Politik

Enkel von Auschwitz-Überlebenden "Wir triumphieren über Hitler"

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Rund 1,1 Millionen Menschen werden in Auschwitz umgebracht - die meisten von ihnen Juden.

(Foto: dpa)

Sie müssen mit Auschwitz leben, so wie ihre Eltern und Großeltern: Die Enkel von Holocaust-Überlebenden befassen sich intensiv mit dem Grauen der Nazizeit - und ziehen für sich klare Konsequenzen. Dies zeigt sich auch in dem Buch "Leben mit Auschwitz", in dem Andrea von Treuenfeld viele von ihnen zu Wort kommen lässt. Mit ntv.de spricht die Publizistin darüber, wie der Holocaust die Enkel prägt und warum diese bereit sind, jederzeit die Koffer wieder hervorzuholen.

ntv.de: Für Ihr Buch "Leben mit Auschwitz" haben Sie mit vielen Enkeln von Auschwitz-Überlebenden gesprochen. Welche Erkenntnis hat Sie da am meisten überrascht?

Andrea von Treuenfeld: Die Enkel von Auschwitz-Überlebenden beschäftigen sich sehr stark mit dem Holocaust. Ein Enkelkind etwa, mit dem ich gesprochen habe, schrieb ein Buch, ein anderes setzte sich in einem Theaterstück mit den Auschwitz-Erfahrungen seines Großvaters auseinander. Diese dritte Generation befasst sich intensiv mit der Geschichte ihrer Großeltern - weit mehr, als dies auf der Täterseite der Fall ist.

Womit erklären Sie sich das?

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Das liegt teils wohl daran, dass im Judentum die Familie sehr wichtig ist. Und durch den Holocaust hat die Familiengeschichte noch einmal ein ganz anderes Gewicht bekommen. Die zweite Generation von Überlebenden ist extrem traumatisiert - und dadurch dann wiederum auch die dritte. Allerdings gibt es bei den Generationen einen Unterschied: Viele Holocaust-Überlebende haben ihren Kindern oft nichts erzählt von ihrer Vergangenheit in der Nazi-Zeit. Erst gegenüber den Enkeln haben sie dann geredet, was diese nun beschäftigt.

Warum konnten viele Überlebende besser mit den Enkeln als den eigenen Kindern reden?

Die Überlebenden wollten ihre Kinder schützen und sie nicht mit den grässlichen Erinnerungen und Erfahrungen überfrachten. Die Kinder wiederum hatten das Gefühl, ihre Eltern schützen zu müssen. Sie spürten, dass diese zutiefst verletzt waren, und wollten sie durch Fragen nicht noch weiter verletzen. Dagegen ist die Enkelgeneration einfach weiter entfernt und kann lockerer mit dem Thema umgehen. Vielleicht liegt es auch an dem Alter, dass viele Großeltern dann doch irgendwann reden wollten, dass ihnen angesichts des nahen Endes die Erkenntnis kam: "Wenn ich jetzt nicht rede, ist diese Geschichte verloren." Für viele Überlebende war es auch eine Erleichterung, endlich über ihre Erfahrungen während des Holocausts reden zu können.

Was direkt nach dem Krieg sicher schwerer war, genauso wie das Zulassen von Gefühlen. In Ihrem Buch zitieren Sie auch Verwandte von Auschwitz-Überlebenden, die von einem Emotionstabu sprechen.

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Andrea von Treuenfeld lebt als freie Autorin in Berlin und hat unter anderem ein Buch über die Kinder von Auschwitz-Überlebenden, "Erben des Holocaust", veröffentlicht.

Darunter litt besonders die zweite Generation - wobei auch manche Überlebende ihre Kinder geradezu mit Liebe überschüttet haben. Andere aber waren tatsächlich nicht mehr in der Lage, überhaupt Emotionen zuzulassen. Ein Beispiel: Ein Mann hatte in der Shoa seine Frau und seine Kinder verloren und war dann gegenüber dem Kind, das er mit seiner zweiten Frau nach dem Krieg bekam, sehr reserviert. Dahinter steckte die Haltung: "Alle meine Kinder sind gestorben, dies wird mir sicher auch noch genommen. Ich stecke da besser nicht zu viele Gefühle rein." Furchtbar, aber nachvollziehbar. Und erst als die Enkelgeneration kam, fühlte er sich auf der sicheren Seite und konnte plötzlich Liebe zulassen.

Inwiefern prägt Auschwitz noch die Enkelgeneration?

Eine meiner Befragten hat das sehr treffend ausgedrückt: "Die Aufgabe der Kinder der zweiten Generation war, die Überlebenden zu schützen. Die Aufgabe der dritten Generation ist es, zu beweisen, es hat sich gelohnt zu überleben." Die Enkel müssen jetzt etwas darstellen. Sie müssen zeigen, dass sie es geschafft haben und dass es Sinn ergab, dass ihre Großeltern für die Nachkommen überlebten.

