Politik

Der aussichtslose Kampf des SPD-Chefs Wann kapituliert Gabriel?

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Wartet Gabriel bis Januar oder überrascht er seine Partei mit einer vorgezogenen Entscheidung?

(Foto: picture alliance / dpa)

Gabriel, Steinmeier, Steinbrück – wer macht's bei den Genossen? Im Wettstreit der drei bleibt einer auf der Strecke: Sigmar Gabriel. Der SPD-Chef ist bei den Wählern nicht beliebt genug, außerdem gilt er als unglaubwürdig. Eine Wahl ist mit ihm kaum zu gewinnen. Und dann wären da ja auch noch die Kinder.

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Kandidaten mit Kratzern: Steinmeier fuhr bei der Wahl 2009 ein desolates Ergebnis ein, Gabriel ist nicht beliebt genug bei den Wählern.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach der Babypause ist nicht vor der Babypause. Jetzt ist wirklich Schluss. Also erst einmal. Sigmar Gabriel meint es ernst. Auch nach seiner Rückkehr aus der Babypause will er bei der Arbeit kürzertreten. Manches, was vorher als wichtig erschien, entpuppe sich jetzt als Nebensächlichkeit, sagt der SPD-Chef dem "Stern".

Wie ernst Gabriel seine Bekenntnisse nimmt, hat er in den Sommermonaten bewiesen. Schon im Juni, nach der Geburt seines zweiten Kindes, verordnet sich der Parteichef eine Babypause und betont öffentlich, dass er nun erst einmal andere Prioritäten setzen werde. Tatsächlich ist der Politiker dann viel in Magdeburg bei Frau und Kind. Aber so richtig heimisch wirkt das nicht, was aus dem Hause Gabriel nach draußen dringt. Fast täglich meldet sich Gabriel mit neuen Rundumschlägen gegen die Bundesregierung und Thesenpapieren gegen die Macht der Banken zu Wort. Kaum ist, das schreibt er bei Twitter, das Baby "abgefüttert", macht der frischgebackene Papa im Arbeitszimmer auch schon wieder Politik. Daran ändert auch "Mariechen" nichts.

Der Halbtags-Kanzler

Gabriel erntet viel Kritik für die Omnipräsenz während seiner "Auszeit". "Man darf gespannt sein, wie viel die neueste Ankündigung des Dampfplauderers Gabriel tatsächlich wert ist", sagt CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. Und Gabriel? Der lässt sich wieder zu einer solchen Ankündigung hinreißen. Er werde künftig "nicht mehr 12 bis 16 Stunden am Tag verfügbar sein", sagte Gabriel dem "Stern". Es spricht: der Vorsitzende der SPD, der Mann mit dem ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur. Aber ein Halbtags-Kanzler? Wie soll das gehen? Gabriel sagt: "Das ist ein berechtigter Einwand. Die Frage, ob die Partnerin und die Kinder das mitmachen, muss man erörtern."

Der Kandidaten-Poker beschäftigt die Sozialdemokraten seit Monaten. Gabriel, Steinmeier oder Steinbrück – wer zieht in einem Jahr als Kanzlerkandidat gegen Merkel in den Wahlkampf? Viele Genossen drängen auf eine frühe Entscheidung. Aber die Partei will sich erst im Januar, nach der Landtagswahl in Niedersachsen, festlegen. Dabei zeichnet sich allmählich ab, dass einer im Kandidaten-Roulette den Anschluss längst verloren hat: Sigmar Gabriel. Parteiintern rechnet ihm kaum noch jemand gute Chancen aus, eine erfolgreiche Wahlkampagne gegen Kanzlerin Merkel zu führen.

Ob Blaumann oder Grubenlampe – die Accessoires sozialdemokratischer Romantik stehen dem Niedersachsen ausgezeichnet, aber die Popularitätswerte Gabriels sind einfach zu schlecht. Bei einer Direktwahl würden derzeit nur 17 Prozent für den SPD-Chef, 59 Prozent für Merkel stimmen. Zu dem Ergebnis kommt eine im Auftrag von "Stern" und RTL durchgeführte Umfrage von Forsa. Peinlich ist vor allem: Sogar unter SPD-Anhängern würde die Mehrheit Merkel vorziehen. Auch Steinmeier und Steinbrück (jeweils 27 Prozent) unterliegen im Direktvergleich der Kanzlerin, aber sie genießen wenigstens einen deutlichen Rückhalt in ihrer eigenen Partei.

