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DBB stellt Saibou aber Bedingung Corona-Zweifler soll für Deutschland spielen

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Saibou wurde 2017 erstmals in die DBB-Auswahl berufen.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Dass die deutsche Basketball-Nationalmannschaft mit Joshiko Saibou in die Olympia-Qualifikation geht, sorgt für Unruhe. Der Spielmacher hat im Vorjahr die Gefahr der Corona-Pandemie heruntergespielt. Für die Rückkehr aufs Feld macht der DBB ihm jedoch klare, überprüfbare Vorgaben.

Es kommt höchst selten vor, dass die Kader-Nominierung der deutschen Basketball-Nationalmannschaft heftige Reaktionen auslöst. Noch seltener, dass der Deutsche Basketball-Bund (DBB) danach eine Klarstellung verschickt. Genau das aber ist passiert, nachdem der DBB das Aufgebot bekannt gegeben hat, das ein Vorbereitungsturnier in Hamburg spielen soll. Denn Bundestrainer Henrik Rödl hat sich dazu entschieden, Joshiko Saibou in den Kader zu berufen. Der Guard könnte sich somit für das Olympia-Qualifikationsturnier im kroatischen Split und im Idealfall auch für das olympische Basketball-Turnier in Tokio empfehlen. Das Aufgebot dafür wird zwar erst zu einem späteren Zeitpunkt bestimmt, dürfte sich vom aktuellen Kader aber nicht grundlegend unterscheiden.

"Angesichts der anhaltenden Proteste gegen die Nominierung von Joshiko Saibou gibt der DBB folgendes Statement ab", twitterte der offizielle Verbandsaccount am Freitagabend. "Joshiko ist kein Corona-Leugner."

Viele Anhänger und Beobachter der Nationalmannschaft sehen das anders. Der 31-jährige Saibou hatte im vergangenen Jahr gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie protestiert, unter anderem Mund-Nasen-Masken als "Maulkorb" bezeichnet. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Alexandra Wester, Weitspringerin und 2016 Olympia-Teilnehmerin für den deutschen Leichtathletik-Verband, trat er im Sommer 2020 auch bei einer entsprechenden Demonstration in Berlin auf.

DBB-Vizepräsident Armin Andres erklärt auf Nachfrage von ntv.de: "Bevor er wieder für Deutschland spielen kann, wird es ein persönliches Gespräch mit mir und unserem Sportdirektor Felix Leuer geben. Nur wenn sich Joshiko klar von einigen Dingen, die er in der Vergangenheit geäußert hat, distanziert - dem DBB und den Teamkollegen gegenüber -, hat er eine Chance wieder zu spielen." Die Nominierung scheint demnach kein Freifahrtschein für Saibou zu sein, sondern eher eine Aufforderung, sich glaubhaft zu erklären.

"Er ist bereit, offen über die Vergangenheit zu sprechen"

Zum Kontext: Nach der Demoteilnahme entließ sein damaliger Klub, die Baskets Bonn, den Aufbauspieler umgehend, nannte ihn ein "permanentes Infektionsrisiko". Saibou klagte dagegen, nach mehreren Gerichtsterminen einigten sich beide Parteien gütlich auf eine Vertragsauflösung. Saibou inszenierte sich daraufhin als Märtyrer, dessen Meinungsfreiheit angeblich bedroht sei. Nach mehreren Monaten der Vereinslosigkeit spielt er mittlerweile für Champagne Basket Reims in der französischen ersten Liga.

Ob er wirklich geläutert ist, darf zumindest bezweifelt werden. Seine Lebensgefährtin Alexandra Wester protestierte nicht nur in Berlin gegen Corona-Maßnahmen, sondern verbreitete via Instagram auch rechtsextreme und antisemitische Verschwörungsmythen. Dazu gehörte beispielsweise, dass es einen aus einer Pizzeria in Washington D.C. betriebenen Pädophilie-Ring gebe. Die Verbreitung dieses etwa von der "Washington Post" widerlegten Mythos führte so weit, dass ein bewaffneter US-Amerikaner das Geschäft im Jahr 2016 stürmte, um die vermeintlich gefangen gehaltenen Kinder zu befreien, zum Glück aber niemanden körperlich verletzte. Mittlerweile haben Saibou und Wester offenbar eine Vielzahl ihrer fragwürdigen Storys gelöscht, zumindest sind sie auf den öffentlichen Profilen nicht mehr einsehbar.

