Reise
Schneller als 25 Kilometer die Stunde fährt der Zug nicht.
Schneller als 25 Kilometer die Stunde fährt der Zug nicht.(Foto: jki)
Samstag, 23. September 2017

Entschleunigt im Expresszug: Auf Schienen durch Sri Lanka kriechen

Von Juliane Kipper, Sri Lanka

Aus der Hauptstadt Colombo an der Westküste durch das Hochland bis in den Südosten nach Badulla. Wer Zeit mitbringt, kommt auf der elfstündigen Zugfahrt durch Sri Lanka vorbei an Palmenwäldern, Reisfeldern und Teeplantagen.

Im Schritttempo kriecht der Expresszug den Berg hinauf. Während draußen im Hochland von Sri Lanka ein grünes Meer an Teeplantagen vorbeizieht, baumeln im Zugabteil die Gurte der vielen Rucksäcke durch die Streben der Gepäckablage. Ein Backpacker lehnt sich aus dem offenen Waggon und hält sein Gesicht in den Fahrtwind. Geschlossen werden können die Abteile des blauen Zuges nicht, denn es gibt keine Türen. Zwischen den Sträuchern an den Hängen leuchten die Teepflückerinnen in ihren auffälligen Saris wie bunte Punkte. Mit gerade mal 25 Kilometern die Stunde kämpft der Zug streckenweise gegen 1900 Höhenmeter an.

Reisenden bietet sich ein unglaublich grünes Panorama.
Reisenden bietet sich ein unglaublich grünes Panorama.(Foto: jki)

Kurz nachdem sich der Zug in der Hauptstadt Colombo an der Westküste via Kandy bis zur Endstation nach Badulla in Bewegung gesetzt hat, kontrolliert ein Mann in blauer Uniform mit einem Fahrkartenknipser, der ihm an einem abgenutzten Lederriemen um seinen Oberkörper hängt, die Tickets der Passagiere. Noch sind alle Fahrgäste froh über die Ventilatoren an der Decke. Ihr beruhigendes Brummen macht die schwüle Hitze etwas erträglicher. Im Hochland hingegen liegen die Temperaturen im ganzen Jahr fast nie über 25 Grad. Der Rucksacktourist an der offenen Waggontür hat sich inzwischen einen Pullover übergezogen.

Sri Lanka lässt sich am besten auf den Schienen erkunden. Die Strecke von Colombo nach Badulla ist knapp 300 Kilometer lang, hält in 81 Dörfern und führt durch 44 Tunnel. Für die komplette Distanz braucht der Zug mindestens elf Stunden. Wer sich für diese Art der Fortbewegung entscheidet, muss vor allem eins mitbringen - Zeit.

An der offenen Waggontür kommen Reisende ins Gespräch

Sehenswürdigkeiten entlang der Zugstrecke

Colombo

  • Pettah Markt
  • Gangaramaya-Tempel
  • Viharamahadevi-Park

Kandy

  • Zahntempel
  • Ceylontee-Museum
  • Bahiravokanda-Vihara-Buddhastatue

Hatton

  • Adam's Peak

Ella

  • Little Adam's Peak
  • Halpewatte-Teefabrik
  • Ravana-Wasserfälle

Badulla

  • Dhowa-Rock-Tempel
  • Bogoda-Brücke

Etwa 1500 Kilometer Eisenbahnnetz verbinden bis heute alle großen Städte der Insel im Indischen Ozean miteinander. Im 19. Jahrhundert galt das Streckennetz noch als Meisterleistung der Ingenieurskunst. Heute benötigt der Zug allein für die bei Reisenden beliebte, eigentlich nur 150 Kilometer lange Strecke zwischen den Orten Kandy und Ella immer noch genauso lange wie 1867. Nämlich mindestens sechs Stunden.

