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Showdown am Hambacher Wald Das Festhalten an der Braunkohle ist falsch

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Im Hambacher Forst will RWE im Oktober hundert Hektar Wald für die Vergrößerung des Tagebaus roden.

dpa

Durch die Räumung des Hambacher Forsts wird die Kohlekommission überrollt. Mag sein, dass mancher Teilnehmer des Gremiums ein Untergangs-Szenario wünscht, um den Kohleausstieg zu verschieben. Sinnvoll wäre etwas anderes.

In diesen Tagen kommt es zum Showdown am Hambacher Wald. Der Kampf um Strom kommt in die finale Phase und gleicht einem amerikanischen Western: Im Kampf um Recht und Gesetz stehen die Soldaten der weißen Ordnungsmacht einer wilden Horde von Baumhaus-Indianern gegenüber, die ihre ungezügelte Freiheit nicht gegen eine zivilisierte Gesellschaft hergeben wollen. Das Stück Wald im Westen Deutschlands ist der Schauplatz für das letzte Duell. Diesen Eindruck vermitteln die aktuellen Nachrichten-Bilder aus Nordrhein-Westfalen. Doch der Eindruck täuscht. Das RWE-Management wütet ähnlich wie ein alternder und "erbarmungsloser" Revolverheld - wie Clint-Eastwood in einem Oscar-prämierten Film. Der Leinwand-Kampf endet im Massaker. Bevor es auch in der Realität zu schrecklichen Gewaltauswüchsen kommt, wird es Zeit, das machohafte Medienspektakel zu beenden.

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Prof. Dr. Claudia Kemfert ist die Energieexpertin des DIW Berlin. Sie gehört dem Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen an.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nüchtern betrachtet geht es um die gewinnbringende Ausnutzung von Bodenschätzen einerseits und um die Wahrung des Klimas und damit vieler anderer wertvoller globaler Ressourcen andererseits. Wir durchleben eine Zeitenwende weg von der fossilen Energienutzung hin zu einer Welt der erneuerbaren Energien. Dass dieser Wandel stattfindet, ist allen klar. Gekämpft wird nur noch um das Tempo. Doch die (zu spät) einberufene Kohlekommission, die den Übergang von der alten in die neue Zeit friedlich gestalten soll, wird derzeit überrollt. Statt zu reden wird gerodet.

In Berlin ringt man um Kompromisse für einen Kohleausstieg und Bewältigung des Strukturwandels. In Essen setzt RWE währenddessen auf maximale Eskalation. Dies ist nicht sehr klug. Man hätte als Zeichen des guten Willens die Abholzung des Hambacher Waldes aussetzen sollen, bis man in der Kohlekommission einen Ausstiegsfahrplan erarbeitet hat.

Denn je früher alte und ineffiziente Kohlekraftwerke vom Netz gehen, desto weniger Braunkohle muss aus den Tagebauen noch gefördert werden. Dies gilt insbesondere für den Hambacher Wald, deren Braunkohle auch für die Kraftwerke in Niederaußem und Neurath genutzt wird - beides Kraftwerke, die aufgrund ihres Alters ohnehin Abschaltkandidaten des Kohleausstiegs wären. Eskaliert der Streit, platzt die Kommission. Für dieses Desaster wird Deutschland keinen Hollywood-Oscar bekommen, sondern höchstens als Klima-Sünder angeprangert werden.

Nordrhein-Westfalen ist der größte Emittent unter den Bundesländern. Hier sind die Klimaschutzeffekte bei einem Kohleausstieg besonders groß. Die nordrhein-westfälischen Braunkohlekraftwerke sollten bis 2030, die Steinkohlekraftwerke bis 2040 abgeschaltet werden. Der Ausstieg aus der Braunkohle würde nicht zuletzt auch dem Landschafts- und Umweltschutz dienen. Der Kohleausstieg in NRW kann so gestaltet werden, dass im Tagebau Garzweiler II keine weiteren Ortschaften weichen müssen und auch der Hambacher Forst größtenteils erhalten bleibt. Zudem kann das Land massiv von den wirtschaftlichen Chancen durch den Ausbau erneuerbarer Energien profitieren.

