Politik
Abdrehen von der "Cantabria". Wenn sich zwei so große Schiffe nahe sind, kommt es auf die Kommunikation an. Im Vordergrund zu erahnen: das sogenannte Flaggenstell auf der Backbordseite.
Abdrehen von der "Cantabria". Wenn sich zwei so große Schiffe nahe sind, kommt es auf die Kommunikation an. Im Vordergrund zu erahnen: das sogenannte Flaggenstell auf der Backbordseite.
Mittwoch, 08. November 2017

Rock 'n' Roll mit "fetter Ente": Wenn Kriegsschiffe sich ganz nahe kommen

Von Issio Ehrich

Eine Luftbetankung hat mittlerweile wohl jeder schon mal gesehen. Zumindest im Fernsehen. Aber wie sieht es aus, wenn sich zwei Kriegsschiffe auf See gegenseitig beladen? Der Sound kann auf jeden Fall speziell sein.

Irgendwo zwischen Italien und Libyen denke ich an Francis Ford Coppola und Stanley Kubrick. Wie sehr die beiden Regisseure doch meine Vorstellung davon geprägt haben, wie Krieg klingen muss. Ja, sage ich mir, genauso, genauso wie in diesem Moment.

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

Ich stehe auf der Brücke der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern". Die zwei je 25.000 PS starken Gasturbinen treiben das Schiff voran, während der Mann am Ruder hart Steuerbord legt. "Zieh Baby, zieh", murmelt eine Stimme hinter mir. Es ist nicht die Stimme des Kommandanten. Der murmelt natürlich nicht, der schreit: "Musik! Wo ist die Musik!?" Die Musik kommt ...

Der Sound einer verstärkten Sitar krächzt aus der Lautsprecheranlage und übertönt das Dröhnen der Gasturbinen. E-Gitarren und Drums hallen über das Meer. Und die unverkennbare Stimme von Mick Jagger: "I see a red door and I want it painted black ..."

Nein, wir befinden uns nicht auf U-Boot-Jagd. Auch die Eroberung Maltas steht nicht auf dem Tagesbefehl. Wir haben gerade, ich sage es, wie es ist, auf See Fracht mit einem anderen Schiff ausgetauscht. Dem spanischen Versorger Cantabria, der "fetten Ente", die zu Beginn dieser Reise im Hafen im Weg rumschwamm.

Ok, denke ich mir, ist der Soundtrack jetzt nicht ein bisschen dicke für diese Aktion?

"Wir sind hier nicht auf dem Catwalk in Paris"

Die "fette Ente" Cantabria hat 20.000 Bruttoregistertonnen.
Die "fette Ente" Cantabria hat 20.000 Bruttoregistertonnen.

Das Manöver kündigt sich bereits in der Morgenlage der Offiziere an. "Ich wünsche mir da keinen großartigen Brücken-Tourismus", mahnt Kommandant Christian Schultze. Soll heißen: Wehe, ihm steht jemand im Weg rum. Die Backbordseite, auf der sich die "Cantabria" beim Frachtaustausch befinden wird, sei nicht die Schokoladenseite, fügt Schultze hinzu.

Wenig später nimmt der Kommandant sich das Personal auf der Brücke vor. "Ich will jetzt nicht den mahnenden Zeigefinger heben, aber Solid-Ras haben wir hier original nur einmal gemacht." Mit Solid-Ras ist "Replenishment at Sea" gemeint, Versorgung auf See mit fester Fracht. "Das bedarf etwas mehr Konzentration als beim Auftanken." Die "Mecklenburg-Vorpommern" übergibt Kleidung für Flüchtlinge, die aus Seenot gerettet wurden, an die "Cantabria". Dann folgt, was Schultze vor jedem schwierigen Manöver sagt: "Eine Hand für sich, eine Hand fürs Schiff." Sicherheit geht vor Geschwindigkeit. "Wir sind hier im Mittelmeer und nicht auf dem Catwalk in Paris."

Von einem Laufsteg kann bei dem Manöver sicher nicht die Rede sein. Die "Mecklenburg-Vorpommern" hat 5300 Bruttoregistertonnen, die "Cantabria" rund 20.000. Was ich zu sehen bekomme, ist eher ein Engtanz von zwei Riesen – mit unabsehbaren Folgen, wenn ein Partner dem anderen versehentlich auf den Fuß tritt. Was zum Glück nicht passiert. Um die Fracht übergeben zu können, nähern sich die beiden Schiffe bis auf 40 Meter und fahren so nebeneinander her.

Auch eine Attraktion für die Besatzung: Die "Mecklenburg-Vorpommern" übergibt Fracht an den spanischen Versorger "Cantabria".
Auch eine Attraktion für die Besatzung: Die "Mecklenburg-Vorpommern" übergibt Fracht an den spanischen Versorger "Cantabria".

Die Besatzungen installieren so etwas wie einen Fahrstuhl zwischen der "Mecklenburg-Vorpommern" und der "Cantabria". Mit einem Gewehr schießen sie zuerst Leinen auf das jeweils andere Deck. Darüber ziehen sie Stahlseile hinüber und verankern sie. Die Crews prüfen die Stabilität dieser wackligen Konstruktion mit einem Testgewicht. Erst dann ziehen sie die Fracht in Metallkörben von einem Deck aufs andere.

Die schwierigste Aufgabe hat dabei der Mann am Ruder. Der muss während der gesamten Prozedur ziemlich genau Kurs halten. Was das bedeutet, erfahre ich ein paar Stunden nach der erfolgreichen Frachtübergabe selbst, als ich für ein paar Minuten das Ruder in die Hand nehmen darf - und mit Wellengang, Strömung und Wind zu kämpfen habe.

"Hat nichts mit Vietnamkriegsfilmen zu tun"

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich der erst 19 Jahre alte Erik B. ein bisschen wie ein Held vorgekommen sein dürfte, als er das Manöver am Ruder überstanden hatte. Alle Leinen los, endlich wieder Gas geben und von der "Cantabria" abdrehen. Und dann auch noch die Rolling Stones auf Anschlag. Ach ja, wie war das noch gleich mit der Musik?

Ich frage den Kommandanten: Woher das Lied? Der Kommandant: "Aus meinem USB-Stick." Ich schmunzle. Jedes Schiff habe einen eigenen Song, wenn es ein- oder ausläuft, erklärt Schultze. Auch für die Ras gebe es ein Lied. Und warum die Stones? Die möge er halt. Seit er das Schiff übernommen habe, laufe bei jeder Ras "Paint it Black".

Dass er und die Crew das Lied mögen, ist mir nicht verborgen geblieben. "Ich liebe es, wenn wir das Lied spielen", hatte eine Feldjägerin gesagt, als ich in Gedanken noch bei Stanley Kubrick war. "Geile Mucke, wa?", prustete ein anderer vor lauter Freude darüber. Aber warum ausgerechnet das? Ich gucke den Kommandanten fragend an. "Glauben Sie ja nicht, dass das irgendwas mit Hubschraubern über Vietnam und Kriegsfilmen zu tun hat."

Ich frage nicht weiter nach. Was ich glauben soll? Hmm. Was ich dagegen sicher weiß: Im Rückblick bin ich ganz froh, dass die Besatzung auf die Stones setzt. Die Fregatte "Köln", das erzählt mir ein Offizier, hat zur Ras immer "Viva Colonia" gespielt.

Lesen Sie, was am zehnten Tag auf See geschah.

Quelle: n-tv.de

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