An der offenen Waggontür in der zweiten Klasse kommen Reisende schnell miteinander ins Gespräch. Wer die Natur lieber allein genießen will, kann dies in einem gepolsterten Sitz mit Armlehne tun, der einem beim Kauf des Zugtickets automatisch zugewiesen wird. Das Reisen in der zweiten Klasse ist nicht nur bequem, sondern auch günstig und besonders bei Touristen beliebt. Tickets können deswegen oftmals schon mehrere Tage im Voraus ausgebucht sein.

Wer auf seiner Reise nicht flexibel ist und für wen es keine Rolle spielt, in welcher Klasse er fährt, kann auf die erste oder die dritte Klasse ausweichen. Die erste Klasse richtet sich speziell an Touristen: Da sie klimatisiert ist, lassen sich die hier weder Fenster noch Türen öffnen. Die Tickets sind verhältnismäßig teuer. Zwei Euro für einen Fahrschein lassen sich aber noch lange nicht mit Preisen in Deutschland vergleichen. In der dritten Klasse sitzt man auf Holzbänken ohne Armlehne oft dicht an dicht mit Einheimischen. Ein Ticket kostet nicht mal einen Euro.

Fliegende Händler verkaufen Essen und Getränke.
Fliegende Händler verkaufen Essen und Getränke.(Foto: jki)

Im Abteil wird es unruhig. Keine Anzeigen deuten darauf hin, welchen Ort der Zug danach erreicht. Dass der nächste Ort Hatton ist, erfahren Reisende erst von Einheimischen - sie kennen die Strecke gut und wissen inzwischen, dass auch viele Touristen dort aussteigen wollen, um die wichtigste Pilgerstätte ihres Landes zu besuchen. Nicht wenige starten ihre Wanderung hinauf zum Adam's Peak am Fuße des Berges mitten in der Nacht, um pünktlich zum Sonnenaufgang die 5200 Stufen bezwungen zu haben. Buddhisten glauben, auf 2243 Metern Höhe habe Buddha seinen Fußabdruck hinterlassen.

Fliegende Händler verkaufen Teigtaschen

Aus einem hellblauen Plastikkorb verkauft ein fliegender Händler frittiertes Gebäck, exotische Früchte, Nüsse, abgepacktes Popcorn und noch warme Samosas - die gefüllten landestypischen Teigtaschen in Dreiecksform. Für den Rucksacktouristen scheint nichts dabei zu sein. Auf dem schmalen Gang zwischen den Sitzen schieben sich jetzt die Menschen eilig aneinander vorbei. Jeder will zu seinem Gepäck. An einigen Rucksäcken hängen Wanderstiefel. Im Bahnhof kommen die Räder des Zuges ruckartig zum Stehen. Schulkinder in Uniform springen aus dem Waggon. Ältere Frauen, schwerbepackt mit vielen Tüten, halten sich an den Griffen fest und nehmen vorsichtig jede Stufe einzeln. Auf dem Bahnhof verliert sich der Rucktourist in der Menge der traditionell gekleideten Einheimischen.

Der Aufstieg zum Adam's Peak beginnt trügerisch: Bis die ersten Stufen erreicht sind, schlängelt sich der Weg entspannt am Fuße des Berges entlang. Doch auf der zwei- bis vierstündigen Tour hinauf zum Berggipfel lässt sich genau erkennen, wer Tourist und wer Pilger ist. Einheimische nehmen die steilen Stufen mit Leichtigkeit. Obwohl es nachts sehr kalt werden kann, sind viele von ihnen in Flipflops und T-Shirt unterwegs.

Die unterschiedliche Höhe der Stufen erschwert es den Wanderern, einen regelmäßigen Rhythmus zu finden. Mit Stirnleuchte, Fleece-Jacke und festem Schuhwerk ausgestattet, scheinen Touristen jedoch auf jede Eventualität vorbereitet zu sein. Doch wie zuvor der Zug kommen sie nur langsam voran. Die Steigung macht ihnen zu schaffen. Die Gespräche der Wanderer sind längst verstummt. Sie denken nur noch an die nächste Stufen und hoffen, dass der Gipfel bald erreicht ist. Die Rucksäcke werden immer schwerer, der Respekt für den Zug hingegen immer größer.

Quelle: n-tv.de

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