Person der Woche

Person der Woche Der Papst als Revolutionär

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Wie einst Martin Luther: Der Papst geißelt die Missstände in der Kurie an.

(Foto: imago/xim.gs)

Zwei Paukenschläge aus dem Vatikan zu Weihnachten: Erst fädelt er die Annäherung zwischen Kuba und den USA ein. Dann liest er der Kurie die Leviten wie einst Martin Luther.

Die 1,2 Milliarden Katholiken auf der Welt hatten zumeist schon freundliche Bilanz gezogen mit ihrem lachenden, argentinischen "Papst Franziskus", der seine uralte Kirche mit frischer Herzlichkeit und entwaffnender Bescheidenheit zu neuer Sympathie führt. Sie lobten ihn als "Papst der Herzen", als "Meister der Demut" oder als "Tangotänzer der Gutmütigkeit". Doch kaum wollte man sich wohlgefällig unter die Christbäume zu Weihnachtsfeiern zurück ziehen, da setzte dieser Papst zu zwei katholischen Paukenschlägen an. Denn Franziskus ist - zum Entsetzen manch Konservativer im Vatikan - ein lächelnder Revolutionär.

Zunächst gelingt ihm ein Friedens-Coup in einem Akt vatikanischer Diplomatie wie man ihn seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat. Er überredet Obama und Castro, eine der ältesten Staatsfeindschaften unserer Zeit zu beenden: Die Vereinigten Staaten und Kuba nehmen ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf, die USA lockern Sanktionen, Kuba öffnet sich. Washington und Havanna teilen der verblüfften Weltöffentlichkeit mit, dass der Papst bei der sensationellen Annäherung die zentrale Rolle gespielt habe.

Die politische Friedensmission des Papstes ist ebenso einfach wie christlich: Haltet Frieden, reicht euch die Hände, vergebt Euren Feinden. Die halbe Welt ist vom kubanischen Weihnachtsfrieden so entzückt, dass es nun eine Bewegung gibt, Franziskus möge dafür den Friedensnobelpreis bekommen. Vom EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz (SPD) bis zu Edmund Stoiber (CSU) sind plötzlich alle dafür. "Papst Franziskus hat sich mit der Vermittlung zwischen USA und Kuba große Verdienste erworben. Ich halte ihn für einen würdigen Kandidaten für den Friedensnobelpreis," begeistert sich Schulz.

Und Stoiber betont: "Papst Franziskus ist die moralische Instanz in der Welt. Sein Beitrag zur Annäherung der USA und Kuba ist historisch und ein Vorbild für andere Konflikte. Deshalb unterstütze ich seine Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis." Der polnische Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa findet gar, der Nobelpreis sei eigentlich "zu klein" für Franziskus’ Verdienste: "Der Papst widmet sein ganzes Leben dem Dienst am Menschen." Um Auszeichnungen gehe es ihm dabei nicht.

Franziskus diagnostiziert "15 Krankheiten"

Als hätte Walesa geahnt, dass Franziskus den Triumph der Kuba-Geschichte auf keinen Fall als Triumph ansehen lassen will, setzt der Papst kaum, dass die Welt ihm huldigt, zum zweiten, diesmal selbst-kritischen Paukenschlag an: Anstatt einer gemütlichen Weihnachtsansprache zu Frieden und (kirchlicher) Einheit liest er seiner Kurie so donnernd die Leviten, dass die vatikanischen Fundamente Roms beben: Im Gestus eines Arztes attestiert er dem Vatikan gleich 15 "Krankheiten" - darunter "sich unsterblich fühlen", "mentale Erstarrung" und den "Terrorismus des Geschwätzes". Manche Amtsträger der Kirche nähmen sich viel zu wichtig, ja es gebe eine "existenzielle Schizophrenie" derer, die im Vatikan ein Doppelleben führen oder "geistliches Alzheimer". Damit meint Franziskus die, die die Bindung an Christus vergessen haben. Genauso schlimm sei die Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen.

