: "Erschießen!" Dann lachten alle und Donald Trump lächelte. Das ist genau diese Art von giftiger Rhetorik, die hier eine Rolle spielt.

Simon Wendt, Experte für amerikanische Geschichte

Simon Wendt ist Amerikanistik-Professor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

(Foto: privat )

Der mutmaßliche Attentäter bezeichnet seine Morde als "Antwort auf die hispanische Invasion in Texas". Trump spricht auch häufig von Invasion.

Die Rhetorik von Donald Trump ist sehr oft ein Echo rechtsextremer Sichten auf Einwanderung, rechtsextremer Ideologie. Die operiert sehr oft mit dem Begriff "Invasion", nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Europa. Es geht letztlich darum, das Heimatland vor einer Invasion scheinbar schädlicher oder minderwertiger Menschen zu schützen. Die rhetorische Nähe zu Aussagen von Rechtsextremen kann man also nachweisen. Dazu gehört nicht nur der Begriff "Invasion", sondern auch der Begriff "replacement", also dass man "ersetzt" wird durch etwas, in dem Fall durch Einwanderer.

Davor haben US-Amerikaner Angst?

Es gibt eine sehr weit verbreitete Verschwörungstheorie, dass verschiedene dunkle Mächte daran arbeiten, die weiße Bevölkerung der USA durch Einwanderer zu ersetzen. Bei den gewalttätigen Aufmärschen von Rechtsextremen im Jahr 2017 in Charlottesville haben die Teilnehmer bei ihrem Fackelzug gerufen "Jew, you will not replace us". Das war also die Verschwörungstheorie, dass die Juden versuchen, die weißen Amerikaner durch Einwanderer, die keine weiße Hautfarbe haben, zu ersetzen. Diese Art von Rhetorik hört man immer wieder angedeutet in den Reden von Donald Trump und er stachelt damit Menschen auf, die genau das denken. Sie glauben, der amerikanische "Way of life", also der weiße "Way of life" sei in Gefahr. Und wenn man sich nicht dagegen wehre, dann werde man ersetzt.

Wird diese Angst auch von der demografischen Entwicklung geschürt?

Der demografische Wandel spielt eine große Rolle. Die Vorhersagen sehen so aus, dass im Jahr 2050 die weißen Amerikaner nicht mehr die Mehrheit darstellen werden. Afroamerikaner, mexikanisch-stämmige Einwanderer und solche, die aus Asien stammen, sollen dann wohl zusammen mehr als 50 Prozent darstellen. Das ist sicher in den Hinterköpfen vieler Weißer. Das treibt auch die politische Basis von Donald Trump an: Die Angst davor, weniger Einfluss zu haben und so unterdrückt zu werden, dass sie glauben, man müsse etwas dagegen tun. Trump spricht so, wie ein weißer Otto Normalbürger in den USA am Stammtisch sprechen würde. In der Vergangenheit war das unter der Oberfläche.

Dann war das Land nie so liberal, wie es den Anschein hatte?

Letztlich sind die meisten Amerikaner seit den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegungen und anderer sozialer Bewegungen aus den 60er- und 70er-Jahren unzufrieden mit der Situation. Weil es dazu geführt hat, dass Minderheiten Rechte bekommen, die sie nach Meinung vieler Weißer eigentlich nicht bekommen sollen, dass sie Hilfen bekommen, die sie nicht bekommen sollen. Und diese Debatte darüber, wer zur Nation gehört und wer nicht, die wurde auch schon vor 30 Jahren geführt. Auch Ronald Reagan war nicht damit einverstanden, dass Afro-Amerikaner Sozialhilfe bekommen sollen, dass Afro-Amerikaner mehr Rechte bekommen sollen. Das wurde aber nicht so deutlich ausgesprochen. Jetzt haben wir die Situation, wo all diese Dinge, die Leute sowieso schon die ganze Zeit gedacht haben, offen ausgesprochen werden können.

Wird das die Spannungen weiter verstärken?

Manche Wissenschaftler vergleichen die Situation mit der Zeit kurz vor den 1850er-Jahren, also kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Da gab es zwei Lager - die Befürworter der Sklaverei und die Gegner. Und es gab keine Möglichkeit mehr für Kompromisse. Ich denke, dass wir jetzt im 21. Jahrhundert in einer sehr ähnlichen Lage sind. Entweder ist man für das Team Trump oder man ist dagegen. Es gibt praktisch nichts mehr dazwischen.

Sehen Sie nicht die Möglichkeit, dass ein rassistischer Anschlag wie der von Texas die USA als Gesamtes alarmiert? Dass man sich darüber als Gesellschaft zusammenrauft?

Der terroristische Anschlag wird überhaupt nichts ändern. Vor allem, weil die verschiedenen Seiten über verschiedene Dinge sprechen. Die eine Seite sagt: Wir brauchen Gesetzgebung, um die Anzahl von Waffen zu reduzieren. Das ist tatsächlich der wichtigste Faktor, der dazu führt, dass es solche Anschläge gibt. Außerdem müsse man darüber nachdenken, wie man mit dem rechtsextremen Terrorismus umgehen könne. Die andere, republikanische Seite sagt wie immer, das sei völliger Humbug, es gehe nur um Einzeltäter, die geisteskrank seien. Man müsse gewaltverherrlichende Computerspiele verbieten, dann sei das Problem gelöst. Es ist also gar keine Bereitschaft da, zu sprechen. Man kann sich nicht einmal auf das Thema einigen, das hier eine Rolle spielt.

Auf Twitter hat Trump die Demokraten zur Zusammenarbeit aufgefordert.

Ja, aber mit keinem Wort hat Trump das Manifest des Attentäters bislang erwähnt. Denn das würde ihn zwingen, auf seine Anti-Einwanderungs-Rhetorik einzugehen. Er sagt ja auch immer: "There is no racist bone in my body", also dass er auf keinen Fall ein Rassist sei. Das Angebot an die Demokraten soll bedeuten: Wir geben euch ein bisschen Waffengesetzgebung, aber nur dann, wenn ihr einem neuen Einwanderungsgesetz zustimmt. Das wird nicht passieren und daher ist das kein ernst gemeinter Versuch, Dinge auf den Weg zu bringen. Also wird es weiterhin diese Sturmgewehre geben, es wird weiterhin halbautomatische und automatische Waffen geben und es wird weiterhin Anschläge geben. In den nächsten 20 Jahren ändert sich da nichts.

Sollte man sich seelisch schon auf eine zweite Amtszeit Trumps einstellen?

Das Wahlsystem der USA, das ja darauf basiert, dass der Kandidat in einzelnen Bundesstaaten gewinnt und nicht unbedingt die tatsächliche Mehrheit der US-Bürger hinter sich hat, das könnte zu einer zweiten Amtszeit führen. Vielleicht bekommt Trump sogar noch weniger Gesamtstimmen als 2016. Es hängt an wenigen Staaten, wahrscheinlich wird Wisconsin der Schlüsselstaat sein. Und wenn in diesen Staaten Trump 10.000 Stimmen mehr hat als sein Gegner, so wie es 2016 der Fall war, dann gewinnt er noch einmal. Ich sage nicht, dass die Mehrheit der Amerikaner rechtsextrem ist. Ich sage aber, dass bis zu 40 Prozent sehr extreme Ansichten haben und diese 40 Prozent reichen, um einem Politiker wie Donald Trump zum Sieg zu verhelfen.

Mit Simon Wendt sprach Frauke Niemeyer

Quelle: n-tv.de

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