Dossier

Der "erste" Bürger Heuss setzte Maßstäbe

Die Deutsche Post hat eine Briefmarke mit dem ersten Bundespräsidenten aufgelegt, und in seinem Geburtsort wird eine lebensgroße Statue enthüllt. Theodor Heuss, am 31. Januar vor 125 Jahren im baden-württembergischen Brackenheim (Kreis Heilbronn) geboren, wird nun dort wie andernorts gefeiert. Wäre dem als bescheiden geltenden Politiker, Journalisten und Literaten das nicht zu viel der Ehre gewesen? "Ich bin froh, dass er durch Zurückhaltung und Bescheidenheit aufgefallen ist und sein Amt geprägt hat", sagt Ludwig Theodor Heuss, Enkel des einstigen "ersten Bürgers".

Alle späteren Bundespräsidenten "wollten in irgendeiner Weise Heuss nacheifern", sagt der Historiker Tobias Kies, der über die Repräsentation der Bundespräsidenten forscht. Heuss habe sehr bewusst eine "nüchterne Bescheidenheit" auszustrahlen versucht, wenn er sich etwa im Lehnstuhl mit einem Buch in der Hand oder jovial in einer Weinstube mit den "einfachen Leuten" zeigte. "Das war eine gewisse Selbststilisierung", sagt Kies. "Er wollte sich ganz bewusst vom Glanz und Gloria früherer deutscher Politiker absetzen, vor allem natürlich vom Nationalsozialismus."

In humanistischer Tradition

Das führte zu Begebenheiten wie dem Besuch bei einem Manöver der Bundeswehr in Urmitz am Rhein 1958. Heuss blieb nicht lange, verabschiedete sich mit dem berühmten Satz "Nun siegt mal schön" - um dann eine kunstgeschichtlich interessante Kapelle zu besichtigen. "Er stand für humanistische Traditionen und gegen jeden Militarismus", sagt Kies.

Der als Sohn eines Straßenbaumeisters 1884 geborene Heuss war vom Neckar zum Studium der Nationalökonomie nach München und Berlin gegangen. Mit 21 Jahren promovierte er und ließ sich in der Hauptstadt nieder, wo er als Journalist und Politiker die liberalen Ideen Friedrich Naumanns verfocht. Den ersten Weltkrieg begrüßte der Journalist noch frenetisch. In der Weimarer Republik stand er als Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) aber dann energisch für die Demokratie ein. Im "Dritten Reich" wurde er als Chefredakteur der Zeitschrift "Die Hilfe" zum Rücktritt gedrängt. Werke aus seiner Feder landeten in den Feuern der Bücherverbrennung.

Im Zweiten Weltkrieg widmete sich Heuss stärker als zuvor dem Schreiben - mit Biografien von Persönlichkeiten wie dem Architekten Hans Poelzig oder dem Ingenieur und Firmengründer Robert Bosch. Einen Großteil des Lebensunterhalts bestritt dabei übrigens seine Frau Elly Heuss-Knapp (1881-1952). Als Bildungsbürger und Intellektueller habe er die positiven kulturellen Traditionen Deutschland zu pflegen versucht, ist Kies überzeugt.

Kontakte zum Deutschen Widerstand

Heuss hatte auch Kontakte zum Deutschen Widerstand gegen die NS-Herrschaft. So war er prädestiniert, nach 1945 eine Demokratie in Deutschland mit aufzubauen. Im Parlamentarischen Rat war er einer der Autoren des Grundgesetzes. Und als erster Vorsitzender der neu gegründeten FDP (1948) sowie ab dem 12. September 1949 als erster Bundespräsident füllte er die Paragrafen mit Leben.

Für seine Nachfolger habe Heuss nicht nur gezeigt, wie der Bundespräsident "überparteilich" wirken könne, sagt Kies. Der gebürtige Schwabe habe auch rhetorisch Maßstäbe gesetzt und in seinen Reden und Staatsbesuchen bereits sehr früh klar gemacht, dass Deutschland 1945 "befreit, nicht nur besiegt" wurde. Auch im kleinen Kreis zeigte sich Heuss redegewandt. "Es ist bekannt, dass er eine schwierig Situation mit ein, zwei humorvollen Sätzen auflockern konnte", weiß sein Enkel, der heute Vorsitzender der gleichnamigen Stiftung ist.

1963 starb Heuss in Stuttgart. Sein Geburtshaus - schräg gegenüber steht heute ein Museum - wurde nach 1945 mit seiner Zustimmung abgerissen - dort sollte Wein produziert werden. "Reißt das alte Haus nur ab, eine Stätte zur Pflege des Weines erscheint mir wichtiger als romantischer Ruhm auf Vorrat", soll er gesagt haben.

Johannes Wagemann, dpa

Quelle: n-tv.de

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