Ratgeber
(Foto: imago stock&people)
Mittwoch, 04. Juli 2018

Volle Haftung : Fußgänger genießen keine Narrenfreiheit

Ein Auto zu fahren, bringt per se eine "Betriebsgefahr" mit sich. Diese reicht meist aus, um dem Fahrer auch ohne eigenes Verschulden bei einem Unfall eine Mithaftung einzubringen. Es sei denn, ein Fußgänger verhält sich grob verkehrswidrig.

Kommt es im Rahmen eines grob fahrlässigen Überquerens der Fahrbahn durch einen Fußgänger zu einem Unfall mit einem Fahrzeug, kann die Betriebsgefahr, die grundsätzlich von einem Auto ausgeht, entfallen. Der Halter muss dann nicht für die Kollision haften. Dies hat das Oberlandesgericht (OLG) Nürnberg entschieden (Az.: 4 U 1386/17).

In dem verhandelten Fall klagte die Krankenkasse eines Fußgängers auf Schadenersatz durch den Fahrer eines Pkws. Das Unfallopfer hatte zunächst aus einem neben einer siebenspurigen Fahrbahn geparkten Wagen ein mannshohes Plakat ausgeladen. Dieses wollte der Mann auf einem Grünstreifen aufstellen, welcher sich zwischen den Fahrbahnen befand.

Allerdings hätte der Geschädigte nur wenige Meter entfernt an einer Ampelanlage gefahrlos die Straße überqueren und zu dem Grünstreifen gelangen können. Er wollte jedoch unmittelbar am Ausladeort mit dem großen Plakat in Händen über die Straße gehen, wobei er insgesamt vier Spuren hätte überqueren müssen. Der Beklagte, welcher mit seinem Pkw den zweiten Fahrstreifen befuhr, erfasste  den Mann, welcher schwere Verletzungen erlitt. Für die Behandlung wollte die Krankenkasse entschädigt werden.

Nach Auffassung des OLG ist allerdings von einer Alleinhaftung des Geschädigten auszugehen. Der Fahrer habe demnach nicht damit rechnen müssen, dass ein Fußgänger plötzlich die Straße überqueren werde. Es habe für den Fahrer ferngelegen, damit zu rechnen, dass "jemand mit einer mannshohen Plakatwand nicht den 15 Meter entfernten ampelgeregelten Fußgängerüberweg nehmen würde, sondern versuchen könnte, die vier Fahrbahnen zu dem bewachsenen Trennstreifen in einem Zug zu überqueren", so das Gericht.

Deshalb habe er auch nicht schon beim ersten Schritt des Mannes auf die Fahrbahn mit einer Vollbremsung reagieren müssen. Das Unfallopfer habe sich hingegen grob verkehrswidrig verhalten. Es hätte die mehrspurige Straße nur an der Ampel überqueren dürfen. Zudem habe es sich auch beim Überqueren der Straße nicht richtig verhalten, weil das sich annähernde Fahrzeug erkennbar gewesen sei und der Mann deshalb hätte stehen bleiben müssen, zumal er ein sperriges Plakat mit sich geführt hatte.

Grundsätzlich bringt ein Auto in Betrieb zu nehmen, sprich zu fahren, eine "Betriebsgefahr" mit sich. Diese reicht aus, um dem Autofahrer auch ohne eigenes Verschulden bei einem Unfall meist eine Mithaftung von 25 Prozent einzubringen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de