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Mittwoch, 12. Februar 2014

Grabenkämpfe, Giftgas und Granatenhagel: Europas Taumel in die Katastrophe

Von Markus Lippold

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La Grande Guerre. The Great War. De Grote Oorlog - der große Krieg. (Foto: AP)

La Grande Guerre. The Great War. De Grote Oorlog - der große Krieg.

La Grande Guerre. The Great War. De Grote Oorlog - der große Krieg.

Historikern gilt der Erste Weltkrieg als die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", denn er veränderte nicht nur die politische Landkarte der Welt, …

… sondern ebnete auch den Weg für diktatorische Systeme, den Zweiten Weltkrieg und den darauf folgenden Kalten Krieg.

In Frankreich, Großbritannien und Belgien ist der Erste Weltkrieg bis heute fester Bestandteil der Erinnerungskultur.

Schließlich starben zwischen 1914 und 1918 weit mehr Soldaten aus diesen Ländern als im Zweiten Weltkrieg.

Die letzten Veteranen wurden hier unter großer öffentlicher Anteilnahme beigesetzt: Claude Stanley Choules galt als letzter aktiver Soldat des Ersten Weltkriegs (der zudem auch im Zweiten Weltkrieg im Einsatz war) - er starb 2011 in Perth in Australien.

Bis heute spielen historische Vereine die großen Schlachten des Krieges an der Westfront nach.

Dagegen wurde in Deutschland, Russland und vielen anderen osteuropäischen Ländern die Erinnerung durch das Gedenken an die Toten des Zweiten Weltkriegs überlagert.

Doch auch hierzulande sind die Schlachten an der Marne, von Verdun und an der Somme bis heute Synonyme für die Schrecken des Krieges, für sinnloses Leid und millionenfachen Tod.

Denn der Erste Weltkrieg veränderte auch den Charakter des Krieges selbst.

Er ist geprägt durch Materialschlachten, in denen Tausende Granaten niedergehen, deren Überreste noch nach Jahrzehnten aus dem Boden geholt werden.

Jahrelange Grabenkämpfe zermürben die Soldaten, verschaffen aber keiner Seite Geländegewinne oder einen Vorteil.

Die Kriegstechnik entwickelt sich in diesen Jahren rasant weiter: Erstmals werden Flugzeuge, …

... U-Boote, ...

… riesige Geschütze und ...

... Panzer im großen Maßstab eingesetzt.

Gas wird zum ersten Massenvernichtungsmittel im Kampf.

Zuerst setzen es die Deutschen ein - hier sieht man Gaswerfer.

Insgesamt werden 112.000 Tonnen Giftgas eingesetzt, die deutsche Seite setzt davon 52.000 Tonnen ein.

Tausende Soldaten sterben so auf qualvolle Weise. Viele weitere erleiden Verätzungen.

Insgesamt werden im Ersten Weltkrieg 17 Millionen Menschen getötet - so viele wie nie zuvor. Hinzu kommen Millionen Invaliden auf allen Seiten.

Auch die Anzahl der beteiligten Staaten ist gewaltig: 40 Länder stehen sich zwischen 1914 und 1918 gegenüber, …

… auf Seiten der Mittelmächte um das Deutsche Reich oder der Entente mit Frankreich, Großbritannien und dem zaristischen Russland.

Darunter sind nahezu alle Nationen Europas sowie ihre Kolonien und abhängigen Gebiete in Afrika, Amerika, Asien und Ozeanien. (Gedenkstein in Korab, Südwestafrika)

Auch das Osmanische Reich, die USA, China und Brasilien sowie weitere Staaten Asiens und Mittelamerikas greifen in die Kampfhandlungen ein.

So global wie diese Kriegsteilnehmer sind auch die Kriegsschauplätze. Die Gegner stehen sich nicht nur in Europa, sondern auch in den deutschen Kolonien in Afrika, China und Ozeanien gegenüber. (Deutsches Feldgeschütz in Deutsch-Ostafrika)

Andererseits kämpfen etliche Soldaten aus den alliierten Kolonien in Europa (hier ein Soldat aus dem Senegal).

Gefechte gibt es daneben auf der arabischen Halbinsel, in Palästina (Bild: Deutsche Truppen in Jerusalem), im heutigen Irak und in Persien sowie in Teilen Nordafrikas und im Kaukasus.

