Reise
Natur pur und nur wenige Touristen: Das ist Hiddensee im Winter.
Natur pur und nur wenige Touristen: Das ist Hiddensee im Winter.(Foto: Hiddenseer Hafen- und Kurbetrieb/dpa-tmn)
Donnerstag, 11. Januar 2018

Ostseewind im Winter: Hiddensee bietet die perfekte Auszeit

Hiddensee ist im Winter ruhig und nur wenige Touristen besuchen zu dieser Jahreszeit die Ostseeinsel. Doch wer einen perfekten Ort für eine Auszeit sucht, ist auf Hiddensee genau richtig. Die Steilküste und der Strand sind die perfekte Kulisse für lange Spaziergänge.

Manchmal drehen Großstädter mitten in Vitte plötzlich irritiert den Kopf. Hört man hier die Autobahn? Aber Hiddensee ist autofrei und das Festland weit weg. Was ununterbrochen so rauscht, ist die Ostsee. Direkt am Strand ist sie im Winter manchmal brüllend laut, respekteinflößend und beeindruckend, wenn die Wellen bei Windstärke acht mit breiter weißer Schaumkrone ans Ufer schlagen und der Wind die Gischt über den Sand vor sich her treibt und den Spaziergängern Tränen in die Augen. Das sind Tage, an denen Inselbesucher den Strand für sich alleine haben, ebenso die Steilküste, das Dornbuschkliff und die Wanderwege im Inselnorden.

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Wer im Winter nach Hiddensee fährt, kommt genau deswegen. Selbst bei Radtouren zum Leuchtturm, dem im Sommer von Touristen umlagerten Wahrzeichen der kleinen Insel westlich von Rügen, sind Begegnungen mit anderen Touristen eher die Ausnahme. Hiddensee im Winter ist die Entdeckung der Einsamkeit.

Von Mitte Januar bis März ist es ruhig

"Im Sommer ist Hiddensee ausgebucht", sagt Kurdirektorin Katrin Köppen. "In den Herbstferien ist es nochmal richtig voll." Nach Weihnachten kommen etliche Inselliebhaber für ein paar Tage. "Von Mitte Januar bis März ist es dann echt ruhig." Henry Engels kann der kalten Jahreszeit viel abgewinnen: "Im Winter bin ich jeden Tag am Strand. Ich steh' auf, trinke Kaffee und geh' los." Engels steht auf Sturm. "Am besten Orkan, Windstärke 12 und das 14 Tage lang", sagt der 49-jährige Insulaner. Bei solchem Wetter macht er sich schon mal nachts auf den Weg. Engels, jüngstes von zehn Kindern einer Hiddenseer Familie, ist Bernsteinfischer und Bernsteinschleifer. Das Gold der Ostsee ist sein wichtigstes Arbeitsmaterial. Und Sturm ist Bernsteinwetter.

Bernsteinfischer Henry Engels steht oft stundenlang am Strand.
Bernsteinfischer Henry Engels steht oft stundenlang am Strand.(Foto: Andreas Heimann/dpa-tmn)

Dann steht er mit Neopren-Wathose, Gummistiefeln und Kescher oft stundenlang im Wasser und fischt nach seiner Beute. "Vor etwa zwei Jahren hatte ich meinen Megafund", erzählt er in seiner Bernsteinwerkstatt in Kloster. "Da war ich schon morgens um Zwei am Strand, es gab so viel Bernstein, ich wusste nicht, wohin damit, 54 Stücke mit mindestens 50 Gramm." Manchmal braucht er für 200 Gramm allerdings fünf Stunden. "Aber es macht einfach Spaß, im Winter am Strand zu sein, kein Mensch da, als wenn du ganz alleine auf der Insel bist - und dann richtig durchgefroren nach Hause zu kommen." Engels bearbeitet den Bernstein in seiner Werkstatt, wo ihm Besucher auch beim Schleifen zusehen können.