Auch ohne Kohle ist die Energiesicherheit gewährleistet

Leider setzt die derzeitige Landesregierung die falschen Prioritäten und kümmert sich um den Waldschutz nur dann, wenn Windräder errichtet werden sollen. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien liegt Nordrhein-Westfalen im Ländervergleich noch immer sehr weit hinten. Deswegen nimmt das Land im Rahmen der Energiewende eine Schlüsselposition ein.

Mag sein, dass mancher Teilnehmer der Kohlekommission ein Untergangs-Szenario wünscht, um den Kohleausstieg zu verschieben. Der Eigennutz scheint manchem stärker als die Verantwortung. Doch die angeblichen finanziellen Argumente für die Verbraucher sind leider Augenwischerei. Auch ohne Kohle ist die Energiesicherheit gewährleistet.

Wir produzieren derzeit mehr Strom als wir brauchen. Die Auswirkungen eines raschen Kohleausstiegs auf die Strompreise wären gering. Denn Kohlestrom konkurriert an der Börse mit erneuerbaren Energien: Je mehr erneuerbare Energien im System sind, desto niedriger der Strompreis an der Börse. Es ist sogar so, dass der hohe Anteil von Kohlestrom die Energiewende derzeit teurer macht. Der Grund sind die gestiegenen Preise für CO2-Emissionen. Ein hoher CO2-Preis kann nicht nur die klimapolitisch gewünschten Effekte einer Verteuerung des Kohlestroms bewirken. Das macht die erneuerbaren Energien wettbewerbsfähiger. Die Stromkunden müssen sich also nicht sorgen: Ein höherer Strompreis an der Börse führt zu einer sinkenden EEG-Umlage - mit dem Effekt, dass der Endkundenpreis stabil bleibt.

Was den Klimaschutz angeht, müssen wir uns allerdings große Sorgen machen. Die von der Bundesregierung vorgeschlagene Reduktion von fünf bis sieben Gigawatt Kohlekraftwerkskapazitäten wird nicht ausreichen, um die Klimaziele 2020 zu erreichen. Es bräuchte eher das Doppelte! Allerdings wäre es zumindest ein erster Schritt. In der zweiten Phase sollten die Leistungen der existierenden Kraftwerke gedrosselt werden, bis dann das letzte Kraftwerk vom Netz geht. Dies würde den Umbau erleichtern.

Die erneuerbaren Energien müssen währenddessen weiter wachsen, am besten lastnah und dort, wo es dem System am meisten nützt. Es bedarf dezentraler Netze samt intelligenter Steuerung, um die Energiewende so kosteneffizient wie möglich zu machen. Dies gelingt natürlich nur, wenn der Strukturwandel klug begleitet wird. Anstelle von "Kohleabwrackprämien" für das Stilllegen von Kraftwerken zu bezahlen, die ohnehin vom Netz gegangen wären, sollten besser Finanzhilfen für betroffene Regionen und Beschäftigte bereitgestellt werden.

Kohlekraftwerke passen nicht in eine nachhaltige Energiewende, sie produzieren zu hohe Mengen Treibhausgase und sind vor allem zu inflexibel in der Kombination mit erneuerbaren Energien. Gerade die "Grundlastfähigkeit", was übersetzt heißt "Inflexibilität", macht sie ungeeignet für die Energiewende. Eine Energiewende, die auf erneuerbaren Energien basiert, braucht flexible, dezentrale, intelligente Systeme. Das Festhalten an der Braunkohle verhindert dies.

Jetzt ist sowohl die Landes- als auch die Bundesregierung gefragt, den Streit zu schlichten, damit Deutschland wirtschaftlich und ökologisch vernünftig in den Sonnenuntergang reiten kann.

Quelle: n-tv.de

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