Der Seekrieg, der nicht so entscheidend ist, wie zu Kriegsbeginn erwartet, findet nicht nur im Atlantik statt, sondern auch im Indischen Ozean und im Pazifik.

Diese Ausmaße sind den Soldaten aller Länder fremd, als sie 1914 jubelnd in den Krieg ziehen. Alle denken an einen schnellen Sieg, an einen kurzen Krieg.

Der auf allen Seiten jahrelang aufgebaute Nationalismus - in Deutschland vor allem verkörpert durch Kaiser Wilhelm II. - lässt die Völker in einen Taumel geraten, aus dem sie erst vier bittere Jahre später wieder erwachen.

Ein Schuss löst diesen Taumel aus. Im Attentat von Sarajevo kumulieren die Auseinandersetzungen der Vorjahre, die Provokationen, die hemmungslose Aufrüstung, der Kampf um die Vormachtstellung in Europa und der Imperialismus, der Wettlauf um die Kolonien.

Am 28. Juni 1914 verüben jugoslawische Nationalisten mehrere Anschläge auf den österreichischen Erzherzog und Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau. Ihre Ziele sind die Unabhängigkeit von Österreich-Ungarn und ein panslawischer Staat.

Gavrilo Princip (2.v.r.), einer der Verschwörer, feuert schließlich die tödlichen Kugeln auf das Paar ab.

Österreich-Ungarn mit dem 84-jährigen Kaiser Franz Joseph I. und das Königreich Serbien geraten daraufhin in einen diplomatischen Konflikt.

Wobei das Deutsche Reich unter Wilhelm II. (l.) der Donaumonarchie die bedingungslose Unterstützung zusagt, während Russland unter Zar Nikolaus II. (r.) als Schutzmacht Serbiens auftritt. So wachsen sich die regionalen Auseinandersetzungen zu einer europäischen Krise aus.

Nach einem Monat hitziger diplomatischer Anstrengungen erklären sich Österreich-Ungarn und Serbien am 28. Juli den Krieg. Nur vier Tage später greifen das Deutsche Reich und Russland in den Krieg ein.

Deutschland will jedoch zuerst Russlands Verbündeten Frankreich besiegen, dem es am 3. August den Krieg erklärt. Denn Russland, so die Planung in Berlin, wird erst in einigen Wochen kriegsbereit sein und Frankreich will man in dieser Zeit niederringen.

Dem sogenannten Schlieffen-Plan von 1905 folgend, sollen die ostfranzösischen Befestigungen durch eine Offensive von Norden umgangen werden. Deutschland nimmt deshalb zunächst das neutrale Luxemburg ein und marschiert dann ins ebenfalls neutrale Belgien ein, ohne zuvor den Krieg erklärt zu haben.

Obwohl die deutschen Truppen in benachbarte Länder einmarschieren: In den Augen des Deutschen Reiches ist der Krieg ein Verteidigungskrieg.

Diese Ansicht sorgt für eine große Kriegsbegeisterung in Teilen der Bevölkerung.

Dass der Verstoß das Völkerrecht missachtet, ist Kaiser und Reichsregierung durchaus bewusst. Doch man redet sich mit der Begründung heraus, dass man selbst durch Frankreich bedroht werde. Zudem wird angekündigt, den belgischen Status nach dem Sieg wiederherstellen zu wollen.

Dadurch beginnt allerdings die Kettenreaktion, an die Kaiser und Reichskanzler nicht geglaubt hatten. Wegen der deutschen Offensive tritt Großbritannien - mit seinen Dominions Australien, Kanada, Neufundland und Neuseeland - in den Krieg gegen Deutschland ein.

Weitere Länder folgen: Nepal, Montenegro, Japan und die Südafrikanische Union und 1915 Italien auf der Seite der Entente. Das Osmanische Reich und Bulgarien stehen auf der Seite der Mittelmächte.

Bald muss Deutschland, das weitaus stärkste Land der Mittelmächte, in einem Zweifrontenkrieg kämpfen. Denn der Plan, Frankreich schnell zu besiegen und sich dann Russland zuzuwenden, misslingt.