Der Arbeitsplatz von Franziska Ploetz ist nur fünf Minuten von Henry Engels' Werkstatt entfernt. "Ich liebe den Winter hier sehr", sagt die gebürtige Dresdnerin. "Kaum ein Mensch da, tolles Licht, es ist total schön." Ploetz ist Geschäftsführerin der Gerhart-Hauptmann-Stiftung. Hiddensee war Hauptmanns Lieblingsinsel. Der 1946 gestorbene Literaturnobelpreisträger kam als 23-Jähriger zum ersten Mal hierher. Und er hat sich, im Rentenalter, schließlich ein Haus in Kloster gekauft. Inzwischen ist es ein Museum - das im Winter zumindest eingeschränkt geöffnet hat.

Sein Schlafzimmer lässt sich dort besichtigen, in dem er nächtliche Einfälle gleich an die Wand geschrieben hat, sein Arbeitszimmer mit dem Stehpult, an dem er seine Werke diktierte, und sein Weinkeller. Aber Hauptmann war üblicherweise im Sommer auf der Insel. Hiddensee war zwar ein angesagtes Ziel für die Bohème der 1920er Jahre, allerdings nur bei Strandwetter. "Hans Fallada war eine große Ausnahme", sagt Ploetz. "Er hat einen Winter hier verbracht und an seinem Roman "Kleiner Mann, was nun?" geschrieben."

Unter Insulanern

Leuchtturm auf Hiddensee.
Leuchtturm auf Hiddensee.(Foto: imago/Mike Schmidt)

Gerhart Hauptmanns Grab ist direkt neben der kleinen, hübschen Inselkirche in Kloster zu finden. Während im Sommer auch viele Touristen kommen, predigt Pastor Konrad Glöckner im Winter weitgehend vor Insulanern. Links und rechts an der Wand hängen zwei Schiffsmodelle, die daran erinnern, dass Hiddensee eine Insel von Fischern und Seefahrern war. Und zwischen den Schiffsmodellen schwebt eine pausbäckige Engelsfigur aus dem 18. Jahrhundert mit einem Palmzweig in der Hand unter der auffallend bunten Kirchendecke. Der "Hiddenseer Rosenhimmel" ist erst im Winter 1922 fertig geworden. Die Heckenrosen waren eine Idee des Berliner Malers Max Nikolaus Niemeier, der damit ein typisches Sommermotiv in die Kirche brachte und damit einigen Insulanern vor den Kopf gestoßen haben soll, denen das buchstäblich zu bunt wurde.

Vor dem nahen Heimatmuseum in Kloster wartet schon Christiane Wolff. Sie ist Rangerin, die für das Nationalparkhaus arbeitet und auch im Winter Führungen anbietet - zum Dornbusch zum Beispiel, der einsamen Spitze der Insel. Wolff stapft dann auch bei Wind und Wetter mit ihren Gästen über schmale Wanderwege. Sie zeigt, wo sich Wildschweine herumtreiben oder wo der Blick vom Hochuferweg auf die graue Ostsee unter fast genauso grauem Himmel besonders eindrucksvoll ist.

Die promovierte Biologin macht auf Kiefern aufmerksam, die der Wind gebeugt hat, auf eine Eiche, die bei einem Bergrutsch mittendurch geteilt wurde, auf eine Orchidee, die am Wegesrand wächst. Und auf den Sanddorn natürlich, der für Hiddensee so typisch ist. Im Winter sind nur noch wenige Beeren zu sehen, aber auf der Insel begegnet man ihm immer wieder - Sanddornsaft mit Schuss ist nach ausgiebigen Winterspaziergängen eine beliebte Alternative zu Grog.

Gleich am Hafen von Kloster beginnt der Deich, auf dem man kilometerweit laufen kann. Kurz bevor die Sonne untergeht, wird der Himmel im Westen noch einmal bunter als die Kirchendecke in Kloster. Auf der anderen Deichseite geht bereits der Mond auf und taucht das Boddenwasser in silbriges Licht. Etliche Schwäne dümpeln auf den sanften Wellen. Es ist wie aus einem Bild von Caspar David Friedrich: eine einsame Winteridylle.

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Quelle: n-tv.de