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Schluss mit Bestnoten Was der neue Pflege-TÜV besser machen will

Eine Pflegerin geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. Foto: C. Schmidt/Archivbild

Hilft das Pflegeheim seinen Bewohnern, ihren Tag zu gestalten? Ein Kriterium für den neuen Pflege-TÜV.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Eine "Farce" nennt Jens Spahn den bisherigen Pflege-TÜV: Die Heime konnten sich dabei vor allem selbst bewerten. Damit soll jetzt Schluss sein. Das neue Prüfsystem bringt mehr Kontrolle und klügere Kriterien. Es wird allerdings nicht gerade übersichtlich.

Geht es nach dem bisherigen Pflege-TÜV, dann wären in Deutschland Alte und Pflegebedürftige überall bestens versorgt: 1,2 - also "noch sehr gut" lautete die bundesweite Durchschnittsnote für Pflegeheime im September. Das Problem dabei: Diese Note gaben sich die Heime vor allem selbst. Denn die bisherige Bewertung stützt sich stark auf Unterlagen, in denen Pflegeheime ihre Arbeit dokumentieren. Auch werden die unterschiedlichen Kriterien bislang nicht sinnvoll gewichtet. So zählt der Schutz vor Druckgeschwüren in der Bewertung genauso viel wie ein gut lesbarer Speiseplan.

Mit dieser "Farce", wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den bisherigen Pflege-TÜV nennt, soll nun Schluss sein. Am Dienstag startet ein neu entwickeltes Prüfsystem, das es ermöglichen soll, die Qualität von Pflegeheimen seriös miteinander zu vergleichen. Eine "neue Philosophie" sieht der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) hinter dem reformierten Prüfverfahren.

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Im neuen Pflege-TÜV soll die Frage im Fokus stehen, wieviel Zuwendung der Mensch bekommt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zweimal jährlich sollen Pflegeheime Qualitätsdaten an eine Datenauswertungsstelle schicken. Erfasst wird dabei unter anderem, wie mobil die Bewohner sind, ob sie unbeabsichtigt Gewicht verlieren, wie viele an Druckgeschwüren oder den Folgen von Stürzen leiden. Im Gegenzug erhalten die Pflegeeinrichtungen Informationen darüber, ob sie besser oder schlechter als der Durchschnitt der 13.000 Heime in Deutschland abschneiden.

Der MDK prüft dann bei einer externen Kontrolle den Pflegezustand von neun Bewohnerinnen oder Bewohnern, die stichprobenartig aus den vom Heim übermittelten Qualitätsdaten ausgewählt wurden. Stimmen die Angaben der Pflegeeinrichtung mit den Feststellungen des MDK vor Ort überein? Der Prüfer spricht mit den Pflegebedürftigen, mit den Fachkräften und beurteilt die Situation, die er selbst vorfindet. Die Heimleitung wird einen Tag zuvor über die Prüfung informiert, damit das betreffende Personal auch vor Ort ist.

Erste Prüfergebnisse Anfang 2020

Anders als beim bisherigen Pflege-TÜV soll der Fokus der Prüfung klar bei der pflegerischen Versorgung liegen. Lesbarkeit des Speiseplans wäre demnach kein Kriterium mehr, sondern: Wie gut erhält und fördert das Heim die Selbstständigkeit der Bewohner? Wie gut schützt es sie vor gesundheitlichen Schäden? Wie sehr hilft es ihnen, den Alltag zu strukturieren, sich zu beschäftigen, soziale Kontakte zu haben? Wie ist die Unterstützung bei Demenz? Auch Aspekte wie Körperpflege, Wundversorgung und Medikation fließen in die Beurteilung ein.

Entstehen soll so ein Bewertungskatalog, der im Internet verschiedene Heime miteinander vergleichbar macht. Ab sofort übermitteln die Heime erste Qualitätsdaten, die Prüfungen des MDK sollen im November beginnen. Für die erste Kontrollrunde sind 14 Monate veranschlagt. Anfang 2020 sollen aber bereits die ersten Prüfergebnisse für Verbraucher im Internet einsehbar sein. Jedoch erscheint die Bewertung der Pflegeheime nicht wie bislang zu einer Gesamtnote zusammengefasst.

Kritiker befürchten, dass die Fülle an Informationen zu unübersichtlich wird. Der Sozialverband VdK, der selbst an der Entwicklung des Prüfsystems beteiligt war, plädiert für eine Filtermöglichkeit der Angaben. "Als Beispiel: Sie suchen ein Heim für ihre Mutter, die ist schwer dement und sitzt bereits im Rollstuhl. Alles, was nicht rollstuhlgerecht ist, fliegt raus. Und jetzt suchen Sie nochmal welche, die bei der Qualitätsmessung bei Demenzkranken besonders gut abgeschnitten haben." So anwenderfreundlich wünscht sich Ines Verspohl vom VdK die zukünftigen Infoportale.

"Wir wollen nicht, dass Heime schließen"

Doch will der Sozialverband neben Hilfe bei der Heimsuche vor allem erreichen, dass sich die Qualität der Heime durch die neuen Kontrollen verbessert. "Aus der Qualitätssicherung der Krankenhäuser wissen wir, dass die Menschen, die sich diese Berichte anschauen, Ärzte sind. Und sehr selten Patienten. Es sind Krankenhausärzte, die jede zweite Woche gucken: Wo stehe ich? Warum sind die anderen besser? Warum sind wir nicht die besten? Das wünschen wir uns", sagte Verspohl im Gespräch mit n-tv.de. "Wir wollen nicht, dass Heime schließen, weil dort niemand mehr einen Platz haben will. Wir haben ja zu wenig Pflegeheime in Deutschland, nicht zu viele. Wir wollen, dass alle Heime daran arbeiten, dass sie die beste Qualität bringen."

Problematisch an den vergleichbaren Prüfergebnissen im Netz ist, dass es zunächst keinen festgelegten Sollwert geben wird. Es fehlt also ein fester Qualitätsstandard, den ein Heim erreichen muss, unabhängig von den Ergebnissen der übrigen Heime. "Wir müssen zu Sollwerten kommen, denn ein schlechter Durchschnitt ist als Referenz auf Dauer nicht geeignet", sagte Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes n-tv.de. Deshalb werde der nächste Schritt sein, Sollwerte zu entwickeln, die auf einem guten fachlichen Standard basieren. "Da hoffen wir, dass die Wissenschaft in den nächsten zwei, drei Jahren noch mehr Futter liefert."

Quelle: n-tv.de

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