Es gibt durchaus ein paar frühe militärische Erfolge wie die Einnahme von Lüttich, Antwerpen und Brüssel. Und auch in Elsass-Lothringen können französische Vorstöße in Grenzkämpfen abgewehrt werden. Doch vorwärts geht es immer langsamer, die Offensive kommt bald zum Erliegen.

Stattdessen gehen die Franzosen im September zur Gegenoffensive über. Die entscheidende Schlacht wird für Frankreich zum "Wunder an der Marne", denn die Deutschen müssen sich zurückziehen. So entsteht ein Frontverlauf, der bald bis zur Nordsee reicht.

Hier kommt es zur ersten Flandernschlacht bei Ypern. Die traditionsreiche belgische Stadt ist im gesamten Kriegsverlauf heiß umkämpft. Am Ende gleicht sie einem Trümmerfeld.

In Deutschland begründet die Schlacht dagegen den Langemarck-Mythos, benannt nach einem der umkämpften Orte. Obwohl Zehntausende junge, schlecht ausgebildete Soldaten und Reservisten sterben, rühmt die Propaganda deren ruhmreichen Opfertod für das Vaterland.

Und noch etwas verschweigt das deutsche Militär: Nicht nur fliehen Tausende Menschen vor den Kämpfen an der Westfront. Es kommt auch zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung.

In Belgien werden bei Massenerschießungen Tausende Menschen ermordet. Deutsche Truppen plündern die Stadt Löwen und brennen ganze Dörfer nieder. Als Begründung dienen angebliche Angriffe von Freischärlern. (Deutsche Truppen nach der Eroberung Brüssels)

An der Front geht derweil nichts mehr, keine Seite kann einen Vorteil erringen. So beginnt Ende 1914 der Stellungskrieg, der bis Mitte 1918 anhalten wird.

Von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze entsteht ein - teils noch heute sichtbares - System aus Schützengräben.

Hier vegetieren die Truppen dahin, belauern sich, stoßen vor und weichen wieder zurück. Bei den Offensiven und Schlachten sterben Hunderttausende Menschen, nennenswerte Geländegewinne werden aber nicht erzielt.

Dabei bilden sich jene Kriegstaktiken heraus, die bis heute das Bild des Ersten Weltkriegs bestimmen: In Materialschlachten wird der Gegner im stunden- oder tagelangen Trommelfeuer aus Tausenden Geschützrohren beschossen und mürbe gemacht.

Erst dann greift die Infanterie an - und läuft doch meist direkt in das Sperrfeuer der in den Schützengräben verschanzten Feinde oder bleibt in den mit Stacheldraht bespannten Sperren hängen.

Bei diesen Schlachten sterben aber nicht nur Menschen. Auch die Landschaft wird vollkommen zerstört: …

Hügel werden zerfetzt, ganze Kuppen durch den Beschuss abgetragen. Wälder verbrennen im Geschützfeuer und Tiere - darunter auch die Pferde der Kavallerie - verenden qualvoll.

Regen weicht den zerfurchten Boden zusätzlich auf.

In Nordfrankreich und Belgien sind die Spuren des Krieges bis heute sichtbar.

Neben den dauerfeuernden Geschützen sorgt aber auch der erstmalige Einsatz von Massenvernichtungsmitteln für Schrecken: Ab 1915 sterben Tausende Soldaten an dem zuerst von deutschen Truppen eingesetzten Giftgasen. Tausende weitere Soldaten erleiden schwere Verätzungen.

Auch die Schlacht um Verdun ab Februar 1916 ist ein Synonym für den Horror des Krieges - im Beinhaus von Douaumont liegen heute die Gebeine von mehr als 130.000 nicht identifizierten Soldaten, die in der Schlacht sterben.

In den monatelangen Kämpfen stehen sich Dutzende Divisionen gegenüber. Sie kämpfen verbissen um jeden Meter, um jeden Hügel und um jede Befestigung rund um die Stadt an der Maas, …

… die in den Kämpfen stark beschädigt wird - das Bild zeigt die zerstörte Kathedrale.

Kein Wunder: Bis zu 4000 Geschütze sind im Einsatz. Insgesamt gehen auf den etwa 300 Quadratkilometern Kampfgebiet 36 Millionen Granaten nieder. Sie verwandeln die Gegend in eine einzige Kraterlandschaft.

