Politik

Ausnahme im Kaukasus Wahl auf Kasan fiel nicht ohne Grund

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Die Kul-Sharif-Moschee ist das Wahrzeichen der Stadt.

(Foto: Hendrik Maaßen)

Etwa 800 Kilometer östlich von Moskau leben Christen und Muslime seit Jahrhunderten friedlich Seite an Seite. Anders als in anderen autonomen Teilrepubliken mit einer muslimischen Mehrheit, gilt Kasan als Paradebeispiel für gelungene Integration.

Während der Fußball-Weltmeisterschaft ist Kasan einer von insgesamt elf Austragungsorten. Am 27. Juni wird die deutsche Nationalmannschaft hier in der Hauptstadt der autonomen Teilrepublik Tatarstan gegen Südkorea spielen. Die etwa 800 Kilometer östlich von Moskau gelegene Stadt ist das islamische Zentrum Russlands - deutlich zu sehen an den zahlreichen Moscheen, die das Stadtbild prägen. In der islamisch geprägten Metropole an der Wolga gibt es ungefähr zwei Dutzend davon. Die berühmteste unter ihnen und gleichzeitig das Wahrzeichen der Stadt ist die Kul-Sharif-Moschee. Sie wurde 2005 zum tausendjährigen Jubiläum Kasans eingeweiht und ist eine der größten Moscheen in ganz Russland.

Doch die nur wenige Schritte entfernte russisch-orthodoxe Mariä-Verkündungskathedrale mit ihren Zwiebeltürmen zeigt: In der Metropole existieren Islam und Christentum seit Jahrhunderten gemeinsam friedlich Seite an Seite. Die etwas mehr als eine Million Einwohner von Kasan bestehen zur einen Hälfte aus muslimischen Tataren und zur anderen Hälfte aus christlich-orthodoxen Russen.

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In Kasan gibt es etwa zwei Dutzend Moscheen.

(Foto: Hendrik Maaßen)

"Muslime und Christen in Kasan tolerieren einander nicht, wir ehren uns gegenseitig", sagt Imam Illfar Hassanow. Beide Religionsgruppen hätten keine Berührungsängste. Jedes Jahr gratuliert er der orthodoxen Gemeinde zum Osterfest. Im Gegenzug erhält er Glückwünsche zum Ende des Fastenmonats Ramadan. "Man muss sich kennenlernen, damit die Angst voreinander verschwindet", so Hassanow.

Religiös motivierte Attentate

Was in Kasan seit über tausend Jahren Normalität ist, ist in anderen muslimisch geprägten autonomen Republiken Russlands undenkbar. Von einem friedlichen Zusammenleben der Religionen ist Tschetschenien noch weit entfernt. In der Hauptstadt Grosny greifen erst im vergangenen Monat während eines Gottesdienstes vier Bewaffnete eine orthodoxe Kirche an. Sieben Menschen sterben. Islamistische Extremisten, von denen sich einige der Terrormiliz IS zugehörig fühlen, verüben in Tschetschenien immer wieder Anschläge.

Eigentlich hatte der Moskau-treue Machthaber der Teilrepublik, Ramsan Kadyrow, trotz alledem darauf gehofft, dass Grosny Austragungsort der WM wird. Dazu ist es aus Sicht vieler Menschenrechtsorganisationen zu Recht nicht gekommen. Religiös motivierte Attentate, Folter und Morde, Verfolgung von Minderheiten, Willkür- und Gewaltherrschaft: Die Liste der Vorwürfe von Menschenrechtlern ist lang. Doch Grosny geht trotzdem nicht leer aus: Ab Mitte Juni bezieht die ägyptische Nationalmannschaft hier ihr umstrittenes Trainingslager. Für die Fifa ist das kein Problem.

Menschenrechtorganisationen wie Human Rights Watch bezeichnen die Entscheidung hingegen als "schockierend und ungeheuerlich". Insgesamt hatte die ägyptische Mannschaft 67 verschiedene Standorte zur Auswahl. Warum die Wahl letztendlich auf Grosny gefallen ist, bleibt bislang unbegründet - zumal Ägypten für seine Vorrundenspiele mit fast 12.000 Kilometern so weit reisen muss wie keine andere Mannschaft.

