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Fuller über Sport und Moral "Adidas ist Teil des Fifa-Problems"

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Der inzwischen suspendierte Fifa-Präsident Joseph Blatter feiert im Jahr 2005 gemeinsam mit Adidas-Chef Herbert Hainer den 100. Geburtstag der Fifa. Der Fußball-Weltverband und der Sportartikelhersteller sind seit Jahrzehnten eng verbandelt. Kritik an der Fifa angesichts der unzähligen Skandale gab es von Adidas bislang kaum.

picture-alliance/ dpa/dpaweb

Doping, Korruption, Homophobie, Diskriminierung: Jaimie Fuller prangert Missstände im Sport nicht nur offen an. Er bekämpft sie aktiv und nutzt dazu auch seine Sportbekleidungsfirma. Über sein Verhältnis zu Sportfunktionären sagt Fuller: "Die meisten hassen mich." Anfang 2015 war der Australier ein Mitbegründer von "New Fifa now". Über den Anteil der Initiative an der Suspendierung von Fifa-Boss Joseph Blatter und die Verantwortung von Großsponsoren für Missstände im Sport spricht Fuller im Interview mit n-tv.de. Dabei erklärt er auch, warum sich seine Firma zum ersten offiziellen Nicht-Fifa-Sponsor ernannt hat, der Fußball-Weltverband auch ohne Blatter kaum noch reformierbar ist. Und warum er dem langjährigen Fifa-Partner Adidas vorwirft: "Sie sind mehr als ein Komplize. Adidas hat das Fifa-Problem erschaffen."

n-tv.de: Vor einigen Monaten hat sich Ihr Unternehmen zum weltweit ersten offiziellen Nicht-Sponsor der Fifa erklärt. Das klingt wie ein Marketing-Gag, deshalb erklären Sie bitte: Was ist ein Nicht-Sponsor?

Jaimie Fuller: Alle großen Marken haben eine Vision und Werte, für die sie stehen. Bei unseren Werten geht es um den wahren Geist des Wettbewerbs. Wir erkennen die Rolle des Sports in der Gesellschaft an und den Gedanken des Fairplay. Das wollen wir feiern und uns mit Organisationen zusammentun, die das ebenfalls machen. Umgekehrt bedeutet das natürlich, dass wir auch darauf achten, wenn Organisationen diese Werte und Ideale nicht leben.

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(Foto: Thomas Søndergaard/Play the Game)

Organisationen wie der Fußball-Weltverband Fifa.

Wir hatten das Gefühl, dass die Fifa ein perfektes Beispiel für einen wirklich schlecht geführten Sportverband ist. Deshalb dachten wir: Lasst uns das System auf den Kopf stellen. Lasst uns statt eines Sponsors ein Nicht-Sponsor werden und damit den Fokus auf all die schlechten Dinge richten, die die Fifa macht.

Unternehmer und Aktivist

Jaimie Fuller ist Mitgründer von "New Fifa now" und Chef der australischen Firma Skins, die Kompressionswäsche für Sportler herstellt. Die vermeintliche Gretchenfrage für Unternehmen, "Geld oder Moral?", hält Fuller für überholt. Er will zeigen: Ethisch korrektes, verantwortungsbewusstes Verhalten und kommerzieller Erfolg schließen sich für Sportsponsoren keineswegs aus. Seine Firma hat Fuller zum offiziellen Nicht-Fifa-Sponsor erklärt.

2012 gehörte Fuller bereits zu einer internationalen Radsport-Reformbewegung, die sich nach den unzähligen Dopingskandalen unter anderem um Lance Armstrong und deren teilweiser Vertuschung durch den Weltverband UCI für einen fundamentalen Wandel einsetzte und 2013 die Abwahl von Präsident Pat McQuaid erreichte.

Hatte das Auswirkungen auf Ihre Firma?

Definitiv keine negativen und ehrlich gesagt auch keine positiven. Das ist okay, obwohl wir eine Verbindung zwischen dem ganzen Aktivismus und Lobbying sowie unserem Verkäufen herstellen müssen. Aus zwei Gründen: Einerseits will ich ganz selbstsüchtig meine Marke stärken. Aber wichtiger ist: Alles, was ich tue, bezahle ich aus unserem Marketingbudget, es ist Skins-Geld. Wenn ich diese Aktivitäten mit kommerziellem Erfolg verbinden kann, würde ich weitaus mehr Geld zur Verfügung haben für andere Dinge. Geld ist wichtig, um eine größere Wirkung erzielen. Es gibt so viel, was wir noch tun könnten.

Das klingt nach einem Unternehmen als Vorbild für kommerziellen Aktivismus. Die meisten Sponsoren ducken sich bei Skandalen aber weg und schweigen.