Deutsche Offensive und französische Gegenoffensive dauern fast das gesamte Jahr 1916. Doch die Schlacht bringt keiner Seite einen entscheidenden Geländegewinn.

Dafür sterben etwa 167.000 französische und 150.000 deutsche Soldaten. Hunderttausende Menschen werden verletzt. Die "Hölle von Verdun" wird zum Symbol der Sinnlosigkeit des Krieges, ...

… aber auch der deutsch-französischen Annäherung nach 1945: Hier reichen sich Frankreichs Präsident François Mitterand und Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 in einer bewegenden Geste die Hand.

In Großbritannien und anderen Staaten des Commonwealth brennt sich eine andere Schlacht tief ins gesellschaftliche Gedächtnis ein: Am 1. Juli, der bis heute Gedenktag ist, starten 1916 britische Truppen die Offensive an der Somme.

Anderthalb Millionen Granaten werden im Vorfeld über acht Tage auf deutsche Stellungen abgefeuert. Der folgende Angriff geht trotzdem im Maschinengewehrfeuer unter. In der ersten halben Stunde sterben 8000 britische Soldaten, am Ende des ersten Tages werden es mehr als 19.000 sein.

Trotz des erstmaligen Einsatzes von Panzern bringt die britische Offensive keinen Durchbruch. Für etwa zehn Kilometer Raumgewinn lassen Hunderttausende Menschen auf beiden Seiten ihr Leben. Es ist die verlustreichste Einzelschlacht des Krieges.

Adolf Hitler, der bereits 1914 freiwillig in die bayerische Armee eingetreten war, in Flandern gekämpft hatte und dafür zum Gefreiten gemacht wurde, wird an der Somme durch einen Granatsplitter verwundet. Nach seiner Genesung geht er erneut an die Westfront.

Der Mann, der Hitler 1933 ins Kanzleramt verhilft, gelangt im Ersten Weltkrieg zu großem Ruhm. Bereits 1914 wird Paul von Hindenburg (hier 1922) zum Generalfeldmarschall ernannt. Im August 1916 beruft ihn Wilhelm II. schließlich in die Oberste Heeresleitung (OHL). Sie besteht aus ihm und …

… Generalquartiermeister Erich Ludendorff. Beide errichten in den folgenden Monaten eine Art Militärdiktatur, gegen die selbst der Kaiser machtlos ist.

Hindenburg und Ludendorff sind zu dieser Zeit längst Kriegshelden. In der Schlacht von Tannenberg besiegen sie Ende August 1914 die russischen Truppen, die in Ostpreußen einmarschiert waren.

Ohnehin hat der Krieg im Osten einen anderen Charakter. Nach anfänglichen Niederlagen vor allem Österreich-Ungarns wird der russische Vormarsch gestoppt. 1915 treten die russischen Soldaten den "Großen Rückzug" aus Polen, Litauen und anderen Gebieten an.

Die Mittelmächte errichten hier Generalgouvernements, später entsteht das Polnische Regentschaftskönigreich. Besiegt ist das Zarenreich (im Bild Zar Nikolaus II.) aber nicht. Es kämpft vielmehr an neuen Fronten weiter. Nach dem Kriegseintritt des Osmanischen Reiches beginnen etwa die Kämpfe im Kaukasus.

Weil die Hohe Pforte - der Sultanspalast in Istanbul - den Armeniern eine Kooperation mit den Russen vorwirft, werden diese ab 1915 systematisch deportiert.

Dem Völkermord - den die Türkei bis heute nicht anerkennt - fallen bis Kriegsende etwa eine Million Menschen zum Opfer. Zudem sind weitere christliche Gruppen im Osmanischen Reich von Repressalien bis hin zum Völkermord betroffen.

Das Osmanische Reich kämpft aber auch an anderen Fronten, etwa in Persien und im Nahen Osten. Schließlich hatte der Scheichülislam den Dschihad gegen die Feinde des Osmanischen Reiches ausgerufen.

Und damit sind nicht nur die Russen gemeint, sondern auch die Briten, die den erdölreichen Süden des heutigen Irak erobern und die von Lawrence von Arabien angeführten arabischen Stämme im Kampf gegen die osmanische Besatzung unterstützen.