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Historiker Gibatdinow: "Wir kommen zwar aus Russland, aber wir sind keine Russen."

(Foto: Hendrik Maaßen)

Kolumbien und Frankreich entschieden sich für Kasan als WM-Quartier. Über ihre Gastgeber sagte Russlands Präsident Wladimir Putin vor einigen Jahren: "Kratzt du an einem Russen, kommt ein Tatare zum Vorschein." Bei Marat Gibatdinow, Historiker an der Tatarischen Akademie der Wissenschaften in Kasan, klingt das etwas anders: "Wir kommen zwar aus Russland, aber wir sind keine Russen." Schließlich hätten die Tataren ihre eigene Sprache und Kultur. "Die tatarische Gesellschaft ist offener, toleranter und progressiver als die restliche muslimische Gesellschaft. Wir fühlen uns Europa sehr zugehörig", sagt Gibatdinow. Demnach trügen tatarische Frauen kein Kopftuch und seien sehr emanzipiert. Geschlechtergleichheit sei schon früher für das einstige Nomadenvolk selbstverständlich gewesen. Denn wenn die Männer oft tagelang unterwegs waren, seien die Frauen auf sich allein gestellt gewesen.

Warnung vom Bundeskriminalamt

Egal, ob Christen oder Moslems – die Kasaner sind stolz auf ihre Stadt und sorgten dafür, dass sie bereits das vierte Mal in Folge zur lebenswertesten in ganz Russland gewählt wurde. Seit den Feierlichkeiten zum 1000-jährigen Bestehen 2005 hat sich das Stadtbild merklich verändert. Die gepflasterte Flaniermeile im Zentrum der Stadt wirkt aufgeräumt und modern. Die Fassaden der zweistöckigen Gebäude im Jugendstil sind hübsch hergerichtet und erinnern an die belebte Einkaufsstraße Arbat in Moskau. Cafés, Restaurants und Souvenir-Shops in der Baumann-Straße haben oft bis in die späten Abendstunden geöffnet. Alle paar Meter buhlen Straßenkünstler und Musiker um die Aufmerksamkeit und das Kleingeld von Touristen.

Willkommen sind Touristen auch in der Hauptstadt von Dagestan, Machatschkala. Auch in  dieser russischen Teilrepublik, die an Tschetschenien grenzt, leben viele Muslime. Doch die Wahl der Fifa konnte auch nicht auf Dagestan fallen, denn spätestens seit den beiden Tschetschenienkriegen 1994 und 1999 gilt die Region als Epizentrum des islamistischen Terrorismus im Nordkaukasus. Inoffiziell wird Dagestan von Moskau als unregierbar bezeichnet. Die ethnische Vielfalt der Region und die unterschiedlichsten Interessenskonflikte sind Nährboden für religiösen Radikalismus.

Bereits im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft warnte das Bundeskriminalamt vor der sogenannten "IS-Provinz Kaukasus". Die "Welt am Sonntag" zitiert aus einer bislang unveröffentlichten Einschätzung, mögliche Angriffe der islamistischen Organisationen würden sich vor allem gegen Sicherheitskräfte in den beiden russischen Teilrepubliken richten. Dabei planten die Terroristen Handfeuerwaffen und Sprengsätze einzusetzen; sie sollen auch vor Selbstmordattentaten nicht zurückschrecken.

Für Kasan und Umgebung gibt es solche Warnungen nicht. Im Gegensatz zu Tschetschenien oder Dagestan ist Tatarstan ein sicherer Austragungsort. Die Wahl auf Kasan dürfte nicht zuletzt auch deshalb gefallen sein, weil Putin während der WM ein positives und sicheres Bild von Russland nach außen transportieren will. Die Schwimm-WM 2015 und der Confed Cup im vergangenen Jahr sind friedlich zu Ende gegangen. Die Kasaner haben schon oft gezeigt, dass religiöse Unterschiede nicht spalten müssen. Das wollen sie in diesem Jahr auf dem Fußballplatz zeigen.

Dieser Text ist im Rahmen einer Recherchereise mit dem "journalists.network" in Russland entstanden und Teil der großen WM-Multimedia-Reportage von n-tv.de.

Quelle: ntv.de