Viel Kontext, der aber wichtig ist, weil er die harsche Reaktion auf die Saibou-Rückkehr erklärt. Der als Teil der Nationalmannschaft ja Deutschland repräsentieren soll. "Es ist klar, dass Joshiko zu 100 Prozent zu den Werten der Nationalmannschaft steht", twitterte der DBB am Freitagabend. Als ntv.de nachfragte, welche Werte damit gemeint seien, verwies Vizepräsident Armin Andres auf die Verbandssatzung: "Der DBB verurteilt jegliche Form von Gewalt und Missbrauch, gleich ob körperlicher, seelischer oder sexueller Art. Er tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen."

Zudem verweist der Verband in den bereits erwähnten Tweets auf ein Interview, das Saibou im November 2020 dem Fachmagazin "BIG" gab. Darin darf sich der Point Guard zwar erklären, eine öffentliche Distanzierung blieb jedoch aus. Diese soll nun folgen: "Wir haben ganz klargemacht, dass vor einer Rückkehr eine Distanzierung zu seinen damaligen Äußerungen erfolgen muss", sagt DBB-Vize Andres zu ntv.de. "Es gab jetzt ein telefonisches, sehr offenes und ehrliches Gespräch zwischen mir und Joshiko. Dabei hat er mich davon überzeugt, dass er bereit ist, offen über die Vergangenheit zu sprechen. Wir werden uns in Hamburg hinsetzen und alles Notwendige intensiv beleuchten."

"Wird alles langsam sehr sehr fragwürdig"

Eine solche Auseinandersetzung forderte zuvor auch der Basketball-Journalist Manuel Baraniak: "Solange [Saibou] sich öffentlich nicht zu seiner Schwurbelei äußert (ich hoffe: distanziert): für mich nicht tragbar." Auch "Spiegel"-Autor Thilo Neumann zeigte sich irritiert von der Nominierung: "Bis heute hat sich [Saibou] dazu nicht erklärt, nichts relativiert. Beim DBB scheint das die Vorfreude aber nicht getrübt zu haben und er nominiert Saibou für die Olympiaquali. Das ist... beachtlich." Mit Blick auf das Antworten von Verbandsvizepräsident Andres scheint sich der DBB dieser Problematik allerdings bewusst zu sein.

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Deutliche Kritik an der Nominierung gab es auch aus Spielerkreisen. Bastian Doreth, Kapitän des Bundesligisten Medi Bayreuth, 90-facher Nationalspieler und laut DBB-Homepage "Aktivensprecher für den männlichen Bereich", nennt zwar nicht den Namen Joshiko Saibou, schreibt aber bei Twitter vielsagend: "Jetzt wird alles langsam sehr sehr fragwürdig was da beim DBB passiert!" Ex-Profi Tim Ohlbrecht, 2008 Olympia-Teilnehmer mit der DBB-Auswahl, bezeichnete den Verband sogar als "Lachnummer".

Am kommenden Mittwoch soll Saibou zur Mannschaft von Bundestrainer Rödl stoßen, die sich dann erstmals seit 13 Jahren wieder für die Olympischen Spiele qualifizieren soll. Ob er dann tatsächlich auch wieder im Nationaltrikot aufläuft, erscheint aber offen. Denn als Konsequenz des vom Verband angekündigten (auf-)klärenden Gesprächs scheint auch eine zeitnahe Abreise und somit Streichung Saibous für Supercup und Olympia-Qualifikation denkbar. Wie groß die Unterstützung der Fans bei diesem Vorhaben sein wird, hängt vermutlich auch davon ab, ob Joshiko Saibou auf dem Parkett steht oder nicht.

Quelle: ntv.de

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