Die größte Schlacht der Region ist jedoch die alliierte Dardanellen-Operation, die am 25. April 1915 beginnt.

Mit dem Angriff auf der Halbinsel Gallipoli soll der Weg nach Konstantinopel freigemacht werden. Doch der Versuch scheitert am türkischen Widerstand - mehr als 100.000 Menschen sterben.

Bei der verheerenden Niederlage kommen viele der erstmals eingesetzten Soldaten aus Australien, Neuseeland und Tonga um. Bis heute gedenkt man in diesen Ländern am sogenannten Anzac-Tag am 25. April der Toten.

Ein weiterer Kriegsschauplatz eröffnet sich, als Italien, angetrieben durch Präfaschisten wie Gabriele D'Annunzio und Filippo Tommaso Marinetti sowie den späteren Diktator Benito Mussolini (Bild), 1915 auf Seiten der Entente in den Krieg eintritt.

Österreich-Ungarn kämpft nun an drei Fronten: gegen Russland, gegen Italien (Bild) - etwa im Alpenkrieg im Hochgebirge - und auf dem Balkan. Das Land gerät damit an den Rand seiner militärischen Kräfte.

So unklar die Verhältnisse an diesen Fronten sind, so klar sind sie außerhalb Europas: Die deutschen Kolonien in Afrika und Asien (Bild: Geschütz in Tsingtau, China) werden zügig eingenommen.

Nur in Deutsch-Ostafrika kann sich ein kleines Kontingent unter dem Befehl von Paul von Lettow-Vorbeck (M.) bis Kriegsende gegen britische Angriffe behaupten.

Die deutsche Marine kann gegen die britische Übermacht nur wenig ausrichten. Die Kreuzer des Ostasiengeschwaders werden bis Mitte 1915 komplett versenkt. Die SMS Blücher sinkt 1915 in der Nordsee (Bild).

Hier kommt es im Mai 1916 auch zum größten Seegefecht der Geschichte: In der Skagerrakschlacht sterben mehr als 8600 Menschen. Einen wirklichen Sieger gibt es nicht. (Bild: Der deutsche Schlachtkreuzer "Seydlitz" steht in Flammen)

Größere Auswirkungen hat der bereits 1915 von Deutschland erklärte unbeschränkte U-Boot-Krieg. Er soll auch gegen Handelsschiffe geführt werden, was zu internationalen Protesten führt.

So fordert die Versenkung des Passagierschiffs "Lusitania" fast 1200 Menschenleben und sorgt für heftige Proteste in den USA, denn es sterben auch mehr als 100 US-Bürger.

Trotzdem hält die Armeeführung am U-Boot-Krieg fest. Dafür nimmt man auch in Kauf, dass die USA am 6. April 1917 dem Deutschen Reich den Krieg erklären. Die Alliierten werden nun durch frische Truppen und moderne Kriegstechnik verstärkt.

Die alliierten russischen Truppen sind dagegen zunehmend angeschlagen. Nicht nur kann das Zarenreich nicht bei der industriellen Aufrüstung mithalten. Auch im Inneren brodelt es - 1917 kommt es zunächst zur Februarrevolution.

Deutschland feuert diese Proteste noch an, indem es im März die Rückkehr von Revolutionsführer Lenin ...

... aus seinem Schweizer Exil nach Russland ermöglicht.

Lenin führt nach monatelangem Machtkampf die Oktoberrevolution an, bei der die Bolschewiken die Macht ergreifen. Sie verkünden einen Waffenstillstand und schließen im März 1918 den Frieden von Brest-Litowsk.

Das Deutsche Reich hat diese Entlastung bitter nötig, denn an der Westfront geraten die ausgelaugten Truppen in die Defensive (Bild: deutscher Soldat und ein erbeuteter britischer Panzer). Sie ziehen sich in die stark befestigte Siegfriedstellung zurück.

