Politik

Über Pöbler und Intimfeinde Warum verlassen Sie die AfD, Herr Henkel?

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Kein Parteimitglied mehr: Hans-Olaf Henkel.

(Foto: REUTERS)

Nach eineinhalb Jahren endet die Liaison zwischen Hans-Olaf Henkel und der AfD. Im Interview rechnet der 75-Jährige mit dem Lager der neuen Parteichefin Frauke Petry ab. Henkel will trotz seines Austritts weitermachen - und spricht schon von einer neuen Partei.

n-tv.de: Sie waren am Wochenende nicht beim AfD-Parteitag in Essen. Ahnten Sie vorher schon, dass Bernd Lucke abgewählt wird?

Hans-Olaf Henkel: Nein, das war für mich unvorstellbar, vor allem nach der Forsa-Umfrage. Danach wollten 60 Prozent der AfD-Sympathisanten Herrn Lucke als Parteichef und nur 23 Prozent Frau Petry. Ich glaube, die Anwesenden auf dem Parteitag waren nicht unbedingt ein repräsentatives Spiegelbild der Mitglieder. Die andere Seite, also die Petry-Fraktion, war nicht nur kaderhafter organisiert, sondern auch aggressiver als die Lucke-Seite.

Haben Sie Petry zu ihrem Erfolg gratuliert?

Nein. Wenn man sieht, mit welchen Methoden sie die Spitze eroberte und in welche Richtung sie diese Partei verschoben hat, kann man ihr nicht gratulieren.

Warum sind Sie nach dem Parteitag aus der AfD ausgetreten?

Da gibt es den schönen Spruch: Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. Auf dem Parteitag gab es unakzeptable Massenpöbeleien. Die Art und Weise, wie mit Herrn Lucke umgegangen wurde, halte ich für schäbig. Die Zusammensetzung des neuen Vorstandes ist für mich unerträglich. Es sind fast ausnahmslos Nationalkonservative mit einigen Rechtsauslegern. Damit wird die Partei dem Anspruch, sowohl liberal als auch konservativ zu sein, nicht mehr gerecht.

Auf dem Aschaffenburger Parteitag im vergangenen Jahr haben Sie gesagt, dass Sie in der AfD "nicht einen einzigen Verrückten, Neonazi oder Spinner gesehen" haben. War das eine Fehleinschätzung?

Nein. Diese Einschätzung war auch lange Zeit danach gerechtfertigt. Die AfD hat sich in den vergangenen Monaten sehr verändert. Ich bin mit dem heutigen thüringischen Fraktionschef Björn Höcke im Wahlkampf gewesen. Er war mir sympathisch. Die Art und Weise, wie er am Wahlabend dann seinen Triumph feierte, ließ mich denken: Hoppla, was ist denn mit dem los? Er ist mit seinem Erfolg nicht fertig geworden. Das Gleiche gilt für Frau Petry. Ich erkenne sie heute nicht wieder.

"Für Pöbelei, Intoleranz und Machenschaften bin ich nicht mehr zu haben", haben Sie am Wochenende gesagt. "Nicht mehr" klingt so, als ob Sie dafür mal zu haben waren.

Nein. Die Kritik an der Formulierung ist berechtigt, aber dafür war ich noch nie zu haben. Eigentlich begann der ganze Ärger mit Pegida. Der brandenburgische AfD-Fraktionschef Alexander Gauland reiste nach Dresden. Frauke Petry traf sich mit den Pegida-Leuten. In dem Moment begann die Auseinandersetzung in der Partei über den Rechtsruck und die Akzeptanz von Ausländerfeindlichkeit. Herr Lucke und ich haben damals gesagt: Haltet Abstand! Dann kamen plötzlich immer öfter öffentliche Attacken, meist über die Springer-Presse, von Herrn Gauland, Frau Petry und [ihrem Verbündeten, dem nordrhein-westfälischen Landeschef] Marcus Pretzell. Ich habe mich verpflichtet gefühlt, Herrn Lucke zu verteidigen und seine Angreifer für die unfairen Attacken zu kritisieren. Dadurch wurde ich innerparteilich zu einem Hassobjekt der Rechten.

Hat Herr Lucke die Spaltung durch die Gründung des Weckrufs provoziert?

Überhaupt nicht, aber er hat seinen Gegnern damit eine Möglichkeit gegeben, es so zu interpretieren. Der Weckruf war die letzte Chance, die Basis aufzurütteln. Es ging ja nicht nur um von einigen Funktionsträgern geäußerte unsägliche Äußerungen. Parallel dazu wurden ungehörige Machenschaften von Frau Petry und Herrn Pretzell öffentlich, zum Beispiel im Zusammenhang mit Unregelmäßigkeiten im NRW-Landesverband, die Pretzell zu verantworten hatte, deren Inhalt er nicht nur bewusst falsch darstellte, sondern auch Petry dauernd versuchte zu kaschieren. So hat sie veranlasst, den Bericht der mit der Untersuchung beauftragten Untersuchungskommission den Mitgliedern vorzuenthalten, indem sie die Geschäftsstelle anwies, ihn aus dem Netz zu nehmen. Sie hat immer wieder zu Gunsten von Pretzell interveniert. Das war unanständig.

Im April hat Pretzell Sie als "Dauerurlauber" bezeichnet.

Sowas hat es hier im Parlament wohl noch nie gegeben, dass einer aus der eigenen Partei der "Bild"-Zeitung steckt, dass sich ein Parteikollege zu seinem 75. Geburtstag mal eine Amazonasreise leistet.

Wie wollen Sie künftig im EU-Parlament arbeiten?

Als stellvertretender Vorsitzender sowohl der EKR-Fraktion und als auch des Industrie- und Forschungsausschusses kann ich sehr wohl auch ohne Mitgliedschaft in einer Partei arbeiten. Das wäre als Mitglied einer Petry/Pretzell-Partei nicht mehr möglich gewesen. In Essen hat Frau von Storch proklamiert, dass Deutschland mit dem Austritt aus der EU drohen müsse, Herr Gauland meinte, dass man statt TTIP mit den USA ein Freihandelsabkommen mit Russland abschließen solle und Herr Pretzell proklamierte, dass die AfD auch Pegida sei. Für all das gab es rauschenden Beifall! Mit so viel Unsinn möchte ich nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Um es klar zu sagen: Die AfD hat mich verlassen, nicht ich sie. Dazu gibt es offensichtlich Leute, die sehr zu den Positionen des französischen Front National neigen. Die AfD-Abgeordneten von Storch und Pretzell müssten eigentlich die Fraktion im EU-Parlament wechseln. Bei Madame Le Pen wären sie besser aufgehoben als bei uns. Ich werde auf der Grundlage des alten AfD-Programms meinen Job in der Fraktion weitermachen.

Wären Sie dabei, wenn Bernd Lucke eine neue Partei gründen sollte?

Das kann ich mir vorstellen, es hängt natürlich vom Programm ab. In der neuen Partei müsste es satzungsmäßige Mauern geben, die solche Leute, die jetzt die AfD gekapert haben, nicht überwinden können. Ich erhalte zurzeit viele Mails von Leuten, die uns auffordern, eine neue Partei zu gründen.

Mit Hans-Olaf Henkel sprach Christian Rothenberg

Quelle: ntv.de