Pressestimmen

Referendum - und dann? Tsipras führt Griechenland "ins Chaos"

Pressestimmen.jpg

Am Sonntag sollen die Griechen in einem Referendum über die Zukunft ihres Landes entscheiden. Erwartet wird ein äußerst knappes Ergebnis. Aber egal ob sie "Ja" oder "Nein" zum EU-Sparprogramm sagen: Die Irrfahrt Europas ist noch nicht zu Ende.

"Den Griechen steht ein dramatischer Sonntag bevor. Hoppla hopp sind sie in ein absurdes Referendum getrieben worden, das sich am Ende als eine harte Abstimmung über den Euro entpuppen wird - ohne dass ihnen die Tragweite dieser Entscheidung von ihrer Regierung offengelegt wurde", bemängeln die Stuttgarter Nachrichten.

Auch mit einem klaren "Ja" beim Referendum und baldigen Neuwahlen könne eine neue Regierung das verlorengegangene Vertrauen bei den europäischen Partnern nur schwer zurückgewinnen. Dennoch stellt sich dem Münchner Merkur die Frage: "Kann Brüssel in diesem Fall Athen noch den Stuhl vor den Euro-Club stellen?" Erneut müsste zwischen "wirtschaftlicher Vernunft und geopolitischen Gesamtinteressen" abgewogen werden, das hieße, "von einer erlösenden Katharsis, der seelischen Reinigung in dieser Tragödie, scheinen Griechenland wie Europa noch weit entfernt."

Für den Berliner Tagesspiegel steht ein Ergebnis des Referendums bereits vor dem Urnengang fest: "Mit seiner Politik der Polarisierung hat Alexis Tsipras die Griechen gespalten. Diese Zerrissenheit schwächt das Land umso mehr, als die Regierung Tsipras mit allen Partnern in Europa gebrochen hat. Griechenland ist isoliert - ein Land ohne politische Freunde und Verbündete." Das verunsichere die Mehrheit der Griechen zutiefst, die einerseits den Euro behalten wollen, andererseits genug vom Sparen haben. Mit dem Referendum sei Tsipras dabei, "sein Land in eine ungewisse Zukunft, ja ins Chaos zu führen."

"Der Ausgang des Referendums fällt so oder so auch auf die Zuchtmeister in Brüssel und Berlin zurück, denn auch die Unterordnung unter den Sparwahn ändert ja nichts an den Rahmenbedingungen", erinnert hingegen die Leipziger Volkszeitung. Denn "die penetrante Rechthaberei der Gläubiger wird in Zukunft keine Arbeitsplätze schaffen, die Wirtschaft ankurbeln oder mehr Menschen in Sozialversicherungen bringen. Vor allem: Der griechische Schuldenberg, er bleibt unverrückbar als Zeichen des Scheiterns der Gläubiger."

"Der Frontalunfall, das ultimative Ende des Feigling-Spiels, hat sich schon längst ereignet", meint die Mittelbayerische Zeitung. Vielmehr sei es derzeit so, dass sich EU und Griechenland "inmitten der rauchenden Trümmer befinden und feststellen, dass sie sich nicht mehr aus ihnen befreien können." Damit das doch noch gelingen kann, seien mehrere Schritte notwendig: "Eine neue Regierung in Griechenland, die nicht an Wahlversprechen gebunden ist, die unerfüllbar geworden sind. Es braucht einen neuen Schuldenschnitt, weil Fantastilliarden von Euro niemand mehr zurückzahlen kann. Am Ende muss eine Reform der Gemeinschaft insgesamt stehen. Die EU braucht zusätzlich zur Gemeinschaftswährung zumindest eine gemeinsame Finanzregierung." Denn eins stehe auf jeden Fall fest: "Die alte EU ist mit der Griechenlandkrise Geschichte."

Die Eßlinger Zeitung kann immer noch nicht fassen, wie sich die Euro-Länder in diese ausweglose Lage hineinmanövrieren konnten: "Kein vernunftbegabter Mensch hätte sich vorstellen können, dass Europas Staatenverbund vor einer wirtschaftspolitisch so unbedeutenden Nation den Kotau macht und sich von zwei ideologisch verbohrten Berufsdilettanten namens Tsipras und Varoufakis zum Narren halten lässt. Wenn es wenigstens ein Szenario gäbe, in dem Europas Irrfahrt an ein Ende gelangte. Aber ganz gleich, wie sich die Griechen entscheiden, das Drama wird weitergehen. Und mit jedem weiteren Tag werden die Risse im Kitt der EU tiefer. Die Bürger wenden sich ab von Europa. Das ist der eigentliche Preis der Griechenland-Krise."

Zusammengestellt von Katja Sembritzki

Quelle: ntv.de