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"Dual-Use" - in der Grauzone der Wissenschaft Wie das Pentagon deutsche Unis finanziert

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Militärische Forschungen "made in Germany" stehen im Pentagon hoch im Kurs.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die USA lassen für Millionen von Dollar an deutschen Hochschulen und Unis für den Krieg forschen. Einige dieser Aufträge sind klar militärisch definiert, andere befinden sich eher in einer Grauzone - und liegen damit im Ermessen der Wissenschaftler.

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Die LMU München erhielt viel Geld, um Sprengstoffe "ökologisch vertretbar" zu machen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wie geht umweltbewusstes Töten? An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität versucht man seit Langem, eine Antwort darauf zu finden. Denn Sprengstoff ist bekanntlich nicht nur explosiv, sondern auch hochgiftig. Ein Problem, weniger für die Opfer von Bombenabwürfen selbst, als vielmehr für Soldaten und Zivilisten im Krieg. Explosivstoffe "made in Germany" sind vor allem bei der US-Armee begehrt.

Nach einem Bericht von NDR und "Süddeutscher Zeitung" finanziert das US-Verteidigungsministerium entsprechende Forschungen an deutschen Unis mit Millionen von Dollar. Wie der Münchner Professor für Anorganische Chemie, Thomas Klapötke, der "SZ" sagte, solle seine Erfindung des Öko-Sprengstoffs "die gleiche Leistung, aber weniger ökologische und toxikologische Probleme" bringen. Für die Forschungen an "sauberem Sprengstoff" zahlte das Pentagon 2012 eine halbe Million Dollar an Klapötke.

"Ethisch nicht verantwortbar"

Seit dem Jahr 2000 sollen 22 deutsche Hochschulen und Forschungsinstitute Geld aus dem US-Haushalt bekommen haben: Mehr als zehn Millionen Dollar. Diese von den USA finanzierten Forschungsprojekte rufen die Kritiker auf den Plan: "Forschen für den Krieg ist ethisch nicht verantwortbar", sagte Reiner Braun von der rüstungskritischen Vereinigung Deutscher Wissenschaftler der "Süddeutschen Zeitung".

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Sprengstoff enthält das giftige Nitramin Hexogen. Es schädigt die Nieren.

(Foto: REUTERS)

Die Vielzahl dieser Forschungsaufträge "überrascht", erklärte der Grünen-Experte Kai Gehring in Berlin. Er forderte die Hochschulen zu umfassender Transparenz auf. Oft sei es schwer, zwischen ziviler und militärischer Anwendung klar zu trennen, betonte er. Gerade deshalb sei Offenheit so wichtig. Die hochschulpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Nicole Gohlke, forderte Aufklärung von der amtierenden Bundesregierung.

Der Präsident der deutschen Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, wies dagegen Kritik an Aufträgen für das US-Militär zurück. "Grundsätzlich gibt es keinen Grund, das Verteidigungsministerium eines mit Deutschland eng verbündeten Staates als Projektträger auszuschließen", sagte er dem "Handelsblatt".

Unter den Zuwendungsempfängern waren auch das  Max-Planck-Institut, das Alfred-Wegener Institut und das Leibnitz-Institut. Allein diese drei Einrichtungen sollen Zuwendungen von mehr als einer Million Dollar erhalten haben. Thomas Klapötke sieht indes keinen moralischen Konflikt. "Entweder man ist Pazifist und schafft die Armee ab, oder man glaubt an das Nato-Bündnis." In diesem Fall wäre es nach Ansicht des Forschers nicht verwerflich, seine eigenen Leute mit gutem Material auszustatten.

Das ist freilich Auslegungssache. Nach den Recherchen von NDR und der "SZ" erhielt beispielsweise die Uni Marburg rund 70.000 Dollar für eine Laborstudie zur "nächtlichen Orientierung von Wüstenheuschrecken" in Afrika. Auch wenn man darin zunächst einen zivilen Hintergrund vermuten mag und die Uni selbst von "reiner Grundlagenforschung" spricht, lohnt es sich doch genauer hinzuschauen. Denn in dem Projektbericht der US-Luftwaffe zielen die Forschungsergebnisse laut "SZ" schlussendlich auf die Anwendung "zielgelenkter Munition" - sprich: Drohnen. Diese Waffen setzt das US-Militär bei seinem Kampf gegen den Terrorismus vor allem in Afrika, Afghanistan und Pakistan ein. Dort kommen jährlich Hunderte Zivilisten beim Einsatz der Drohnen ums Leben. In der Militärsprache spricht man von "Kollateralschäden". Und Klapötke würde spätestens hier in Erklärungsnot geraten, denn im afrikanischen Somalia kämpft nicht die Nato. Dort führen die USA einen Krieg gegen den Terror.  

Auch Bundeswehr zahlt für Forschung

Aber nicht nur Geld des US-Militärs fließt an deutsche Forschungseinrichtungen. Auch das Bundesverteidigungsministerium überweist den Unis laut "SZ" jährlich Millionen von Euro für "Wehrforschung, wehrtechnische und sonstige militärische Entwicklung und Erprobung". Das Bundesverteidigungsministerium teilte in Berlin mit, in den vergangenen drei Jahren im Schnitt jährlich Aufträge im Volumen etwa zehn Millionen Euro an deutsche Hochschulen vergeben zu haben. Die Bandbreite reiche dabei von wehrtechnischen bis hin zu sozialwissenschaftlichen Aufträgen.

Allerdings sind diese Forschungen nicht überall gut angesehen. Mehr als ein Dutzend deutscher Unis hat sich dazu verpflichtet, nicht für das Militär zu forschen. Darunter ist auch die Universität Bremen, die sich durch eine solche "Zivilklausel" abgesichert hat. Allerdings erhielten Wissenschaftler dieser Uni in den Jahren 2011 und 2012 ebenfalls Zuwendungen aus dem US-Verteidigungsministerium - jeweils 40.000 Dollar für ein Forschungsprojekt, bei dem es um Metallemissionen in der Atmosphäre geht. Schon allein die Tatsache, woher das Geld kommt, lässt zumindest die Frage zu, ob die Forschungsergebnisse nicht auch einen militärischen Nutzen haben könnten. Viele solcher Forschungen bewegen sich in einer Art Graubereich. Fachleute sprechen von "Dual-Use". Die Erfindungen können sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden.

Der Bremer Rektor Bernd Scholz-Reiter ist über die Zuwendungen aus den USA auch nicht glücklich. Er verweist aber darauf, dass es trotz Zivilklausel den einzelnen Forschern zusteht, darüber zu entscheiden, ob sie mit dem Militär zusammenarbeiten wollen oder nicht.

Für die chronisch klammen Universitäten kommt der Geldsegen oftmals gerade recht. Abgesichert sind sie letztendlich durch das Grundgesetz, das die Freiheit der Forschung garantiert, und die Bundesländer, die es ausdrücklich begrüßen, wenn die Unis Drittmittel einwerben. Zu beachten sind allerdings etwa die Vorgaben des Außenwirtschafts- und des Kriegswaffenkontrollgesetzes, die den Transfer von militärisch nutzbarem Knowhow in bestimmte Länder verbieten können.

Quelle: n-tv.de, mit dpa/AFP

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