Politik

Der Kriegstag im Überblick Ukraine meldet 50.000 tote Russen - IAEA fordert nukleare Sicherheitszone um Saporischschja

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Ukrainische Soldaten auf einem Mehrfachraketenwerfer im Osten des Landes.

(Foto: picture alliance/dpa/kyodo)

Die Ukraine startet auch nahe Charkiw ihre Gegenoffensive - und hat dabei angeblich direkt Erfolg. In Russland dagegen sieht es düster aus - bei der Rekrutierung, der Munition und der Wirtschaftsleistung. Rund um das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja steht es ebenfalls schlecht, helfen soll eine Schutzzone. Der 195. Kriegstag im Überblick:

Ukraine meldet Erfolge aus Region Charkiw

Die Ukraine weitet ihre Gegenoffensive offenbar auch auf den Raum Charkiw im Nordosten des Landes aus. Dort soll es einen Überraschungsangriff ukrainischer Truppen gegeben haben. "Heute Nacht wird es großartige Neuigkeiten von Präsident Selenskyj über den Gegenangriff in Raum Charkiw geben", twitterte der ukrainische Präsidentenberater Serhiy Leschtschenko. Mittlerweile gibt es auf Social Media unbestätigte Berichte, dass ukrainische Truppen die Ortschaft Werbiwka rund 80 Kilometer süd-östlich der Millionenstadt Charkiw zurückerobert haben. Weiterhin sollen die Truppen ein großes Munitionsdepot der russischen Streitkräfte in der benachbarten Ortschaft Balakliia unter ihre Kontrolle gebracht haben. Allerdings gibt es auf Seiten der Ukraine in der Region Charkiw zivile Opfer zu beklagen. Nach Angaben des Gouverneurs seien drei Menschen durch Beschuss russischer Raketen in ihren Häusern ums Leben gekommen sein.

Anschlag auf russischen Kommandanten

Aus dem Süden gab es Berichte, dass der russische Kommandant der besetzten Hafenstadt Berdjansk, Artjom Bardin, bei einem Sprengstoffanschlag auf sein Fahrzeug schwer verletzt wurde. Auf Telegram zeigten ukrainische Videos die Explosion und das brennende Auto, auch russische örtliche Behörden bestätigten die Explosion. Laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA ist sein Zustand ernst. Zwischenzeitlich meldeten die russischen Behörden, er sei gestorben, was später wieder dementiert wurde. In der weiter westlich gelegenen Region Cherson zerstörte das ukrainische Militär nach eigenen Angaben vier russische Munitionsdepots. Zudem seien russische Pontonbrücken über den Fluss Dnjepr unter Beschuss genommen worden. Erkenntnisse über Schäden lagen zunächst nicht vor.

Ukraine meldet mehr als 50.000 tote Russen

Aufgrund anhaltender Rekrutierungsprobleme des russischen Militärs, geht die US-Denkfabrik Institute of the Study of War (ISW) davon aus, dass Russland verstärkt Bewohner der besetzten Gebiete zwangsweise rekrutieren wird, um seine Verluste in der Ukraine auszugleichen. Wie viele Russen gefallen sind, ist unklar. Die Ukraine berichtete, dass 50.150 russische Soldaten seit Beginn der Invasion ihr Leben in der Ukraine verloren hätten. Westliche Experten schätzen die Verluste der Russen dagegen auf rund 25.000 Mann.

Russland soll Munition in Nordkorea kaufen

Einen Mangel soll Russland allerdings nicht nur an Soldaten, sondern auch an Munition haben, berichtete die "New York Times". Demnach haben US-Geheimdienste herausgefunden, dass Russland aufgrund westlicher Sanktionen Artillerie-Munition und Granaten in Nordkorea kauft. Die Käufe zeigten, dass die Sanktionen zu greifen begännen und die Fähigkeit Russlands einschränkten, seine Invasion in der Ukraine aufrechtzuerhalten, zitierte das Blatt zwei US-Regierungsvertreter.

Viele Fachkräfte kehren Russland den Rücken

Nicht minder schwer wiegt der Verlust gut gebildeter Arbeitskräfte für Russland. In der ersten Jahreshälfte haben einem Bericht des belarussischen Exilmediums Nexta zufolge 419.000 Menschen das Land verlassen. Darunter sollen sich viele gut ausgebildete Menschen befunden haben. Wohin diese Menschen auswanderten, und was ihre Motive für den Schritt waren, bleibt derweil ungeklärt. Der Wert ist in jedem Fall doppelt so hoch, wie im Vergleichszeitraum 2021.

Sanktionen schaden Russland mehr als gedacht

Diese Arbeitskräfte wären eine wichtige Stütze für die russische Wirtschaftskraft. Die ist nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg nämlich viel stärker in Gefahr, als in Russland oft behauptet. Die Agentur beruft sich dabei auf einen internen Bericht der russischen Regierung. Russland steht demnach möglicherweise vor einer längeren und tieferen Rezession, da sich die US-amerikanischen und europäischen Sanktionen zunehmend auswirkten.