Franziskus kritisierte die "Krankheit einer mentalen und spirituellen Erstarrung", die dazu führe, die notwendige menschliche Empathie zu verlieren. Unter der "Krankheit der Rivalität und Eitelkeit" litten diejenigen, die Titel und Auszeichnung suchten und nur an sich selbst glaubten. "Die Kurie ist dazu aufgerufen, sich zu verbessern und in Gemeinschaft, Heiligkeit und Weisheit zu wachsen", forderte der 78-Jährige.

Die Ansprache ist keine leise Ermahnung, sie ist ein Donnerschlag. Denn die Kritik kommt massiv und sie kommt von ganz oben. Die Kurie als pathologisch zu kritisieren, war bislang Ketzern und Kirchenfeinden vorbehalten. Nun kommt sie direkt vom Papst, und dann auch noch zu Weihnachten! Franziskus wollte mit diesem Aufschrei gehört werden - und das Echo ist entsprechend global. Einige Kirchenoffizielle sind regelrecht schockiert: "Das erinnert an Luthers Thesen", heißt es. Doch Franziskus macht schon seit Monaten keinen Hehl daraus, dass er Missstände in der Kurie beklagt und umfassende Reformen einfordert. Schon zu Ostern, nach der Besichtigung einer Kardinals-Wohnung, hatte Franziskus im Petersdom allen "feisten, prunksüchtigen und eingebildeten" Geistlichen ein Leben empfohlen, in dem "die Armut ihre Schwester" sei. Das lasen viele in Rom als Kritik am Netzwerk des Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone, den Franziskus in den Ruhestand geschickt hatte, der sich gleichwohl zwei Luxuswohnungen mit zusammen 600 Quadratmetern zusammenlegen ließ – zehnmal so viel wie der Papst belegt.

Umkehr und Buße sind gefragt

Der Papst hat nicht ohne Grund einen Rat aus acht Kardinälen eingesetzt, der Reformen erarbeiten soll. Die Krankheits-Rede wirkt nun wie ein Auftakt zu einem Jahr der Veränderungen. Und er warnt die Reformunwilligen unmissverständlich: "Eine Kurie, die nicht besser werden will, ist ein kranker Körper", und weiter: "Ein Besuch auf dem Friedhof kann uns helfen, die Namen all der Personen zu sehen, die glaubten, unersetzbar zu sein."

Franziskus fordert vor den Ohren der Weltöffentlichkeit von den leitenden Angestellten im Vatikan Umkehr und Buße, sowie Selbstkritik, wenn es um Eitelkeit, Geschwätzigkeit und übertriebene Unterwürfigkeit geht. Scharf kritisiert er das Ansammeln von Gütern, sowie den Rigorismus gegenüber dem Nächsten. Die "Krankheiten" seien eine Gefahr für jeden Christen, aber sie zu benennen und sich dessen bewusst zu sein sei bereits der erste Schritt zur Besserung, erklärte Franziskus.

Die geforderte Bescheidenheit lebt Franziskus mit gutem Beispiel vor. Seine Kreuze sind aus Holz und Eisen, Goldgepränge und diamantenbesetzte Kelche sind ihm fremd. Er fährt mit uralten Kleinwagen, läuft in ausgelatschten Tretern umher und lebt ansonsten wie ein Mönch. Der apostolische Palast, wo seit dem Hochmittelalter alle Päpste wohnen, ist ihm zu groß. Er meidet jeden Prunk und setzt auf Askese. Sein Name des Armutspredigers ist Programm. Franziskus ist ein Mann der Entsagung.

Doch nun wird er wohl auch ein Papst der Veränderung. Er schneidet alte Zöpfe der zeremoniösen Amtskirche ab, kürzt Zahlungen und Apanagen an Funktionäre, er entlässt den korruptionsverdächtigen Leiter der Güterverwaltung und reformiert die Vatikanbank radikal. Außerdem beendet er die wuchernde Vergabe päpstlicher Ehrentitel. Das alles folgt einer Idee, eine Kirche der Demut zu bauen. Die Kirche habe vor allem das Evangelium zu verkündigen, den Schwachen zu helfen und Frieden zu stiften. Damit begeht die katholische Kirche dieses Weihnachtsfest in reformatorischer Vorahnung. Der Kubafrieden und der Demuts-Donnerschlag könnte am Ende eine frohe Botschaft der besonderen Art werden.

Quelle: n-tv.de

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