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Was kommt nach Gaddafi? Libyens unsichere Zukunft

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Das Spiel ist aus.

REUTERS

Die letzten Schlachten werden geschlagen, die Diktatur des Muammar al-Gaddafi in Libyen ist Geschichte. Das nordafrikanische Land steht vor einem sehr steinigen Weg in die Zukunft. Die schwierigste Aufgabe für die neuen Machthaber ist der Erhalt der Einheit Libyens.

Der "arabische Frühling" war in den vergangenen Wochen etwas aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit geraten. Die nachrevolutionären Ereignisse in Ägypten und Tunesien sorgten für Ernüchterung. Noch immer ist unklar, ob nach den Despoten Husni Mubarak und Zine el-Abidine Ben Ali freiere Gesellschaften in beiden Ländern durchgesetzt werden können. In Jemen herrscht ein Machtvakuum. Präsident Ali Abdullah Saleh ist derzeit zwar nicht im Lande - aber so richtig weg von der Macht ist er auch nicht. In Bahrain hält sich das sunnitische Könighaus mit aktiver Hilfe Saudi-Arabiens nach wie vor. In Syrien lässt Machthaber Baschar al-Assad die Panzer rollen und Aufständische niederschießen.

Nun sorgen ausgerechnet die Libyer für eine neue Dynamik im arabischen Umwälzungsprozess. Die "Operation Meerjungfrau" fegt "Revolutionsführer" Muammar al-Gaddafi hinweg. Trotz großmäuliger Durchhalteparolen ist die Zeit des 69-jährigen ewigen Herrschers abgelaufen. Den Aufständischen, die seit Monaten bereits den Ostteil des nordafrikanischen Landes kontrollierten, gelang es sehr schnell, in die Hauptstadt Tripolis einzuziehen. Ihr Sieg dürfte eine Frage der Zeit sein.

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(Foto: AP)

Gaddafi hatte im libyschen Volk kaum noch Unterstützung. Ihm bislang loyale Stämme wechselten die Fronten. Bemerkenswert und wichtig ist dabei, dass die in Tripolis einmarschierenden Kämpfer aus den Nefussa-Bergen und aus weiteren Teilen des libyschen Westens stammen und nicht aus der Rebellen-Hochburg Bengasi. So gelang es den im Provisorischen Nationalrat organisierten Anti-Gaddafi-Kräften, den größten Teil der hauptstädtischen Bevölkerung für sich zu gewinnen.

Der Westen half

Einen wichtigen Beitrag zum Ende des Regimes leistete auch der Westen. Einerseits wurde im Frühjahr in letzter Sekunde verhindert, dass Gaddafi Bengasi zurückerobern konnte. Andererseits sorgten anhaltende Luftangriffe für eine Demoralisierung der Truppen des Machthabers. Immer mehr Offiziere und Soldaten desertierten. Die Gaddafi-Armee büßte den größten Teil ihrer Schlagkraft ein.

Nach dem militärischen Sieg steht dem Provisorischen Nationalrat mit dem ehemaligen Justizminister Mustafa Abdul Dschalil an der Spitze allerdings das Schwierigste noch bevor. Gaddafi hat das Land mit seiner jahrzehntelangen Politik des Ausspielens der verschiedenen Stämme tief gespalten. Dschalil, der sich bereits zu Amtszeiten vorsichtig kritisch zu den Zuständen in Libyen äußerte, muss die konkurrierenden Kräfte zusammenhalten, um eine "Afghanisierung" des Landes zu verhindern. Dabei ist es libysche Tradition, dass die Stammesführer ein gewichtiges Wort an der weiteren politischen Entwicklung mitzureden haben. Auch der rechtstaatliche Umgang mit den Kräften des alten Regimes muss gewährleistet sein. Dabei ist blutige Rache fehl am Platz. Gelingt es Dschalil, Rebellen-Regierungschef Mahmud Dschibril und dem alles andere als homogen zusammengesetzten Nationalrat nicht, eine geordnete Machtübernahme unter Einbeziehung aller Kräfte der libyschen Gesellschaft zu organisieren, drohen weitere blutige Auseinandersetzungen.

Erschwerend für die weitere Entwicklung Libyens kommt hinzu, dass der von Schuldenkrise und wachsender Rezessionsgefahr gebeutelte Westen derzeit stark mit sich selbst zu tun hat. Dennoch muss er wichtige politische und ökonomische Hilfe leisten - ohne in den Ruch der Bevormundung der Libyer zu geraten. Dazu zählen faire Wirtschaftsbeziehungen, die den Libyern Perspektiven aufzeigen. Eine ausschließliche Fokussierung auf die Ausbeutung der libyschen Ölvorräte ist dabei kontraproduktiv. Ansonsten droht eine noch stärkere Fluchtwelle in Richtung Europa.

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Quelle: n-tv.de

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