Pressestimmen

VW-Einigung mit Zulieferern "Ein bedrohlicher Wirtschaftskrimi"

Pressestimmen.jpg

Der Lieferstreit bei Volkswagen hat den Konzern und die Belegschaft schwer getroffen. Der Kernkonflikt scheint erst einmal beigelegt. Darüber, dass dieser Einigungserfolg eine Momentaufnahme ist, sind sich die Kommentatoren der Tagespresse einig. Über die Konsequenzen hingegen gibt es unterschiedliche Ansichten.

Die Berliner Zeitung kommentiert die Einigung zwischen Prevent und VW mit einem Appell: "Die EU-Kommission hat schon einmal versucht, das VW-Gesetz zu knacken. Solche Diskussionen brauchen wir nicht mehr. Dafür ist Volkswagen viel zu wichtig. Schließlich steht der Konzern vor der größten Kraftanstrengung seiner Werksgeschichte. Er muss sich fit machen für die Elektromobilität und die Herausforderungen des autonomen Fahrens. Wenn die deutsche Autobranche aber auch in Zukunft führend sein will, dann muss die Politik zusammen mit den Autobauern Innovationen ermöglichen, die alle bisherigen Anstrengungen übertreffen."

Die Süddeutsche Zeitung aus München rechnet dem Streik hohe Symbolkraft zu und meint: "Die vergangenen Tage waren ein Lehrstück darüber, wie aus einem kleinen Streit unter Geschäftspartnern ein bedrohlicher Wirtschaftskrimi werden kann. Und sie könnten ein Vorzeichen sein für das, was auf die Autokonzerne zukommt. Denn es hat sich einiges verschoben in der Beziehung der Hersteller zu ihren Zulieferern. Zum ersten Mal hat nun ein Lieferant aufbegehrt, die ganz große Karte gespielt und der Branche gezeigt: Die mächtigen Milliardenkonzerne sind angreifbar. Man muss sie nur an der richtigen Stelle packen."

Die Welt aus Berlin sieht den Konzern an einem Wendepunkt, der viele Herausforderungen mit sich bringe und schreibt: "VW - diese beiden Buchstaben standen einmal für alles, was gut und richtig ist in Deutschland. Heute steht VW für alles, was überkommen ist am deutschen Modell: politischer Filz, übermächtige Arbeitnehmervertreter, bräsige Arroganz gegenüber Kundschaft und Konkurrenz. Andernorts ist man routiniert darin, über längere Zeiträume im Krisenmodus zu operieren. Bei Volkswagen steht die Gewöhnung noch bevor. Die wohl schwersten Krisen der Konzerngeschichte hat VW gemeistert, spät zwar, aber letztlich überzeugend. Der Unterschied zu heute ist das Umfeld. Neue Antriebstechniken und das autonome Fahren werden binnen Jahren für Umwälzungen sorgen, wie es sie in der Branche im ganzen 20. Jahrhundert nicht gegeben hat. VW bleibt nicht viel Zeit."

Auch die Stuttgarter Zeitung wertet den Streit als ein Zeichen einer allgemeinen Produktions- und damit auch Machtverlagerung: "Die Auseinandersetzung hat gezeigt, wie verletzlich Autoriesen heute sind. Denn die Produktion der Hersteller ist ohne große Puffer-Lager eng mit der Fertigung der Zulieferer verzahnt. Die Teile werden genau dann ans Band geliefert, wenn sie für die Endmontage benötigt werden. Das Gewicht der Zulieferer hat mittlerweile deutlich zugenommen. Denn die großen Fahrzeugbauer haben in den vergangenen Jahren mehr und mehr Aufgaben an Spezialisten vergeben. Nur knapp ein Drittel der Wertschöpfung entfällt heute im Schnitt noch auf die Fahrzeughersteller, den Löwenanteil steuern die Zulieferer bei."

Die Frankfurter Rundschau hingegen sieht die Macht des Konzerns alles andere als vermindert und findet einen Beleg in der offenen Parteinahme aus der Politik: "VW-Manager können sich diese Mischung aus Arroganz und Ignoranz leisten, weil sie wissen, dass die Politik notfalls sekundiert. Und so war es auch dieses Mal. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) schlug sich augenblicklich auf die Seite von Volkswagen, ging Prevent vor laufenden Kameras heftig an. Es ist bemerkenswert, dass einer der höchsten Repräsentanten des Staates in einer juristisch gesehen zivilrechtlichen Auseinandersetzung sehr einseitig Partei ergreift. Da ist der Ministerpräsident dann ganz stellvertretender VW-Aufsichtsratsvorsitzender. Die schon fast reflexhafte Parteinahme ist kontraproduktiv, diskreditiert sie doch eines der faszinierendsten Projekte der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Aus dem Erbe des Nazi-Staates ist ein Weltkonzern aufgebaut worden, in dem die Beschäftigten und das Land Niedersachsen dank einer im sogenannten VW-Gesetz verankerten Sperrminorität im Aufsichtsrat großen Einfluss haben."

Der Reutlinger Generalanzeiger sieht den Ausgang des Konflikt als wenig erleichternd und kommentiert pessimistisch: "Der Streit hat keinen Gewinner. Die Prevent-Gruppe muss befürchten, künftig nicht mehr zu den VW-Lieferanten zu gehören. Volkswagen hat die Folgen des Produktionsausfalls zu verdauen. Trotz der Belastungen aus dem Dieselskandal sind die 56 Millionen Euro eine - wenn auch schmerzhafte - Petitesse. VW hätte wohl besser gezahlt und sich einen anderen Zulieferer gesucht. Dass der Konzern in einem privatwirtschaftlichen Streit mit dem Antrag auf Kurzarbeit den Steuerzahler mitbelasten wollte, ist ein starkes Stück. In die prekäre Lage hatte sich der Konzern selbst gebracht, in dem er jeweils nur auf einen Zulieferer setzte. Der öffentlich ausgetragene Zwist schadet dem Image des Unternehmens erneut. Dass es auch leiser geht, zeigt Daimler."

Zusammengestellt von Anne Pollmann

Quelle: ntv.de