Ist das nicht ein wahnsinniger Druck?

Die extreme Beschäftigung mit dem Holocaust in der Enkelgeneration spricht sicher dafür. Das ist schon eine Belastung. Aber die Belastung war in manchen Fällen eher die Tatsache, überhaupt jüdisch zu sein, aus einer Familie von Überlebenden zu kommen und in Deutschland zu wohnen. Viele der Enkel von Auschwitz-Überlebenden haben das Gefühl, dass sie irgendwie anders sind.

Was für Spuren hinterlässt das?

Die Enkel sind höchst sensibel für die Situation um sie herum. Und das hat in den vergangenen Jahren noch zugenommen. Sie haben zwar nicht täglich das Gefühl: "Morgen ist es wieder so weit, morgen werden wir wieder verfolgt." Aber dieses Thema, verbunden mit Antisemitismus, schwebt wie ein Damoklesschwert über ihnen.

Ein Enkel bezeichnet die Angst als vorherrschendes Gefühl in der dritten Generation.

Das würden sicherlich einige so bestätigen. Angst, dass irgendwas nicht gelingt, Angst vor Neuem, vor Unbekanntem, wie es eine Enkelin beschreibt. Viele hatten allerdings auch das Gefühl, ihre Eltern schützen zu müssen, da diese selbst als Kinder von Überlebenden bereits so viel Leid ertragen hatten. Das führte dann bei einigen dazu, dass sie nie aufbegehrt haben, sondern eine ganz stille, unrebellische Pubertät durchliefen. Sie funktionierten vor allem, um ihre Eltern nicht auch noch zu stressen.

Dieses Schützen der Eltern - wird das bei der Urenkel-Generation noch weitergehen?

Es wird ganz sicher immer weniger werden. Und wenn man die Großeltern nicht mehr erlebt und ihre Probleme und Geschichten nicht mehr gehört hat, rückt der Holocaust natürlich auch mehr in den Hintergrund.

Sie zitieren einen Enkel in Ihrem Buch mit den Worten: "Was nicht aufgelöst ist, wirkt über Generationen weiter. Damit es aufgelöst wird, muss es bewusst gemacht, angesehen und geachtet werden."

Das ist jemand, der sich sehr intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt hat, bis hin zu Therapie und Familienaufstellung. Er wusste: Wenn immer nur geschwiegen wird, dann ist das ungut. Man muss sich dem stellen, was war.

Kann denn dadurch das Trauma überhaupt aufgelöst werden?

Ob es ganz aufgelöst wird, weiß ich nicht. Aber ich kann, indem ich mich dem Trauma stelle, verstehen, was da überhaupt war. Ich kann mich dadurch ein Stück weit von der ganzen Sache befreien. Ohne sie zu negieren oder völlig zur Seite zu schieben, kann ich für mich manches auflösen.

Für etliche Enkel - das zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Buch - folgt auch aus dem Holocaust das Bewusstsein, dass sie jüdisch sind und ihr Judentum pflegen müssen. "Was ich spüre, ist die Verantwortung, Judentum in Deutschland zu erhalten", sagt etwa ein Enkel. Sollte Hitler nicht das letzte Wort haben?

Ganz genau. Viele haben das Gefühl: "Wir triumphieren über Hitler. Er hat nicht gewonnen, wir haben gesiegt."

Sie haben das Buch vor dem Anschlag in Halle geschrieben, bei dem ein Rechtsextremist die Synagoge der Stadt im Visier hatte. Wie groß ist die Angst seitdem von Juden in Deutschland?

Halle ist grauenvoll, und wird sicher, wenn man in einigen Jahren über Antisemitismus in Deutschland spricht, eine Zäsur sein. Es ist so unglaublich, dass es nach 1945 zum ersten Mal ein Attentat in dieser Form gab. Ob sich Juden in Deutschland nun mehr fürchten als früher, weiß ich allerdings nicht. Die Überlebenden saßen ja auf gepackten Koffern, weil sie immer glaubten, bald zu gehen. Die zweite Generation hat dann die Koffer ausgepackt. Die dritte Generation packt die Koffer noch nicht wieder, schaut aber schon einmal nach, wo diese stehen. Die Enkel der Überlebenden sind sensibilisiert für das, was hier geschieht, und sehen Deutschland auch nicht immer als ihre Heimat. Sie leben hier, sie leben hier gut, sie sind hier geboren und aufgewachsen und fühlen sich wohl, aber sie sind auch zwiegespalten: Sie wissen nicht, wie es in Zukunft weitergeht und ob sie hierbleiben werden.

Mit Andrea von Treuenfeld sprach Gudula Hörr

Quelle: ntv.de