Ratgeber
Montag, 05. September 2016

Gesetze bremsen Kreditvergabe: Weniger Baugeld dank Verbraucherschutz

Immobilie gut, alles gut? Mitnichten. Mit der Wohnimmobilienkreditrichtlinie sollen Verbraucher eigentlich davor bewahrt werden, sich mit einer Immobilienfinanzierung zu übernehmen. Doch tatsächlich haben auch eigentlich solvente Kunden Schwierigkeiten Baugeld zu ergattern.

Die Bestimmungen der EU-Richtlinie haben die Kreditwürdigkeitsprüfung verschärft.
Die Bestimmungen der EU-Richtlinie haben die Kreditwürdigkeitsprüfung verschärft.(Foto: imago stock&people)

Die Sparkassen in Deutschland haben im ersten Halbjahr deutlich weniger Wohnungsbaukredite vergeben - womöglich als Folge der umstrittenen neuen Wohnimmobilienkreditrichtlinie der EU. Bundesweit habe der Rückgang im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 8,9 Prozent betragen, teilte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) mit. Es sei zu vermuten, dass dies eine Folge der neuen Richtlinie sei.

Insgesamt seien von den Sparkassen im ersten Halbjahr 24 Milliarden Euro an Wohnungskrediten vergeben worden, sagte ein DSGV-Sprecher. Dies sei immer noch einer der höchsten Werte der vergangenen Jahre. "Es ist immer noch ein Geschäft, das gut läuft, aber es gibt Bremsspuren."

Da die neue EU-Richtlinie erst im März als nationales Recht in Kraft getreten war, müsse die Entwicklung weiter beobachtet werden, sagte der Sprecher weiter. "Wir können derzeit nur vermuten, dass der Rückgang auf die Richtlinie zurückzuführen ist."

Die Bestimmungen der EU-Richtlinie haben die Kreditwürdigkeitsprüfung verschärft: Wer voraussichtlich nicht genügend Geld zur Rückzahlung hat, dem dürfen Banken keinen Kredit geben. Die Kreditwürdigkeit eines Kunden darf demnach nicht allein darauf beruhen, dass jemand ein Grundstück besitzt, dessen Wert voraussichtlich zunimmt oder den Kredit übersteigt. Den Wert einer Immobilie im Besitz des Kreditnehmers darf die Bank nur zusätzlich berücksichtigen - nicht allein.

Gut gemeint, schlecht gemacht?

"Im Ergebnis sind insbesondere solche Kunden, die zwar Immobilienvermögen besitzen, aber über geringere laufende Einnahmen verfügen, benachteiligt", sagte der Präsident des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbands (RSGV), Michael Breuer, der "Rheinischen Post". Seinen Angaben zufolge haben zunehmend ältere Menschen und junge Familien Probleme, Baukredite zu bekommen. Bei der Umsetzung der EU-Richtlinie sei "zum Teil über das Ziel hinausgeschossen" worden. Dies enge die Kreditvergabe stärker ein, als dies in anderen europäischen Ländern möglich ist.

Die Wohnimmobilienkreditrichtlinie gilt in der ganzen EU und soll Entwicklungen wie in der Finanzkrise 2008 und 2009 verhindern helfen. In Ländern wie Spanien hatten sich viele Verbraucher so stark verschuldet, dass sie in der Krise wegen hoher Zinszahlungen und Tilgungen ihre selbst bewohnte Immobilie verloren.

Auf den Schutz der Verbraucher verwies am Montag auch das zuständige Bundesministerium: Verbraucher, die schon bei Vertragsabschluss erkennbar mit der Rückzahlung des Kredits überfordert sind, sollten vor dem möglichen Verlust ihrer Immobilie oder wirtschaftlichen Schäden bewahrt werden, sagte ein Ministeriumssprecher.

Dem Ministerium selbst liegen den Angaben zufolge "noch keine belastbaren Erkenntnisse" vor, ob es "zu vermehrten Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme kommt und ob dies Änderungen notwendig macht". Es sei aber "in Kontakt mit der Deutschen Kreditwirtschaft und dem Verbraucherzentrale Bundesverband getreten, um die Sachlage zu erörtern", sagte der Sprecher. Wie AFP aus beteiligten Kreisen erfuhr, soll es bereits am Dienstag ein Treffen zu dem Thema im Ministerium geben.

Im Vorfeld des Gesprächs forderte der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes eine Änderung der Richtlinie. Die verschärften Regelungen sollten nicht bei Kreditverträgen gelten, die zum Bau oder zur Renovierung der Wohnimmobilie dienten, forderte Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa. Diesen Halbsatz habe die Bundesregierung bei der Umsetzung der EU-Richtlinie in nationales Recht unterschlagen und die jetzige Situation ausgelöst.

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Quelle: n-tv.de