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Zocken um den Brexit Der letzte Spieler des Königreichs

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Alles nur ein Spiel? Boris Johnson kommt aus derselben Blase wie die meisten seiner Vorgänger.

(Foto: REUTERS)

Boris Johnson hat seine rechnerische Mehrheit im Parlament verloren. Damit reiht er sich in die Niederlagenserie seiner Vorgängerin Theresa May ein. Johnson könnte der letzte Politiker eines Systems sein, das sich zu lange aus seinem eigenen Elite-Club bedient hat.

Wer in der britischen Politik bestehen will, muss ziemlich schlagfertig sein. In der Regel sind das die meisten britische Politiker, denn sie haben ihre Ausbildungen größtenteils an den gleichen Elite-Schulen durchlaufen und danach in Oxford oder Cambridge fortgeführt. Dort lernt man etwa, wie man eine geistreiche Tischrede hält und seine Dinner-Gäste zum Schmunzeln bringt. Ein bisschen ist es im britischen Parlament auch so: Wer die beste Tischrede hält, der hat die Lacher auf seiner Seite.

Wer spielerisch den Spieß umdrehen kann, der kann so manch brenzlige Situation entschärfen. David Cameron war ein Meister darin, Theresa May konnte das auch - der Labour-Chef Jeremy Corbyn hat dafür kein Talent. Premierminister Boris Johnson hingegen ist so etwas wie der Meister der Tischreden. Schon viele seiner Vorgänger gehörten zu dieser undurchlässigen Elite-Blase in Großbritannien, doch Johnson ist gewissermaßen ihr Vorsitzender.

Für Johnson ist Politik ein Spiel. Alles oder nichts. Und das britische System lädt geradezu ein, dass alles versucht und ausgereizt wird, um die Grenzen dieses Spiels zu erweitern. Das liegt auch daran, dass es auf so vielen antiquierten Gesetzen basiert. Lustig ist zum Beispiel ein Gesetz, das besagt, dass britische Abgeordnete keine "Rüstung" im Parlament tragen dürfen. Außerdem ist es tatsächlich (zumindest theoretisch) nicht erlaubt, in einem Pub betrunken zu sein.

Übertritt könnte Beginn eines Umdenkens sein

Nicht so lustig für die Demokratie ist es, dass ein Premierminister sein Parlament einfach so kurz vor dem Brexit-Austrittsdatum beurlauben kann, um den Brexit-Gegnern die Zeit für Gegenoffensiven zu rauben. Es passt aber eben gut in dieses System, dass ein Boris Johnson auf die Idee kommt, der britischen Monarchin genau das vorzuschlagen, wohlwissend natürlich, dass die Queen dem zustimmen muss, weil sie letztlich keine politische Macht hat. Nicht umsonst basiert die erfolgreiche US-Politik-Serie "House of Cards" auf der gleichnamigen britischen Serie, die bereits in den 1990 von der BBC ausgestrahlt wurde und dessen Macher sich von dem britischen Parlament ("House of Commons") inspirieren ließen.

Doch das Überlaufen eines Abgeordneten von Johnsons konservativer Partei zu den pro-europäischen Liberaldemokraten könnte den Premierminister ins Wanken bringen. Nicht nur seine rechnerische Mehrheit hat Johnson damit verloren. Es kann der Beginn eines Umdenkens sein.

Phillip Lee, der Überläufer, sagte, er sei nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss gekommen, dass er als Mitglied der Konservativen nicht mehr in der Lage sei, die Interessen seiner Wähler adäquat zu vertreten. Damit fällt er eine grundsätzliche Entscheidung, über die womöglich auch manch anderer konservativer Abgeordneter in der Regierung in den letzten Monaten nachgedacht hat. Denn mit Realpolitik hat das britische Parlament nur noch wenig am Hut.

Kurz vor dem Brexit wird das traditionelle politische System in Großbritannien so kritisch hinterfragt wie noch nie. Und Johnson könnte sein letzter Repräsentant sein: der letzte Spieler des Königreichs.

Quelle: n-tv.de