Politik

Nachtrag zu einem Interview Wer ist für Ghuta verantwortlich?

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Bei dem Giftgas-Angriff auf Ghuta kamen am 21. August 2013 hunderte Menschen ums Leben. Eine Kommission der UN konnte den Ort erst Tage später untersuchen. Wer für den Angriff verantwortlich war, ist bis heute nicht zweifelsfrei festgestellt.

(Foto: REUTERS)

Am Wochenende haben wir ein Interview mit dem Chemiewaffen-Experten Ralf Trapp veröffentlicht, in dem dieser sagt, für den Giftgas-Angriff von Ghuta 2013 sei wahrscheinlich die syrische Armee verantwortlich. Hier eine Erläuterung dieser Aussage.

Als Reaktion auf ein Interview mit einem Experten für Chemiewaffen schrieb uns ein Leser, darin finde sich eine Einschätzung, die "offensichtlich falsch" sei. In dem Interview ging es um den Giftgas-Angriff in der syrischen Provinz Idlib vom 4. April, bei dem mehr als 80 Menschen ums Leben kamen. Ralf Trapp, einer der Gründer der Organisation für das Verbot chemischer Kampfstoffe (OPCW), sagt darin unter anderem, es habe im Syrien-Krieg drei Vorfälle mit Chlorgas gegeben, bei denen eine Untersuchungsgruppe von UN und OPCW zu dem Schluss gekommen sei, dass die syrische Armee dafür verantwortlich sei. Außerdem gab es einen Fall, für den die Untersuchungsgruppe den Einsatz von Schwefellost durch die Terrormiliz IS bestätigte.

Über einen weiteren Fall, einen Angriff mit Sarin in Ghuta östlich von Damaskus im Jahre 2013, sagte Trapp: "Wer dafür verantwortlich war, ist von der OPCW und den UN nicht untersucht worden. Aber die Indizien deuten auch hier darauf hin, dass es die syrische Armee war."

In seiner Mail schreibt der Leser, dass der Politologe und Islamwissenschaftler Michael Lüders kürzlich in der Talkshow von Markus Lanz eine ganz andere Theorie ausgeführt habe - eine, die sich offenbar vor allem auf Artikel des amerikanischen Journalisten Seymour Hersh stützt. (Bei Anne Will äußerte sich Lüders am Sonntagabend ähnlich.)

Lüders spricht bei Lanz darüber, dass der damalige US-Präsident Barack Obama 2013 zunächst zwar mit einem Militärschlag gedroht hatte, dann aber doch darauf verzichtete (mehr dazu hier).

"Warum hat er diesen Einsatz nicht befohlen?", fragt Lüders. Und fährt fort: "Weil seine eigenen Geheimdienste ihm gesagt haben: 'Lieber Präsident, vorsichtig.' Die eigenen Geheimdienste, die Briten und die Amerikaner, haben nämlich das Giftgas, das in Ghuta eingesetzt worden war, untersucht und sind zu dem Schluss gekommen: 'Moment mal, dieses Sarin, das dort eingesetzt wurde, befindet sich nicht in den Beständen der syrischen Armee.' Und daraufhin wurden die Amerikaner sehr vorsichtig, die Geheimdienste wohlgemerkt, und haben Obama gewarnt. Mittlerweile wissen wir, dass es mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit nicht das Regime war, das für diesen Giftgas-Angriff verantwortlich war - nicht, dass es ihm nicht zuzutrauen wäre, aber ein Verdacht ist eben noch kein Beweis. … Und heute gehen eigentlich die Indizien in die Richtung, dass dieser … Giftgas-Angriff ein sogenannter Angriff unter falscher Flagge war. Nach allem, was wir bislang vermuten dürfen, und was als gesichert wohl zu gelten hat, war dies eine Zusammenarbeit der Nusra-Front … mit dem türkischen Geheimdienst MIT."

(Zentral für Lüders' Argumentation ist der Vorwurf an Politik und Medien im Westen, die Rebellen in Syrien als die Guten anzusehen und Assad als den Bösen. Für die erste Zeit der Kämpfe in Syrien trifft dieser Vorwurf sicherlich zu. Mit Blick auf die Gegenwart kann man diese Wahrnehmung allerdings anzweifeln.)

Zurück zu Ralf Trapp, der zu einer anderen Einschätzung als Michael Lüders kommt. Warum? Das geht aus dem Interview nicht hervor. Wir haben ihn daher um eine Erläuterung gebeten, die Sie im Folgenden finden. Nur in einem Punkt stimmt er Lüders zu.

Michael Lüders hat insoweit Recht, als man allen Seiten in Syrien den Einsatz von Chemiewaffen zutrauen muss, und sowohl die syrische Armee als auch einige der terroristischen Gruppen haben mit Sicherheit auch Giftgase in der einen oder anderen Form eingesetzt. Im vergangenen Herbst ist das auch in etlichen Fällen vom Joint Investigation Mechanism von UN und OPCW bestätigt worden. Darin wird die syrische Armee für drei Giftgas-Angriffe mit Chlorgas verantwortlich gemacht, der sogenannte Islamische Staat für einen mit Schwefellost. Mit Blick auf Ghuta irrt Lüders sich aber in zwei Punkten.