"Die Welt ist in Aufruhr"

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Verlor zwei entscheidende Wahlen, aber auch mit 65 ist Peer Steinbrück noch kein bisschen müde.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Aber warum ist Gabriel so unbeliebt? Frank Dropheide untersuchte im Frühjahr in NRW die Wahlkampf der Parteien. Im Gespräch mit n-tv.de sagt der Markenexperte: "Merkel, Steinmeier und Steinbrück haben sich schon in verantwortlichen Ämtern bewiesen und gefühlt gute Regierungsarbeit in schwierigen Zeiten gemacht." Gabriel sei zwar Umweltminister und auch kurz Ministerpräsident gewesen, aber bei ihm habe man "nicht im Kopf, dass er mal etwas Großes bewegt hat. Er springt auf jedes Thema an und ist viel zu präsent." Menschen seien immer auf der Suche nach inhaltlicher Qualität und Identifikationskraft. Gabriel habe aber keinen Kernwert, an dem man sich orientieren könne.

Dopheide verweist auf die angespannte politische Situation durch die Eurokrise. "Die Welt ist in Aufruhr. Da sehnen sich Menschen nach Stabilität und Ruhe. , weil sie genau das ausstrahlt." Gabriel hingegen sei genau das Gegenteil von ihr. "Er ist eine laute Keule, wie ein Baseballschläger. Das Aggressive stößt die Menschen ab." Die misslungene Babypause bestätige dabei nur viele Leute in ihrer negativen Meinung. Gabriels Babypause sei zu durchschaubar gewesen, sagt Dopheide, er habe zu offensichtlich auf Sympathiepunkte geschielt. "Vielleicht ist ihm die Familie jetzt wirklich wichtiger, aber das nimmt ihm keiner ab."

Anders als Steinmeier. Der habe Glaubwürdigkeit gewonnen, als er eine Auszeit nahm, um seiner Frau eine Niere zu spenden." Für Steinbrück spreche wiederum, dass er sich als Finanzexperte fast ausschließlich auf das derzeit dominierende Thema konzentriere. Was er, Dopheide, denn der SPD in dieser Lage raten würde? Zumindest so viel: "Mit Gabriel kann man nicht gewinnen, lassen Sie uns über die Alternativen reden."

Unbeliebter Mitgliederentscheid

Auch parteiintern ist die Unterstützung für Gabriel überschaubar. Immer wieder äußerten sich Sozialdemokraten in den vergangenen Wochen zur Kandidatenfrage. Obwohl die Parteispitze verordnet hat, die Diskussion erst 2013 zu führen, verraten immer mehr SPD-Politiker öffentlich, wen sie für den geeigneten Mann halten. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig sprach sich eindeutig für Steinmeier aus. Auch in dem mächtigen Landesverband in Nordrhein-Westfalen gilt er als Favorit. Der Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Bartels sowie Baden-Württembergs SPD-Chef Nils Schmid bekannten sich dagegen zu Steinbrück. Auch Altkanzler Helmut Schmidt gilt als Unterstützer des Hamburgers. Gabriel hat unterdessen keine Fürsprecher. Niemand ergriff bisher für ihn Partei.

Der Parteivorsitzende hat laut Parteisatzung das Recht, den SPD-Kanzlerkandidaten vorzuschlagen. Viel deutet darauf hin, dass er sich nicht selbst vorschlagen wird. "Jeder Vorsitzende einer großen Partei muss im Zweifel auch wollen, und gleichzeitig muss er die Souveränität haben, sich selbst zurückzunehmen, wenn er den Eindruck hat, ein anderer ist der geeignetere Kandidat", sagte Gabriel gegenüber dem "Stern". Leitet der Parteichef mit seiner neuen Selbstbeschränkung etwa schon den eigenen Rückzug ein? Und wie lange wartet er noch, bis er ihn offiziell macht? Parteiintern kritisieren viele, es schade dem Kandidaten, wenn er erst im Januar nominiert wird.

Möglich ist theoretisch auch ein Mitgliederentscheid. Die SPD könnte wie die Grünen über ihren Spitzenkandidaten abstimmen lassen. Einer hat die Urwahl als Kandidatenkür allerdings bereits ausgeschlossen. "Es wird keiner der drei Kandidaten gegen den anderen kandidieren. Das halte ich für sicher", sagte Steinbrück zuletzt dem "Westfalen-Blatt". Auch eine Kampfabstimmung zwischen ihm und SPD-Fraktionschef  Steinmeier schloss er aus. Sie hätten "so ein Verhältnis, dass wir nicht gegeneinander antreten würden", sagt Steinbrück und fügt hinzu: Wenn der Parteivorsitzende Gabriel den Anspruch erhebe, würden sie ihm das nicht streitig machen. Zwei haben sich offensichtlich schon abgesprochen.

Quelle: ntv.de, mit rts

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