Politik

"Hart aber fair" zum Coronavirus Wird Pflege zum "gut betreuten Gefängnis"?

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Die Runde um Moderator Frank Plasberg befasste sich erneut mit der Coronavirus-Krise.

(Foto: WDR/Dirk Borm)

Die Angst um Angehörige ist groß. Mehr als jeder dritte Tote im Zusammenhang mit Corona kommt aus einem Pflegeheim. Auch die Pflegekräfte sind besonders gefährdet, die Personaldecke ist hauchdünn. Werden Altenheime zur Corona-Falle?

Die Älteren und Kranken müssten ihre Kontakte deutlich länger reduzieren als der Rest der Bevölkerung, sagte Bundeskanzleramtschef Helge Braun vergangene Woche. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte dem "Zeit-Magazin": "Wir werden die Älteren möglicherweise über mehrere Monate bitten müssen, ihre Kontakte stark einzuschränken und im Zweifel zuhause zu bleiben." Die Zugangsbeschränkungen zu Pflegeheimen belasten jedoch die Gesellschaft. Eine 82-jährige Bewohnerin einer Einrichtung in Engelskirchen beschreibt das Pflegeheim als "ein gut betreutes Gefängnis".

Wie weit darf das selbstbestimmte Leben der ohnehin meist massiv eingeschränkten Bewohner und Bewohnerinnen in deutschen Pflegeeinrichtungen durch Maßnahmen gegen das Coronavirus vermindert werden? Bei "Hart aber fair" widmet man sich dieser Frage am Montagabend. Zu Gast im Studio bei Frank Plasberg sind der Professor für Altersmedizin an der Universität Frankfurt, Johannes Pantel, Infektiologe Gerd Fätkenheuer, die Altenpflegerin Silke Behrendt-Stannies, der Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, Bernd Meurer, sowie der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Außerdem wird im Laufe der Sendung Wibke Worm aus Köln per Video zugeschaltet. Sie pflegt ihren Mann seit vielen Jahren zuhause. Im Einzelgespräch mit Frank Plasberg bietet sie der Diskussionsrunde einen direkten Einblick in die häusliche Pflege.

"Das ist verfassungswidrig"

Dem Gerontopsychiater Pantel bleibt bei den Aussagen von Spahn und Braun die Spucke weg: "Man kann natürlich ältere Menschen bitten, zuhause zu bleiben, aber man kann sie nicht dazu zwingen. Das ist verfassungswidrig." Pantel warnt vor der Gefahr durch eine pauschale und ständige Rhetorik von Alt und Jung, Generationen gegeneinander auszuspielen. Dies sei aus Sicht der gerontologischen Forschung ein fataler Fehler. "Wir müssen weg von dieser rhetorischen Anspielung 'die Alten können das nicht für sich entscheiden'."

Auch Altenpflegerin Behrendt-Stannies muss erst mal einen Schluck trinken, um ihre Worte wieder zu finden, nachdem ihr die Strategien des Gesundheitsministers und des Bundeskanzleramtschefs die Sprache verschlagen haben. "Man kann Familien nicht auf Dauer trennen", lautet ihre deutliche Meinung. Pantel ergänzt: "Die soziale Isolation hat nachweislich einen erheblichen negativen Effekt auf den Verlauf der meisten chronischen körperlichen Erkrankungen. Sie kann sogar das Immunsystem schwächen und die Infektionsanfälligkeit erhöhen." In Zeiten der Pandemie ist dies eine paradoxe Wirkung, die zu großer Angst unter Angehörigen von Pflegebedürftigen führt.

Doch wie geht eigentlich Politiker Laumann mit der Zahl der Verstorbenen in Pflegeeinrichtungen um? "Wir haben auch in Nordrhein-Westfalen ein absolutes Besuchsverbot", sagt er und fügt hinzu, dass Besuche für Sterbebegleitung als eine Ausnahme in der Verordnung erlaubt seien. Er stellt jedoch auch fest, dass es trotz eines Besuchsverbots auch Neuinfizierungen gebe - durch Patienten, die infiziert vom Krankenhaus in die Pflegeheime kommen. Darunter seien neue Fälle fürs Pflegeheim, aber auch Personen, die während der Pflege in Krankenhausbehandlung waren. Deswegen schreibt die NRW-Regierung nun vor, dass Krankenhäuser testen und die Patienten 14 Tage isoliert werden müssen, bevor eine (Wieder-) Aufnahme in Pflegeheime möglich ist. Laumann betont: "Ich habe mich nicht für eine Aufnahmesperre entschieden, wie es Bayern und Niedersachsen gemacht haben." Grund dafür sei der Bedarf an Plätzen in Pflegeheimen.

"Wir haben keine Lösungen"

Auch Bernd Meurer sagt, es müsse weiterhin Ausnahmen geben, die es Angehörigen ermöglichen, sich zu verabschieden. "Es gibt kein Besuchsverbot in den Fällen, dass der Angehörige verstirbt." Dafür will er jederzeit plädieren. Dies muss möglich sein, gegebenenfalls mit Maske und Schutzkittel. Doch genau da kommt in der Diskussion ein Thema auf, das bereits in den letzten Tagen für viel Aufregung gesorgt hat: der akute Mangel. Ein Mangel an Pflegekräften, an medizinischem Personal, an Desinfektionsmitteln, Tests und Schutzbekleidung. Die Spannung zwischen den Experten und dem einzigen Politiker der Runde lässt das spürbar steigen.

Fätkenheuer, Ärztlicher Leiter der Klinischen Infektiologie der Uniklinik Köln, fordert Laumann zu einer Erklärung auf, weshalb Deutschland noch keine Schutzkleidung selber produziert. Die Antwort: Vlies sei Mangelware. Fätkenheuer führt fort: "Wir haben bisher viel über Mängel in der Verwaltung gesprochen. Ich denke, wir müssen von medizinischer Seite Lösungen finden, wie wir aus dieser Situation besser herauskommen. Biomedizinische Lösungen - Tests sind da natürlich ein ganz wichtiger Punkt." Seine Einrichtung in Köln war sehr früh von der Coronavirus-Krise betroffen. Seit Beginn arbeite man dort an Konzepten, Patienten und Personal zu schützen. Doch auch dort ist eins der größten Probleme der Mangel an den personell sehr aufwändigen Tests.

Für Plasberg ist "Mangel" das Wort des Abends. Der Talkmaster schließt die Runde nach einer langen Diskussion voller halbgarer Lösungsansätze mit folgenden Worten: "Wir haben keine Lösungen. Es ging darum, einfach mal zu beleuchten, wie es aussieht und einen Merkzettel zu füllen. Und dieser ist, glaub ich, sehr lang geworden heute." Manch ein Zuschauer fragt sich an dieser Stelle womöglich, wann es jemals in einer TV-Sendung eine Lösung zu politischen Problemen gegeben hat. Wenn die Dinge doch nicht so kompliziert wären. Doch das sind sie nun mal.

Quelle: ntv.de