Erstens: Es gab in der Tat Berichte über Einschätzungen der Geheimdienste Großbritanniens und der USA, denen zufolge das Sarin aus Ghuta nicht dem Kampfstoff entspricht, der sich in den Vorräten der syrischen Armee befand. Dies wurde als Argument gewertet, um zu sagen, dass die syrische Armee für diesen Angriff nicht verantwortlich gewesen sein könne.

Damit dieses Argument stichhaltig ist, hätten die Geheimdienste Referenzproben vom syrischen Sarin-Vorrat haben müssen. Nach den Erkenntnissen der OPCW hatten die Syrer aber nicht Sarin bevorratet, sondern dessen Vorprodukte. Sollte die syrische Armee also in Ghuta Sarin eingesetzt haben (ein Szenario, das unbewiesen ist, das ich aber für plausibel halte), dann wurden diese Vorprodukte kurz vor dem Einsatz gemischt und zur Reaktion gebracht. Das wurde entweder in speziellen Mischanlagen oder direkt im Gefechtskopf gemacht.

Von diesen Sarin-Mischungen kann eigentlich nur derjenige eine Referenzprobe gezogen haben, der beim Abmischen dabei war. Wenn die Geheimdienste also Proben aus einem syrischen Chemiewaffen-Lager beschafft haben sollten, wären das eher die Vorprodukte gewesen. Um deren chemische Signatur mit dem Sarin von Ghuta vergleichen zu können, muss man die Rezeptur kennen, die die syrische Armee verwendet hat.

Der syrische Sarin-Prozess unterscheidet sich von dem, was andere versucht haben, in einem Punkt. Bei der chemischen Reaktion zum Sarin entsteht Flusssäure, die man abfangen muss. Die Syrer dürften dazu Hexamin (auch Urotropin genannt) verwendet haben. Hexamin ist in den OPCW-Berichten zu den von Syrien gemeldeten Stoffen seines Chemiewaffen-Programms aufgelistet und wurde auch in den Sarin-Proben aus Ghuta gefunden, wie aus den Berichten der UN-Mission unter der Leitung des Schweden Åke Sellström hervorgeht.

In den Proben aus Ghuta fand man außerdem etliche Verunreinigungen und Nebenprodukte, die man normalerweise bei militärischer Produktion nicht erwarten würde. Aber die Syrer mussten das Sarin ja nicht reinigen, da sie es nicht lange lagern wollten.

Kurzum: Nach allen öffentlich zugänglichen Berichten sind die Untersuchungsergebnisse des Sarins von Ghuta mit der Methode der syrischen Armee zum Einsatz von Sarin und den verwendeten Chemikalien kompatibel.

Zweitens: Die Geschichte mit dem türkischen Geheimdienst setzt voraus, dass die Türkei eine Sarin-Anlage hat oder hatte – die Türkei hat eine derartige Anlage unter der internationalen Chemiewaffen-Übereinkunft aber nie gemeldet und es gibt auch keine Berichte über eine solche Anlage. Die Türkei ist Mitglied des Abkommens. Würde es eine solche Anlage geben, hätte das doch wohl Fragen des Iran, Russlands und anderer Länder und eine entsprechende Untersuchung der OPCW ausgelöst. Dasselbe gilt übrigens auch für Staaten wie Katar und Saudi-Arabien, die einige der Terroristen-Gruppen in Syrien unterstützen, über die es ähnliche Behauptungen gab.

Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass der türkische Geheimdienst – zum Beispiel zu Schutzzwecken – mit verschiedenen Kampfstoffen gearbeitet hat. Aber im halbindustriellen Maßstab? Das ist eher unwahrscheinlich. Außerdem wäre die Herstellung solcher Stoffe zu Schutzzwecken an die OPCW meldepflichtig und Gegenstand internationaler Inspektionen. In Ghuta wurden unter anderem Boden-Boden-Raketen mit einem Füllvolumen von um die 55 Liter verschossen. Dazu kamen noch Artilleriegeschosse kleineren Kalibers. Das würde bedeuten, dass Sarin im Tonnenmaßstab von der Türkei nach Damaskus transportiert, dort in Raketen und Granaten umgefüllt und schließlich verschossen wurde. Wer schon mal mit solchen Stoffen gearbeitet hat, dürfte erhebliche Schwierigkeiten haben, sich dieses Szenario vorzustellen. Zum Abfüllen braucht man Vollschutz (nicht nur Gasmasken), Training im Umgang mit hochtoxischen und flüchtigen Kampfstoffen, technische Mittel zur Entgiftung und zum Containment etwaiger Luftkontamination und medizinische Versorgung. Es hat immer wieder Bilder und Videos von Rebellengruppen gegeben, die mit Chemikalien hantiert haben oder von deren Labors und bevorrateten Chemikalien, aber nichts davon entspricht auch nur im Ansatz dem, was für die Handhabung größerer Mengen Nervenkampfstoff erforderlich wäre.

Die Argumentation von Michael Lüders wäre plausibel, wenn der Angriff von Ghuta sehr eingegrenzt gewesen wäre. Aber die Größenordnung des Sarin-Einsatzes dort (wie auch das Muster des Einsatzes in Idlib vor einer Woche) macht es aus technischen Gründen eher unwahrscheinlich, dass Terroristen dazu in der Lage gewesen wären.

Quelle: n-tv.de, hvo

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