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Türkei schießt russischen Bomber ab "Heimliche Sieger sind die 'Gotteskrieger'"

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(Foto: picture alliance / dpa)

Frankreichs Präsident Francois Hollande plant eine Koalition gegen die Terrormiliz IS und zählt dabei auf die Russen. Jetzt schießt die Türkei einen russischen Kampfjet an der türkisch-syrischen Grenze ab, weil es seinen Luftraum verletzt sieht. "Inakzeptabel" sei das Vorgehen des Nato-Landes, "brandgefährlich" die Lage. Die Presse diskutiert, was der Abschuss für den Kampf gegen den IS bedeutet, und kennt schon jetzt den Gewinner.

"Ein Albtraum ist wahr geworden", kommentiert das Handelsblatt. Mit dem Abschuss des russischen Kampfbombers erreiche der Konflikt in Syrien eine "gefährliche Eskalationsstufe". Die Lage in der Ostukraine habe sich gerade etwas beruhigt, da drohe eine "neue, noch schärfere Konfrontation zwischen Russland und der Nato. Nirgendwo dürfte das so überschwänglich gefeiert werden wie in Rakka, der Hauptstadt des Terrorkalifats des Islamischen Staats. Statt sich nach der Blutnacht von Paris vereint dem Terror entgegenzustemmen, bekriegen sich die Antiterrorkämpfer gegenseitig."

"Welch ein Desaster", meint auch die Frankfurter Rundschau. "Die heimlichen Sieger sind die 'Gotteskrieger'. Sie werden sich freuen, dass sich kaum noch jemand um einen dringend notwendigen Friedensprozess bemüht, mit dem der syrische Bürgerkrieg beendet werden müsste. Solange das nicht geschieht, werden die IS-Terroristen weiter Menschen entführen oder töten und Anschläge verüben - nicht nur in Europa."

"Im Kampf gegen den IS-Terror sind Freund und Feind nicht immer klar zu erkennen." Dabei sei es gerade jetzt wichtig, gemeinsame Ziele zu verfolgen, so der Reutlinger General-Anzeiger. "Inakzeptabel ist, wenn Staaten willkürlich zündeln. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan ist so ein Kandidat. Dass er gegen Kurden vorgeht, die von Deutschland als Kämpfer gegen den IS unterstützt werden, ist schlimm genug. Sollte er nun aber durch militärische Aktionen das Verhältnis zwischen Russland und der Nato in eine neue Eiszeit führen, wäre es unverantwortlich."

"Die Friedensbemühungen für Syrien und die Bildung einer großen Allianz gegen den 'Islamischen Staat' werden durch den Vorfall nicht leichter." Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung steht eins fest: "Ohne ein stärkeres amerikanisches Engagement wird Syrien eine Brutstätte des Terrors und ein Pulverfass der Weltpolitik bleiben."

Eines mache die Lage besonders brisant, meint die Hessische/Niedersächsische Allgemeine: das Politikverständnis von Wladimir Putin und Erdogan. "Sie gehören zu dem Typ Politiker, der gern mit militärischer Macht protzt und das Spiel mit dem Feuer liebt. Beide schöpfen ihre Kraft aus der Konfrontation. Und beide verachten im Grunde das, was jetzt notwendig wäre: vertrauensbildende Maßnahmen, wie sie einst halfen, den Kalten Krieg zu entschärfen."

"Die Gegensätze zwischen Moskau und Ankara prallen in Syrien frontal aufeinander. Putin steht hinter dem syrischen Kriegsherrn Assad. Erdogan unterstützt, mit Ausnahme der Kurden, Assads Gegner." Auch der Kölner Stadt-Anzeiger sieht in der Persönlichkeit von Putin und Erdogan einen Kern des Problems: "Beide sind machtbewusst bis hin zum Größenwahn und skrupellos. Beide regieren fragile Großreiche, in denen die eigene autoritäre Machtposition keine Selbstverständlichkeit ist. Beide müssen ihre Kraft ständig beweisen, und sie tun es im Kampf. Genau das macht die aktuelle Konfrontation so brandgefährlich."

Die Schwäbische Zeitung sieht die Nato "in Erklärungsnöten". Frankreich schmiede eine Koalition gegen den IS und rechne fest mit einer Beteiligung der Russen, während ein Mitglied der Allianz "Moskau brüskiert". Putins Worte vom 'Schlag in den Rücken' müssten ernst genommen werden: "Der erratische Kurs der Türkei bei der Terrorbekämpfung im Nachbarland hat in der Allianz bereits für Unmut gesorgt. Erdogan dürfte noch mehr unter Druck geraten, wobei er im Streit mit Russland auch nicht mit der uneingeschränkten Unterstützung der USA oder Frankreichs rechnen darf. Denn die Nato-Größen sind im Kampf gegen den IS an einer Kooperation mit Moskau interessiert."

Quelle: n-tv.de, kse

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