Österreich-Newsletter

"Prinz Eisenherz" bleibt hart Seehofer kann nicht auf Kurz zählen

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Servus und herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert", dem Österreich-Newsletter bei n-tv.de!

Wenn Horst Seehofer in diesen Tagen bei seiner Schwesterpartei in Österreich anrufen möchte, sollte er das lieber mit unterdrückter Nummer tun. 

Der deutsche Innenminister will ja eine "Koalition der Willigen" schmieden, um Tausende Frauen und Kinder aus der Hölle von Lesbos zu befreien. Sagen wir es mal so: Ehe Sebastian Kurz da mitmacht, lässt Österreich deutsche Autofahrer auf der Inntalautobahn mautfrei von Kufstein bis zum Brenner düsen.

Warum die harte Haltung des Bundeskanzlers die Regierungskoalition mit den Grünen belasten könnte, klären wir in dieser Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert". Außerdem: Der aktuelle Stand zu Corona und ein Fund, der Geschichte (um)schreibt.

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grauslich: hässlich, unangenehm, eklig

"Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen", sagte Sebastian Kurz im Januar 2016 in der "Welt". Ein Satz, der Eingang gefunden hat in den politischen Sprachschatz Österreichs und der oft zitiert wird in diesen Tagen, in denen an der griechisch-türkischen Grenze das Tränengas über schreiende Kinder wabert und auf Lesbos Zehntausende Menschen in klammen Zelten vor sich hin vegetieren.

Kurz setzt auf das Prinzip der Abschreckung: In dieser Logik riskiert eine Situation wie 2015, wer nicht mit Gummigeschossen auf Familien losgeht und wer Kinder aus den unmenschlichen Slums von Lesbos herausholt. Erdogan erpresse die EU, sagte Kurz der "Funke Mediengruppe": "Dieses Spiel dürfen wir nicht mitspielen."

Seit Anfang des Jahres regiert "Prinz Eisenherz" (so titelte das "Profil"-Magazin im März 2016) nun mit den Grünen, die in der Flüchtlingsfrage so ziemlich die gegenteilige Haltung vertreten und das auch dürfen - jedenfalls in Interviews.

Am Montag sprach sich Vizekanzler Werner Kogler von den Grünen noch dafür aus, Kinder und Frauen von den griechischen Inseln nach Österreich zu holen. Einen Tag später, nach einem Gespräch mit Kurz, wollte er seine Gedanken als "Privatmeinung" verstanden wissen. Nun muss man einem Grünen sicher nicht erklären, wie politisch das Private ist. Erst recht nicht, wenn es der Vizekanzler ist, der seine privaten Gedanken kundtut.

Zumal eine mögliche neue Flüchtlingskrise die Sollbruchstelle von Türkis-Grün markiert: Für diesen Fall sieht das Regierungsübereinkommen einen "koalitionsfreien Raum" vor. Bedeutet: Verweigern sich die Grünen dem Abschottungskurs von Kurz, darf sich die ÖVP andere Mehrheiten im Parlament suchen. Die FPÖ wäre dafür sicher zu begeistern. Nur: Wie erklärt Kogler dann der grünen Basis, warum er mit diesem Kanzler eigentlich eine Koalition eingegangen ist? Schwer zu glauben, dass die Refugees-Welcome-Aktivisten in der Partei sich dazu mit einer "Privatmeinung" abspeisen lassen.

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Ohne Niklas Rafetseder zu nahe treten zu wollen: Unter normalen Umständen hätten außer seinem Doktorvater nur eine Handvoll Nerds jemals in seiner Dissertation über "Römische Stadtgesetze" geblättert - der 28-jährige Latein-und Geschichtslehrer hat sich ein klassisches Orchideen-Thema gesucht.

Aber was er gefunden hat, katapultierte ihn am Dienstag plötzlich auf die ganz große Bühne neben den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, der stolz "eine wissenschaftliche Sensation" verkündete: Rafetseder hat den Beweis erbracht, dass Wien schon als römisches Legionslager Vindobona das Stadtrecht erhalten hat, nicht erst 1221 von den Babenbergern. Runde 1000 Jahre früher also, da kann man als Bürgermeister schon einmal zu Superlativen greifen, zumal als Doktor der Geschichte wie Ludwig (Dissertation: Das marxistisch-leninistische Konzept der "Partei neuen Typus" am Beispiel der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands).

 

Das Objekt der Freude misst gerade einmal 13,2 mal 5,5 Zentimeter: ein Bronzefragment mit 41 kaum zu entziffernden Buchstaben. Archäologen hatten es vor über 100 Jahren bei Grabungen in der Innenstadt gefunden, katalogisiert und im Depot des Wien-Museums verstaut. Bis er mit einer Datenbankabfrage auf das vergessene Bruchstück stieß - und weil er den standardisierten Text eines römischen Stadtgesetzes in- und auswendig kannte, konnte er die 41 Zeichen auf der Wiener Bronzetafel eindeutig zuordnen.

Rafetseder bekommt für seinen Glücksgriff neben dem Ruhm einen Doktortitel - und der eigentliche Star, das Stadtrechts-Fragment, einen neuen Platz: In einer Vitrine im Wiener Römermuseum.

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++ Stand Freitagmorgen verzeichnet Österreich 47 bestätigte Coronavirus-Fälle. Die ersten Patienten, ein italienisches Paar, das in Innsbruck arbeitet, wurde am Donnerstag für gesund erklärt und aus der Quarantäne entlassen. ++ Wegen des Virus wird die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines jeden fünften Flug im März streichen. Der Flughafen Wien bereitet "vorsorglich" ein Sparpaket vor, das Unternehmen registriert zuletzt zehn Prozent weniger Passagiere. ++ Besonders schwer trifft die Krankheit die Tourismusbranche: Weil Hotels über massenhafte Stornierungen klagen, übernimmt die Regierung bis zu 100 Millionen Euro an Kredithaftungen für betroffene Betriebe. ++  Erfolg für die Opposition: Der Verfassungsgerichtshof erlaubt einen breiten "Ibiza"-U-Ausschuss im Parlament, der verschiedene Komplexe untersuchen darf. Die Regierung hatte den Ausschuss zusammengestutzt, das sei "rechtswidrig", entschied der VfGH. ++ Mit Allerwelts-Pop der Marke Bruno Mars geht Österreich ins Rennen um den Songcontest formerly known as Grand Prix Eurovision de la Chanson: Sänger Vincent Bueno enthüllte am Donnerstag seinen Beitrag "Alive". Wer es vor Spannung nicht aushält: Hier entlang ++

Zum Abschluss noch eine nette Schnurre aus dem Land, das nach "Heute"-Chefredakteur Christian Nusser "geopolitisch uninteressant, aber in Sachen Unterhaltungswert eine Weltmacht" ist: Die neue Reiterstaffel, der sündhaft teure Fetisch von Ex-FPÖ-Innenminister Herbert Kickl, hat zwar nur einige Monate trainiert und wurde eingestellt, bevor sie den Dienst aufnehmen konnte. Aber sie wird heute im Innenministerium trotzdem geehrt. Für ihr hohes Engagement. Keine Pointe.

Keine Ehrung und keine Orden, sondern endlich gleichen Lohn für gleiche Arbeit verdienen übrigens alle Frauen auf dieser Welt - in diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen einen formidablen Frauentag am Sonntag.

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Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: ntv.de