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Wie es zum Ersten Weltkrieg kam "Viel Verantwortung liegt in Wien"

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Ein österreichischer Soldat liegt verwundet auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs.

ASSOCIATED PRESS

Auch nach 100 Jahren stellt sich noch immer die Frage: Wieso eskalierte die damalige Krise in Europa zum Ersten Weltkrieg? Der Historiker Günther Kronenbitter meint, dass keine der beteiligten Mächte bereit war, einen wirklich substanziellen Preis für den Erhalt des Friedens zu bezahlen. Die Hauptverantwortung für den Krieg sieht er allerdings bei Österreich-Ungarn. Wenn in Deutschland hauptsächlich über die deutsche Kriegsschuld diskutiert wird, dann hat das auch etwas mit deutscher Nabelschau zu tun.

n-tv.de: In den Tagen unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg folgten Ultimaten auf Ultimaten, dann Mobilmachungen, schließlich die Kriegserklärungen. Allein der Zeitablauf legt nahe, dass die zentrale Verantwortung für den Kriegsausbruch bei Österreich-Ungarn liegt. Ist das zu kurz gedacht?

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Prof. Dr. Günther Kronenbitter lehrt Europäische Ethnologie an der Universität Augsburg.

Günther Kronenbitter: Unter Historikern ist diese Frage umstritten. Ich persönlich gehöre zu jenen, die stark auf Österreich-Ungarn schauen und seine Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs betonen. Die Entscheidungsträger in Wien, in geringerem Maße auch in Budapest, haben das Attentat von Sarajevo zum Anlass für eine massive Eskalation der Spannungen mit Serbien genommen: Serbien sollte diplomatisch oder militärisch unterworfen werden.

Hat Österreich den Krieg der europäischen Großmächte bewusst provoziert oder achselzuckend in Kauf genommen?

Den großen Krieg, zu dem der Erste Weltkrieg dann wurde, hat Österreich sicher nicht bewusst provoziert. Aber dass ein Krieg die Folge des österreichischen Ultimatums an Serbien werden könnte, war dem österreich-ungarischen Ministerrat natürlich klar. Dessen Überlegung war: Wenn wir uns schon von der Möglichkeit einer russischen Intervention schrecken lassen, dann ist Serbien für uns unantastbar. Also wurde der Krieg in Kauf genommen. Österreichs Außenminister Leopold Graf Berchtold wollte zudem einen weiteren Balkankrieg, um das Ergebnis von 1912/13 zu revidieren.

Sie meinen die beiden Balkankriege, ...

... die Serbiens Position auf Kosten Österreichs gestärkt haben. So gut wie alle Entscheidungsträger in Wien wollten einen weiteren Balkankrieg. Am liebsten hätte man die Bulgaren das Geschäft gegen die Serben erledigen lassen. Aber da die dazu nicht bereit waren, machte man es halt selbst.

Österreich trägt also die Hauptschuld am Ersten Weltkrieg?

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Österreichs Kaiser Franz-Joseph I. (1830-1916), in Deutschland bekannt als Gemahl von Kaiserin Sisi.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Schuld ist ein problematischer Begriff, vor allem auf Nationen bezogen. Diese Vokabel kommt aus der Polemik der Zwischenkriegszeit.

Wie ist es mit der österreichischen Verantwortung?

Es gibt strukturelle Gründe, die erklären, warum Österreich-Ungarn sich so verhalten hat. Das Land ist 1914 stark in der Defensive; die anderen Großmächte nehmen nicht mehr viel Rücksicht auf die vitalen Interessen der Doppelmonarchie. Die Folge ist, dass Österreich-Ungarn das Interesse am Funktionieren der traditionellen Konzertdiplomatie der Großmächte verliert.

Und auf der Ebene der Entscheidungsträger?

Unter den Personen, die für den Ausbruch des Kriegs verantwortlich sind, steht nach meiner Einschätzung ein Großteil der Wiener Führung im Mittelpunkt. Verantwortung trägt auch die serbische Regierung, die wohl nicht genug getan hat, um den ultranationalistischen Untergrund unter Kontrolle zu bringen - wobei man diskutieren kann, ob sie dazu überhaupt in der Lage gewesen wäre. Deutschland hat mit der Ermutigung Österreich-Ungarns zweifellos massiv zum Ersten Weltkrieg beigetragen. Allerdings war zu einer bestimmten Phase sicherlich jeder beteiligte Staat mehr oder weniger verantwortlich für die Eskalation. Unterm Strich würde ich sagen, dass ziemlich viel Verantwortung in Wien liegt.

Wie ist es mit Deutschland? Hätte die Reichsregierung die Blankovollmacht für Österreich verweigern können, die der österreichische Diplomat Alexander Hoyos wenige Tage nach dem Attentat von Sarajevo Anfang Juli in Berlin erwirkte?