Der Grund, warum die meisten anderen Unternehmen nicht das tun, was wir tun, ist doch: Sie haben Angst, ihr Geschäft geht den Bach runter und sie werden bestraft. Diese Dynamik müssen wir ändern und ich würde, indem wir die Anführerrolle bei ethischem Geschäftsverhalten übernehmen, anderen Firmen gerne beweisen: Sie können es auch. Sie können für Ethik kämpfen und gleichzeitig kommerziell erfolgreich sein. Dann können wir versuchen, andere Marken und Sponsoren, und nicht nur die der Fifa, dazu zu bekommen, aufzustehen und zu sagen: Das ist falsch und wir lassen euch nicht unser Spiel korrumpieren.

Das Nicht-Sponsoring ist Teil der Initiative "New Fifa Now". Was ist deren Ziel: Evolution oder Revolution, wie sie zum Beispiel der deutsche Ligapräsident Reinhard Rauball fordert?

Wir haben im Januar angefangen, bevor eine Menge neuer Dinge aufgedeckt wurden. Damals haben wir über Evolution gesprochen, keine Revolution. Wir wussten, dass der Fußball bis ins Mark verfault ist, dass die Fifa bis ins Mark verfault ist und dass sich das Problem über die Fifa hinaus in die Konföderationen und Verbände erstreckt. Aber das Problem ist: Du kannst einen Verband nicht an der Basis der Pyramide aufräumen, ohne die Spitze zu säubern. Du kannst eine Organisation nicht reformieren, solange der alte Chef an der Spitze sitzt. Genau deshalb waren wir hinter UCI-Präsident Pat McQuaid her, deshalb sind wir jetzt hinter Joseph Blatter her. Unsere Definition von Evolution war, Blatter zu entfernen, der Fifa die Kontrolle des Spiels wegzunehmen und sie in die Hände eines unabhängigen Reformkomitees zu geben. Das sollte alles neustrukturieren und der Fifa dann zurückgeben.

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Blatter im Geldregen: Der Fisch stinkt auch im Fall Fifa vom Kopf, sagt Fuller.

(Foto: dpa)

Inzwischen ist es November. Glauben Sie immer noch an Evolution?

Je länger wir arbeiten, je mehr Dinge ans Tageslicht kommen, umso wahrscheinlicher wird es, dass die Fifa zerstört werden muss und dann neu aufgebaut. Wir sagen immer noch, dass Blatter gehen muss und die Kontrolle über die Fifa in unabhängige Hände gehört. Aber sobald alles neu strukturiert ist, was sollte man dann tun? Die Kontrolle zurückgeben - oder eine ganz neue Organisation mit neuem Namen und neuen Leuten etablieren?

Wie lautet Ihre Antwort?

Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Aber wenn es darum geht, die aktuelle Fifa aufzubrechen, gibt es meiner Meinung nach nur zwei Wege:  Entweder kriegst du 157 der 209 Verbände dazu, dafür zu stimmen - was höchst unwahrscheinlich ist. Oder du wendest dich an die Schweizer Regierung. Sie haben die Macht, das Fifa-Vermögen zu beschlagnahmen, die Fifa abzuwickeln und neu aufzustellen mit Unabhängigkeit, Transparenz und neuer Struktur.

Die Schweiz hat diese Macht seit Jahren - und nutzt sie seit Jahren nicht. Warum sollten sie es jetzt plötzlich tun?

Niemand weiß, was bei den laufenden Ermittlungen in der Schweiz und den USA noch herauskommen wird. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass eine ganze Menge mehr Mist aufgedeckt wird. Das könnte ein Umfeld erzeugen, in dem die Leute vor lauter Ärger eine Revolution fordern. Dann müsste die Schweizer Regierung womöglich handeln.

Hat es vor diesem Hintergrund Sinn, wie von der Fifa angestrebt am 26. Februar 2016 einen neuen Präsidenten zu wählen?

Nicht, während all diese Sachen ablaufen. Der Prozess ist fehlerhaft. Es geht nicht um den Präsidenten, es geht ums System. Deshalb sollten wir das System reparieren. Aber wenn es zu einer Wahl kommt, werden wir uns sehr wahrscheinlich die Wahlprogramme aller Kandidaten ansehen und entscheiden, ob wir einen von ihnen öffentlich unterstützen.

Eine Zielgruppe von "New Fifa now" sind die Sponsoren. Wie haben sie auf die Versuche reagiert, sie an Bord zu bekommen?

Unsere ersten Versuche sind gescheitert. Wir haben sie vor unserem Gründungstreffen in Brüssel angeschrieben - und sie haben uns ignoriert.

Alle?

*Datenschutz

Ja, solange bis wir im Mai den Film "Die Heuchlerei der Weltmeisterschaft" produziert und die Öffentlichkeit ermutigt und gedrängt haben, den Vorstandsvorsitzenden der Fifa-Sponsoren zu schreiben - indem wir ihre E-Mail-Adressen veröffentlicht haben. Innerhalb von 24 Stunden bekam ich eine E-Mail von Coca-Cola, in der ich um ein Treffen gebeten wurde. So sind wir ins Gespräch gekommen. Das war der Ausgangspunkt dafür, dass im Juli Coca-Cola, Visa and McDonald's unseren Plan für eine unabhängige Reformkommission unterstützt haben. Vor vier Wochen schloss sich dann Budweiser an; sie haben öffentlich den sofortigen Rücktritt von Sepp Blatter gefordert.