Putin gut gelaunt bei großem Militärmanöver

Nicht das Land, aber zumindest den Kreml verließ der russische Präsident Wladimir Putin. Er begab sich in den Osten Russlands, um dort dem großen Militärmanöver "Wostok2022", unter anderem mit chinesischer und indischer Beteiligung, beizuwohnen. In einem Videoclip des Militär-Senders "Swesda" zeigte sich der Kreml-Chef gut gelaunt. Er saß lächelnd und scherzend in einer Militärkampfjacke neben Verteidigungsminister Sergej Schoigu.

IAEA fordert nukleare Schutzzone um Atomkraftwerk

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) äußerte in ihrem mit Spannung erwarteten Bericht über den Zustand des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja die Sorge vor einem drohenden nuklearen Unfall. Erforderlich seien sofortige Maßnahmen, um dies zu verhindern, inklusive einer Sicherheitszone um das Kraftwerk, hieß es in dem Bericht der UN-Behörde, der die Erkenntnisse des Besuchs von Experten in Europas größtem AKW vergangene Woche zusammenfasst. Die IAEA stehe bereit, um umgehend eine solche Zone einzurichten. Die Situation an dem Kraftwerk sei "unhaltbar". Wie zum Beleg fiel in der nahe gelegenen Stadt Enerhodar nach erneutem Artilleriebeschuss der Strom aus. Dem Besatzungsvertreter Wladimir Rogow zufolge soll es sieben Einschläge im Bereich des Kraftwerk-Trainingszentrums gegeben haben. Auch aus der Stadt geflohene Bürgermeister Dmytro Orlow bestätigte den Vorfall.

Sacharowa: USA trieben Europa in Energiekrise

Eine Energiekrise gibt es allerdings nicht nur rund um das ukrainische Atomkraftwerk, sondern europa- bzw. weltweit. Die Schuld daran trüge allerdings nicht Russland, sondern der Westen. So hätten etwa die USA die europäischen Staats- und Regierungschefs dazu gedrängt, ihre Verbindungen zu Russland bei Wirtschaft und Energie zu kappen, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa. Das sei schon lange das Ziel gewesen. "Es ist Selbstmord, aber da müssen sie wohl durch." Auf die Frage, was passieren muss, damit wieder Gas durch die Pipeline Nord Stream 1 fließt, sagte Sacharowa: "Ihr stellt mir Fragen, auf die selbst Kinder die Antwort wissen. Die, die es angefangen haben, müssen es beenden." Am Vorabend hatte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erklärt, dass er sich darauf einstelle, dass Russland kein Gas mehr durch Nord Stream 1 liefern werde. "Es kommt noch ein Bisschen Gas über die Ukraine-Pipeline, aber dass Nord Stream 1 wieder aufgemacht wird, gehört nicht zu den Szenarien, von denen ich ausgehe", sagte der Grünen-Politiker im ZDF-"heute journal".

Europäische Sanktionen laut Erdogan Schuld an Energiekrise

Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan stimmte in den russischen Kanon ein, bezichtigte allerdings nicht die USA, sondern die Europäer selbst, für die aktuelle Energiekrise verantwortlich zu sein. Die europäischen Staaten würden "ernten, was sie gesät haben", indem sie Russland wirtschaftliche Sanktionen auferlegten, zitierte ihn die Nachrichtenagentur AFP laut dem "Guardian".

Lawrow wirft Westen Bruch des Getreideabkommens vor

Damit nicht genug, warf der russische Außenminister Sergej Lawrow dem Westen auch noch vor, seine Zusagen im Zusammenhang mit dem Getreideabkommen nicht einzuhalten. "Unsere westlichen Kollegen tun nicht, was uns vom UN-Generalsekretär versprochen wurde", sagte er auf einer Pressekonferenz in Moskau. "Sie treffen keine Entscheidungen zur Aufhebung der Logistiksanktionen, die den freien Zugang von russischem Getreide und Düngemitteln zu den Weltmärkten verhindern." Lawrow sagte, er sei dabei, die Vereinten Nationen dazu zu drängen, dass die westlichen Länder ihren Teil des Getreideabkommens einhielten.

Scholz verteidigt "Nein" zu Panzerlieferungen an Ukraine

Bundeskanzler Olaf Scholz lehnte einem Bericht der "Welt" zufolge, die Bitten des ukrainischen Ministerpräsidenten Denys Schmyhal um mehr militärische Unterstützung bei dessen Besuch in Berlin ab. Dabei sei es um die Lieferung hochmoderner "Leopard"-2-Panzer durch die Industrie gegangen, berichtete das Blatt unter Berufung auf ukrainische Regierungskreise. Krauss-Maffei Wegmann hatte im April eine Direktlieferung an die Ukraine angeboten. Der SPD-Politiker habe jedoch eine Zusage für eine Exportgenehmigung abgelehnt. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" begründete Scholz dies mit den Worten: "Wir unterstützen die Ukraine mit allem, was sie braucht, sich zu verteidigen. Gleichzeitig müssen wir eine Eskalation verhindern, die in einen Krieg Russlands gegen die NATO mündet."

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Quelle: ntv.de, als/dpa/AFP/rts

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