Aus heutiger Sicht wäre natürlich alles andere besser gewesen als diese Blankovollmacht. Auch aus der Sicht der Akteure von damals gab es die Option, die Österreicher nicht zu kriegerischen Maßnahmen zu ermutigen, stattdessen eine internationale Konferenz einzuberufen, um den Streit zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu schlichten. Als der britische Außenminister Edward Grey Ende Juli eine Konferenz zur Beilegung der Krise vorschlug, überlegte man in Berlin tatsächlich noch einmal, ob man auf dieses Angebot eingehen sollte. Aber dazu hätten die Verantwortlichen in Berlin sagen müssen: Der Erhalt des Friedens ist uns so viel wert, dass wir riskieren, Österreich-Ungarn als Verbündeten zu verlieren und den Vielvölkerstaat zerfallen zu lassen. Dazu war niemand bereit. Das gilt allerdings generell: Die Kriseneskalation vor dem Ersten Weltkrieg beruhte darauf, dass keine der beteiligten Mächte bereit war, einen wirklich substanziellen Preis für den Erhalt des Friedens zu bezahlen.

Warum wollte Deutschland Österreich unbedingt als Verbündeten erhalten?

Deutschland hatte keine anderen verlässlichen Verbündeten. In der deutschen Wahrnehmung konnte Deutschland in Europa kein Machtfaktor bleiben, wenn man nicht dafür sorgte, dass Österreich-Ungarn den Status einer Großmacht behielt.

Spielten auch militärische Überlegungen eine Rolle?

Ja, die Reichsregierung befürchtete, dass Russland in zwei Jahren erheblich gestärkt sein würde. Außerdem fürchtete man in Berlin, dass Rumänien und Italien sich von Deutschland absetzen würden. Beides führte dazu, dass die Verantwortlichen um Reichskanzler Bethmann-Hollweg und Kaiser Wilhelm II. sagten: Wenn es schon Krieg geben muss, dann lieber jetzt. Es gibt allerdings noch einen anderen Aspekt der Hoyos-Mission.

Welchen?

Aus österreichischer Sicht drohte sich in der Julikrise 1914 ein Szenario vom Winter 1912/13 zu wiederholen, der Zeit zwischen den Balkankriegen. Damals marschierten die Serben ins heutige Nordalbanien ein, die Österreicher und auch die Italiener wollten Serbien jedoch von der Adria weghalten. Daraus entwickelte sich eine diplomatische Krise. Parallel dazu gab es Mobilmachungen beiderseits der gemeinsamen Grenze von Österreich-Ungarn und Russland, und zwar ziemlich massiv. Im Winter 1912/13 besteht die reale Gefahr, dass dort ein Krieg ausbricht. Für einen kurzen Moment ermutigt Deutschland Österreich, rudert dann aber zurück. Österreich steht mit mobil gemachten Truppen an der Grenze zu Serbien und an der Grenze zu Russland, aber auf einmal stellt sich heraus, dass Deutschland Österreich im Kriegsfall nicht unterstützen würde. Österreich muss dann mehr oder minder klein beigeben. In der Julikrise sieht Österreich-Ungarn die Gefahr, dass sich diese Erfahrung wiederholt. Auch im Juli 1914 wackeln die Deutschen, sie können von Österreich aber dazu gedrängt werden, standhaft zu bleiben.

Was hat das mit der Hoyos-Mission zu tun?

Auf seiner Reise nach Berlin am 5. und 6. Juli hatte Hoyos ein Memorandum dabei, das schon vor dem Attentat von Sarajevo vorbereitet worden war. Das Papier sollte den Deutschen klar machen, dass sie endlich die vitalen Interessen Österreichs ernst nehmen mögen. Das hat ja auch geklappt. Hoyos fuhr mit dem berühmt-berüchtigten Blankoscheck zurück nach Wien.

Wenn, wie Sie sagen, die Hauptverantwortung für den Ersten Weltkrieg bei Österreich-Ungarn liegt, warum spielt das Land in der öffentlichen Debatte über die Kriegsschuld dann immer nur eine untergeordnete Rolle?

Das ist erst seit dem Zweiten Weltkrieg so, in der Zwischenkriegszeit war die Wahrnehmung noch differenzierter. Nach 1945 interessierte sich niemand mehr für Österreich. Als in den sechziger Jahren die sogenannte Fischer-Kontroverse tobte, ...

... ein Historikerstreit, bei dem es um die Ursachen für den Ersten Weltkrieg ging, ...

... da blieb Österreich außen vor. Fritz Fischer ging es darum, Grundstrukturen von imperialistischem Denken in Deutschland aufzudecken, die sich durchziehen vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg. Für Österreich war in dieser Diskussion kein Platz. In Österreich wiederum gab es kein Interesse, der Deutung zu widersprechen, dass vor allem die Deutschen verantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren.

Mit Günther Kronenbitter sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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