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Auch Weißrussen wollen mehr Minsk - auferstanden aus der Tristesse?

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Die weißrussische Hauptstadt Minsk hat mehr zu bieten, als man erwartet.

(Foto: Tanya Kapitonova)

Prächtige Sowjetdenkmäler, hippe Bars, eine pulsierende Kunstszene - das ist die eine Seite von Minsk. Doch die Weißrussen leben in einer Diktatur. Trotzdem wollen sie den Lebensstil der EU. Die wenigen Besucher erleben eine Stadt im Zwiespalt.

Meldungen aus Weißrussland erreichen westliche Medien nur äußerst selten. Und wenn, dann sind es meistens keine guten Nachrichten: Festnahmen bei friedlichen Demos, vollstreckte Todesstrafen und Militärübungen der russischen Armee an der Nato-Grenze. Während die Regierung alles Mögliche zu tun scheint, um den Ruf einer Diktatur zu bekräftigen, leben hier vor allem die jungen Leute ein Leben, das sich, zumindest äußerlich, vom Lifestyle ihrer westeuropäischen Altersgenossen kaum unterscheidet.

Kastryčnickaja war früher eine Industriestrasse, heute pulsiert hier das Nachtleben

Kastryčnickaja war früher eine Industriestrasse, heute pulsiert hier das Nachtleben

(Foto: Tanya Kapitonova)

Man erwartet hier keine Unterstützung von oben und gestaltet das Land auf eigene Faust von unten. So entstanden in den letzten Jahren viele spannende Initiativen, Start-Up-Unternehmen, Festivals, aber auch gemütliche Cafés und Hipster-Bars. Wer Minsk vor fünf Jahren besucht hat, wird die Stadt heute kaum wiedererkennen: Der Geruch des Aufbruchs liegt hier in der Luft.

Das größte Wandgemälde der Welt 

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Eine der wichtigsten Initiativen, die das Erscheinungsbild der weißrussischen Hauptstadt in den letzten Jahren radikal verändert hat, ist "Vulica Brasil" ("Brasilien-Straße"). Das "Urban-Art-Festival" bringt regelmäßig bekannte Meister der Street Art aus Brasilien wie Os Gemeos oder Rimon Guimarães nach Minsk, die zusammen mit lokalen Talenten die düsteren Wände der Stadt verschönern. So malte Ramon Martins 2016 im Rahmen des Festivals in der Vulica Kastryčnickaja das größte von einem Künstler je geschaffene Wandgemälde der Welt. In der gleichen Straße unweit der U-Bahnstation Perwomajskaja findet man auch viele weitere Werke, die im Rahmen des Festivals entstanden sind.

Doch nicht nur Graffiti-Fans werden die Kastryčnickaja-Straße spannend finden: Seitdem die inzwischen legendär gewordene Bar "Хулиган" ("Hooligan") vor vier Jahren im alten Industriegebiet ihre Türen geöffnet hat, herrscht in der Gegend kulturelle Gentrifizierung. Nahezu jeden Monat eröffnen hier neue Cafés, Kfz-Werkstätten werden von kreativen Unternehmen verdrängt. Keine taumelnden, betrunkenen Arbeiter mehr - eher strahlende Yoga-Fans mit Isomatten unter den Armen prägen das Straßenbild.

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Vor der Hooligan-Bar ist am Wochenende die Hölle los.

(Foto: Tanya Kapitonova)

Vor allem am Wochenende ist hier viel los: Draußen oder in der Halle des Event-Spaces "Cech" ("ЦЭХ") finden tagsüber Designermärkte, Festivals und Ausstellungen statt. Nachts wird wild gefeiert: Die ganze Straße ist voller Leute, Englisch hört man fast öfter als Russisch, man trinkt draußen, obwohl das eigentlich verboten ist (die Polizei drückt meistens ein Auge zu) und man tanzt überall, manchmal sogar auf den geparkten Autos.   

Die Seele der Stadt

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Ein weiterer Kultur-Hotspot entsteht gerade unweit der Plošča Peramogi (Siegesplatz). Bereits vor acht Jahren eröffnete hier im Hinterhof eines Hauses auf dem Prospiekt Niezaliežnasci (Unabhängigkeitsboulevard) die "Ў"-Galerie für moderne Kunst, die sofort zum Treffpunkt der Intellektuellen der Stadt wurde. In demselben Gebäude befindet sich auch die "Lohvinau"-Buchhandlung, in der man unter anderem Bücher zeitgenössischer weißrussischer Autoren in englischer oder deutscher Übersetzung kaufen kann.  

Ein paar Schritte weiter, auf dem ehemaligen Gelände des Horizont-Werks, leuchtet die - seit dem diesjährigen "Vulica Brasil" - bunte Fassade des Kulturzentrums "Корпус" ("Korpus“). Da, wo früher an Fernsehern und Staubsaugern geschraubt wurde, organisiert eine Gruppe von Aktivisten neuerdings regelmäßig Konzerte, Partys, Lesungen und Ausstellungen. Man kann hier aber auch jederzeit einfach so vorbeikommen, um sich einen Eindruck von der modernen weißrussischen Kunstszene zu verschaffen oder ein paar nette Leute zu treffen.

