Politik

Interview mit Annalena Baerbock "Wir müssen auch im Bund mitgestalten"

Mit einem Rekordergebnis von mehr als 97 Prozent bestätigen die Grünen Parteichefin Baerbock auf dem Parteitag in Bielefeld im Amt. Im Interview mit der Redaktion von RTL/n-tv nennt sie das eine "große Verantwortung". Gleichzeitig betont sie jedoch den klaren Anspruch der Partei, auch im Bund mitzuregieren. Doch dazu fordert sie die Grünen auf, "rauszugehen in die Breite der Gesellschaft".

n-tv: 97,1 Prozent - das ist ein sensationelles Ergebnis, auch generell für einen Grünen-Vorsitzenden. Haben Sie einen Schock bekommen und ist Ihnen bange vor einer solchen Verantwortung?

Annalena Baerbock: Das ist natürlich eine große Verantwortung, aber ich glaube - das hat man auf diesem Parteitag auch erlebt: Diese Partei will gemeinsam verändern, die will Verantwortung übernehmen und wir haben gute zwei Jahre hinter uns als Partei insgesamt. Und deswegen generell: Diese guten Wahlergebnisse konnten wir erreichen, glaube ich, weil es vielen richtig Spaß macht, im Team gemeinsam zu arbeiten, was Robert und ich versucht haben, ein bisschen anzustoßen.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat es noch schärfer formuliert als Robert Habeck: Er hat von einer Führungsrolle gesprochen, die die Grünen übernehmen sollten. Welche Rolle kommt Ihnen dabei zu?

Wir Grüne sind derzeit in der Opposition. Es sind so zentrale Fragen, die gerade anstehen: Umbau unseres Industrie- und Wirtschaftssystems, um es fit zu machen für das 21. Jahrhundert. Das muss ökologisch ausgerichtet werden und sozial gerecht. Dafür haben wir viele Vorschläge gemacht. Aber um wirklich verändern zu können, ist es gut, in Ländern mitzuregieren, aber wir müssen auch im Bund mitgestalten und das ist unser Anspruch, auch aus der Opposition heraus jetzt für Veränderung zu sorgen.

"Opposition ist Mist", hat mal ein SPD-Vorsitzender gesagt. Ich denke mal, das ist auch nicht ihr Ziel. Aber um mitregieren zu können, brauchen Sie ein gutes Wahlergebnis. Im Sommer sind Sie auf einer Erfolgswelle geschwommen, die ein bisschen abgeebbt ist. Was wollen Sie tun, um die Grünen zumindest auf einem solchen Level konsolidieren zu können? Wie wollen Sie weitere Wähler gewinnen?

Ich glaube, in den letzten zwei Jahren haben wir auch viel Zuspruch bekommen, weil wir halt nicht dauernd auf diese Umfragewerte geschielt haben, nicht immer geguckt haben: Was macht die CDU, was macht die SPD. Sondern wir haben gesagt: Was steht an in unserem Land? Bezahlbarer Wohnraum, darum müssen wir uns kümmern. Kinderarmut ist ein Riesenproblem. Und wie gesagt: Wir sind in einer konjunkturellen Flaute. Es ist aber eigentlich eine strukturelle Wirtschaftsfrage, die dahinter steht, und das zeitgleich mit der Klimakrise. Das müssen wir beantworten und das wollen wir tun. Und viele Menschen, habe ich auch persönlich erlebt, kommen und sagen: Wir teilen vielleicht nicht alles, aber man spürt, ihr wollt richtig verändern. Diesen Kurs wollen wir fortsetzen und nicht auf Umfragewerte allein schielen.

Haben Sie auch das Gefühl, Sie müssen etwas mehr zugehen auf die, die vielleicht etwas verschreckt sind? Robert Habeck hat Landwirte genannt, Arbeitnehmer in der Automobilindustrie. Muss man die auch noch ein bisschen mehr mitnehmen, damit sie nicht bei den Bauernfängern landen?

Wir machen Politik, um Themen gemeinsam voranzubringen. Da muss man halt auch mit denen reden, die eine andere Meinung haben. Ansonsten schafft man keine Bündnisse, ansonsten verändert man nur, wenn man unter gleich-und-gleich bleibt. Deswegen: Ja, wir müssen rausgehen in die Breite der Gesellschaft. Das heißt: Die sozialökologische Transformation muss auch für den Stahlarbeiter bei Thyssen funktionieren, die muss für die Pendlerin bei mir in der Prignitz in Brandenburg funktionieren und auch für den Heizungsbauer. Und deswegen legen wir Vorschläge auf diesem Parteitag vor, wie eben die Maßnahmen für die breite Gesellschaft greifen können, machen aber auch klare Kante gegenüber denjenigen, die diese Demokratie und diesen Rechtsstaat angreifen.

Mit Annalena Baerbock sprach Miriam Pauli

Quelle: n-tv.de