Einer der Fifa-Sponsoren, der neben Gazprom und Hyundai bis heute vorwiegend schweigt, ist Adidas. Warum?

Nein, Adidas hat nicht geschwiegen. Sie haben Sepp Blatter unterstützt und sie haben Michel Platini unterstützt. Sie haben das Fifa-System immer gestützt und stützen es weiterhin, weil sie an der Wurzel der Sportkorruption sitzen.

Sie beziehen sich darauf, dass Adidas als Erfinder der modernen Sportkorruption gilt.

Wenn man sich die Geschichte der Sportkorruption anschaut, sieht man: Sie wurde von Horst Dassler begonnen, Sohn von Adidas-Gründer Adi Dassler, als er hohe Funktionäre wie Blatter und den aktuellen IOC-Präsidenten Thomas Bach bezahlte. Er war der Erste, der gezeigt hat, dass man über Sponsoring die Stimmen kontrollieren kann. Und er konnte Juan Antonio Samaranch auf den Präsidentenposten des IOC befördern. Von da ging es weiter. Adidas ist tief in einer Kultur der Korruption verwurzelt. Erst kürzlich haben wir die Enthüllungen des "Spiegel" über Robert Louis-Dreyfus gesehen. Er war in den 1990ern Mehrheitseigner und Vorstandsvorsitzender von Adidas - und hat eine schwarze Kasse mit 10 Millionen Schweizer Franken für den Deutschen Fußball-Bund bereitgestellt, um Stimmen für die WM 2006 zu kaufen.

Würden Sie Adidas als einen Komplizen der Fifa bezeichnen?

Sie sind mehr als ein Komplize. Adidas ist Teil des Fifa-Problems. Adidas hat das Fifa-Problem erschaffen. Adidas ist mit dem Fifa-Problem verwoben. Ich bin sehr enttäuscht, dass sie nicht die Moral haben, das Richtige zu tun. Aber ich bin nicht überrascht, weil sie so stark involviert und eingebettet in diese Korruption sind. Das habe ich schon früher gesagt und das werde ich weiterhin sagen.

Hat Adidas darauf in irgendeiner Weise reagiert?

Nein. Nicht auf meine Briefe, nicht auf meine Kommunikation, auf nichts.

Auf der "Play the Game"-Konferenz 2013 in Aarhus haben sie gesagt, es sei fast unmöglich, einen Amtsinhaber in einer Sportorganisation seines Postens zu entheben. Hat sich daran mit der Suspendierung von Sepp Blatter etwas geändert?

Nun, das war nicht meine Schlussfolgerung. Als wir mit den Reformen im Radsport begonnen haben, wurde mir gesagt: Es ist nicht möglich, einen amtierenden Präsidenten eines internationalen Sportverbandes zu stürzen, das ist in 40 Jahren erst einmal passiert. Aber im September 2013 hatten wir Erfolg mit unserer Reformarbeit, Pat McQuaid wurde als Präsident der UCI abgewählt. Die Tatsache, dass Blatter suspendiert worden ist, ist ein gutes Zeichen. Und es ist schön, sagen zu können, dass Skins Anteil daran hatte, dass zwei Präsidenten von Verbänden in großen Schwierigkeiten gehen mussten. Im Sommer waren wir Teil der Fernsehsendung in der Schweiz, die den Freundschaftsvertrag zwischen Blatter und Jack Warner über TV-Rechte enthüllt hat. Dieser Vertrag war einer der Gründe für Blatters Suspendierung durch das Ethikkomitee der Fifa - neben den 2 Millionen Schweizer Franken an Schmiergeld für Uefa-Präsident Platini.

Fürchten Sie, dass Blatter sich doch noch irgendwie im Amt halten kann, so wie er es in den vergangenen 17 Jahren auch geschafft hat?

*Datenschutz

Ich denke, Blatter ist erledigt. Michel Platini auch. Die kommen nicht zurück. Es kann natürlich sein, dass Blatter immer noch die Hoffnung hegt, weiter eine Rolle spielen zu können und dass einer der Kandidaten seine Marionette ist. Aber das interessiert mich nicht wirklich. Unserer Initiative geht es nicht um Präsidentschaftswahlen, sondern um etwas viel Größeres.

Sie haben sich bereits im Radsport engagiert, auch in Leichtathletik und Rugby, jetzt im Fußball. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Sportfunktionären beschreiben?

Die meisten hassen mich. Sie sehen mich als Bedrohung für ihr Modell. Sie leben in einer Blase. Sie mögen keine Außenstehenden, die sie ändern wollen. Sie mögen keine Leute, die sich mit ihnen anlegen, die sie zwingen wollen, transparenter und verantwortlicher zu agieren. Deshalb behandeln mich die meisten wie Scheiße. Aber das ist okay. Wir machen weiter. Und wir werden am Ende gewinnen.

Mit Jaimie Fuller sprach Christoph Wolf

Quelle: n-tv.de

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