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In Asmalouka scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

(Foto: Tanya Kapitonova)

In unmittelbarer Nähe liegt das von den kriegsgefangenen Deutschen und Italienern in den 1940er bis 1950er-Jahren erbaute Viertel Asmalouka, eine Ruheinsel in der hektischen Stadt. Diese Gegend wird seit Jahren hart erkämpft: Die Stadtverwaltung setzt die sowjetische Tradition der Städtemodernisierung fort und zerstört leichtherzig alte Quartiere, um an deren Stelle unzählige Einkaufszentren zu bauen. Doch als die neuen Bebauungspläne von Asmalouka publik gemacht wurden, stieß die Verwaltung auf heftigen Gegenwind seitens der Bevölkerung. Nach vielen Protestaktionen und Petitionen ließ die Stadt die Asmalouka vorerst in Ruhe. In diesem mit zweistöckigen Häusern bebauten Viertel scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: alte Leute verbringen ihre Nachmittage auf den Bänken bei Gesprächen, Katzen laufen herum und werden von der ganzen Nachbarschaft gefüttert, Wäsche wird draußen getrocknet. Wenn man nach der Seele der weißrussischen Hauptstadt sucht, findet man sie genau hier.

Oper für zwei Euro

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Für nur ein paar Euro kriegt man Karten für die Oper.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Das Minsker Opernhaus ist der ganze Stolz der weißrussischen Theaterlandschaft. Die Karten sind dementsprechend heiß begehrt, deshalb sollte man sich bereits ein paar Wochen im Voraus um sie kümmern. Dafür sind sie unglaublich günstig - für umgerechnet ungefähr zwei Euro kriegt man gute Plätze. Das 1938 erbaute Haus wurde 2009 luxuriös saniert: Der große Saal glänzt mit roten Sesseln und prächtigen Stuck- und Goldverzierungen. In den Pausen trinkt man armenischen Weinbrand, der hier seit den Sowjetzeiten Cognac genannt wird. Erlebnisse erwarten Besucher allerdings nicht nur im Theatersaal, sondern auch im stillen Örtchen, das nicht so schick wie der Rest des Hauses gestaltet und mit Hocktoiletten ausgestattet ist. Also lieber keine hohen Absätze und langen Abendkleider anziehen.

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Wer nach dem Theaterbesuch noch etwas trinken will, ist in der Vulica Zybickaja genau richtig. Vor ein paar Jahren wurden hier die alten Häuser nach weißrussischer Art saniert - abgerissen und als Kopien aus Betonblöcken nachgebaut. Seitdem bewirbt sich das Potemkinsche Dorf als die Altstadt und Partymeile von Minsk. Von der Altstadt ist in der Tat wenig geblieben, das Viertel macht den Eindruck eines Disneylands oder einer Western-City, die extra als Touristenattraktion errichtet wurde. Allerdings gibt es hier wirklich viele Bars und das Nachtleben pulsiert.   

Perlenkette der sowjetischen Architektur

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Das GUM (r.) ist einer der Prachtbauten am Niezaliežnasci Praspiekt.

(Foto: Tanya Kapitonova)

Wer also alte gewachsene Ortskerne sucht, ist in Minsk falsch. Die Hauptstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent ausradiert. Die meisten historischen Bauten, die überlebt haben, wurden dann in den 1950er- und 1960er-Jahren unsinnigerweise niedergerissen. Das Stadtbild ist von der monumentalen sowjetischen Architektur der Nachkriegszeit geprägt. Die Hauptader der Stadt, Praspiekt Niezaliežnasci, ist ein 15 Kilometer langes einzigartiges Architekturensemble. An dieser Straße sind die wichtigsten Plätze und Sehenswürdigkeiten der Stadt wie auf einer Perlenkette aufgereiht: der Unabhängigkeitsplatz, der Oktoberplatz, der Siegesplatz, der Jakub-Kolas-Platz. Zudem befinden sich an der Straße das Regierungsgebäude, das Hauptgebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften, der Botanische Garten et cetera. Ein langer Spaziergang am Praspiekt ist also jedem Stadtbesucher zu empfehlen.

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Zu den Sowjetzeiten war das GUM das Vorzeigekaufhaus des Landes.

(Foto: Tanya Kapitonova)

Um in den "real existierenden Sozialismus" so richtig einzutauchen, lohnt sich ein Besuch im GUM, einem großen Einkaufszentrum im Herzen der Stadt. Zu der UdSSR-Zeit war es der Vorzeigeladen der Republik und seitdem hat sich hier nicht besonders viel verändert. Innen wie außen ist das Gebäude großzügig gestaltet, die Verkäuferinnen tragen Uniform und sind unfreundlich-cool, das Sortiment reicht von Nähgarn bis zu Kühlschränken und ist größtenteils kitschig.

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Zu jeder Tageszeit lohnt sich ein Besuch in der Cafeteria des Centralny-Supermarkts.

(Foto: Tanya Kapitonova)

Nach dem Einkaufserlebnis im GUM lohnt sich ein Besuch auf der anderen Straßenseite in der Cafeteria des Centraĺny-Supermarkts. Jeden Abend trifft sich an der Theke die ganze Stadt: Straßenmusiker und Punks, Studenten und Künstler, Beamte und Obdachlose. Man genießt die Spezialität des Hauses - Blätterteigbrötchen mit Spinat -, trinkt Bier, Kaffee mit Kräuterlikör oder eben armenischen Cognac und unterhält sich über alles Mögliche. Und das mit der besten Aussicht auf Praspiekt Niezaliežnasci.

Wer Minsk besser verstehen will, soll auf jeden Fall Stammbesucher des Centraĺnys persönlich kennenlernen. Die meisten sind nett und werden, auch wenn sie kein Englisch sprechen, gern ein paar Stadtlegenden erzählen oder Trinksprüche verraten. Und an dieser Stelle noch ein Tipp: "Na zdrowie!" ("Auf die Gesundheit") trinkt man in Polen, in Weißrussland sagt man "Budzma!" (So viel wie: Es wird!)

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Quelle: n-tv.de

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