Die Alliierten andererseits können mit ihren Offensiven keine Vorteile erlangen. Verheerend wirkt sich allerdings die Schlacht von Messines in Flandern aus: Alliierte Experten platzieren in monatelanger Arbeit Minen unter den deutschen Stellungen. (Soldatenfriedhof bei Mesen)

Als diese detonieren, sterben Tausende Menschen, unzählige werden verletzt. Die Explosion - eine der größten nichtnuklearen Sprengungen aller Zeiten - soll das bis dahin lauteste von Menschen erzeugte Geräusch gewesen und bis nach Irland und London wahrnehmbar gewesen sein. (Irischer Friedensturm in Mesen)

Auch an anderen Fronten geraten die Mittelmächte in die Defensive. Das Osmanische Reich muss sich aus dem Nahen Osten zurückziehen (Bild: der britische General Allenby in Jerusalem), bricht schließlich komplett zusammen. Auch Bulgarien scheidet als Verbündeter aus.

Schließlich löst sich die Donaumonarchie auf: Neue Staaten wie die Tschechoslowakei, Polen, Ungarn und das spätere Jugoslawien entstehen. Karl I. (Bild), seit 1916 Kaiser, veröffentlicht am 16. Oktober 1918 ein "Kaisermanifest", das die Umwandlung Österreichs in einen Bundesstaat vorsieht.

Am 3. November unterzeichnet das österreichische Armeeoberkommando in der Villa Giusti bei Padua (Bild) ein Waffenstillstandsabkommen.

Das Deutsche Reich befindet sich dagegen weiter im Krieg. An der Westfront war allerdings die Frühjahrsoffensive 1918 gescheitert und die Truppen wurden durch die alliierte Hunderttageoffensive zurückgedrängt. Militärisch geht jedoch nichts mehr - die Soldaten werden immer jünger.

Auch die Bevölkerung im Reich ist längst kriegsmüde. Bereits 1915 war es wegen der schlechten Lebensmittelversorgung zu ersten Krawallen gekommen. Nach einer schlechten Ernte 1916 kommt es im sogenannten Steckrübenwinter zu einer Hungersnot und einem Kälteeinbruch.

Wegen der verheerenden Versorgungslage sterben in den Kriegsjahren in Deutschland etwa 800.000 Menschen an Unterernährung. Die Spanische Grippe, die ab 1918 grassiert, fordert ebenfalls etliche Menschenleben.

Doch eine von der Politik bereits 1917 forcierte Friedensinitiative scheitert am Widerstand der Obersten Heeresleitung (OHL): Die Militärs behalten die Oberhand, auch wenn sie im Oktober 1918 zu Reformen bereit sind, die erstmals Sozialdemokraten in die Regierung bringen.

Schließlich meutern auch die Matrosen, die noch einmal in den Krieg ziehen sollen. Sie wollen nicht mehr verheizt werden. Ausgehend von Kiel kommt es zum Matrosenaufstand, der in die Novemberrevolution mündet.

Innerhalb weniger Tage werden in ganz Deutschland Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Die Monarchen werden gestürzt, in Bayern ruft Kurt Eisner einen Freistaat aus.

In Berlin gibt Kanzler Max von Baden am 9. November 1918 eigenmächtig die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. bekannt und macht SPD-Politiker Friedrich Ebert zum Reichskanzler.

Daraufhin ruft Philipp Scheidemann (Bild) die Deutsche Republik aus, Karl Liebknecht etwas später die Freie Sozialistische Republik.

Wilhelm II. flüchtet ins Exil in die Niederlande. Erst knapp drei Wochen später dankt er offiziell ab. Er stirbt 1941.

Gleichzeitig verhandeln Vertreter der neuen Regierung mit Frankreich über einen Waffenstillstand. Die OHL, die inzwischen von Hindenburg allein geführt wird, stiehlt sich aus der Verantwortung - sie nimmt gar nicht erst an den Verhandlungen teil.

So bereitet Hindenburg die Legende vor, nach der die deutschen Truppen "einen Dolchstoß von hinten" erhalten hätten. Er macht damit linke und liberale Politiker für das Kriegsende verantwortlich. Die nach dieser "Dolchstoßlegende" im Felde unbesiegten Truppen seien demnach um den sicheren Sieg gebracht worden.

Die Wahrheit ist jedoch eine andere. Im Gegensatz zur OHL haben die Politiker den Mut, das jahrelange Schlachten, das einen ganzen Kontinent in den Abgrund gestürzt hat, zu beenden.

Der Waffenstillstand wird am 11. November 1918 unterzeichnet. Der Erste Weltkrieg endet an diesem Tag um 11 Uhr.

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