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Uneinsichtig nach EM-Debakel DHB droht mit Prokop ein teurer Irrtum

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Prokop hinterlässt keinen fehlerfreien Eindruck.

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Sein erster großer Auftritt als Handball-Bundestrainer missglückt Christian Prokop gründlich. Die "Bad Boys" scheitern bei der EM früh, es bleibt ein desolater Eindruck. Vom Verband gibt's Rückendeckung - aber wie lange noch?

Christian Prokop wusste schon am ersten Arbeitstag, dass er unter besonderer Beobachtung stehen würde. Schließlich war er der jüngste Bundestrainer in der Geschichte des deutschen Handballs. Der 39-Jährige hatte nie auf Topniveau als Spieler agiert, als Trainer keine internationale Partie bestritten und deshalb sagte er bei seiner offiziellen Vorstellung einen Satz, der jetzt zum Bumerang werden könnte. "Ich möchte mich daran messen lassen, wie die Mannschaft spielt und auftritt", so Prokop vor knapp einem Jahr.

Einen Tag nach dem krachenden Scheitern bei der Europameisterschaft in Kroatien saß Prokop dann bei der Pressekonferenz, ihm gegenüber hatten mehrere Dutzend Journalisten Platz genommen. Es war der Zeitpunkt für eine erste Abrechnung nach einer in Teilen desolaten Vorstellung im letzten Hauptrundenspiel gegen Spanien (27:31). Prokop hätte die Möglichkeit gehabt, die Kritik der vergangenen Tage abzufedern, indem er einen Teil der Schuld für die Misere auf seine Schultern geladen hätte. Es war das erste große Turnier des Trainers, einem Neuling muss man Fehler zugestehen, ihm können sie eher verziehen werden. Er hatte die Chance, seine Position zu stärken, doch er nutzte sie nicht.

"Mannschaft wird nicht zerbrechen"

Wie in den vergangenen Tagen vermied es der Bundestrainer vehement, Fehler einzugestehen. Unter anderem waren ihm die Kaderzusammenstellung, die missglückten Experimente in der Abwehr und die mitunter vielen wilden Wechsel, die die Spieler verunsicherten, vorgeworfen worden. Prokop wirkte nun, nach dem sportlichen Fehlschlag, mächtig mitgenommen, gleichzeitig aber dünnhäutig und schmallippig. Angesprochen auf das Miteinander mit der Mannschaft, das in vielen Momenten belastet wirkte, erklärte er: "Wir haben ein nach innen stimmiges Verhältnis."

Die Spieler widersprachen dem Trainer unmittelbar nach dem Aus gegen Spanien und auch am Morgen vor der Abreise aus dem Teamhotel nicht. Am Abend seien Akteure und Offizielle zusammengesessen, ließ Kai Häfner wissen, jetzt brauche aber jeder erst einmal Zeit für sich, um zu analysieren. Uwe Gensheimer, der Kapitän der Mannschaft, war kurz angebunden und schloss sein kurzes Statement mit dem Satz: "Die Mannschaft wird an diesem Rückschlag nicht zerbrechen." Gensheimer stand unmittelbar nach der Begegnung gegen die Iberer nicht für Interviews zur Verfügung, vor der Rückreise sah der Linksaußen mitgenommen aus.

Es ging dem Kapitän nicht anders als den Kollegen. Auch Bob Hanning hatte eine unruhige Nacht hinter sich gebracht. Der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) muss die Gesamtentwicklung im Auge behalten, er darf sich nicht von einem verworfenen Siebenmeter beeinflussen lassen. Auch Formschwankungen einzelner Akteure dürfen seine Sicht der Dinge nicht leiten. Hanning muss tiefer blicken, muss prüfen, ob tatsächlich der Trainer ursächlich für die Probleme innerhalb des Teams ist, oder ob die Mannschaft in sich ihr Gleichgewicht verloren hat. Entsprechende Korrekturen müssen danach zwingend vorgenommen werden.

Hanning erbittet sich Zeit

Weil in den kommenden Jahren große sportliche Ziele ausgerufen wurden, war Hanning fast schon gezwungen, eine genaue Analyse des Zustands der Nationalmannschaft anzukündigen. Im kommenden Jahr bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land werden die Erwartungen nicht geringer, der Druck nicht kleiner sein. Ein Jahr später soll der Olympiasieg eine Entwicklung krönen, die der Verband mit Hanning an der Spitze vor vier Jahren ausgerufen hatte. Prokop sollte nach der erfolgreichen Aufbauarbeit des Isländers Dagur Sigurdsson den Feinschliff vornehmen. Nach dem ersten großen Zwischenschritt bleibt als Eindruck der deutschen Handballer aber vor allem ein Scherbenhaufen.

Und so steht im Moment alles in Frage. "Vier bis sechs Wochen" Zeit erbat sich der DHB-Vize für eine gründliche Aufarbeitung der Europameisterschaft. Die Schlüsse, die getroffen werden, müssen sitzen. Andernfalls droht im kommenden Jahr bei der Heim-WM ein deutlich größerer Imageschaden. Prokop wurde mit einem Vertrag bis 2022 ausgestattet, für ihn musste der Verband eine Ablösesumme von 500.000 Euro zahlen. Würde das Projekt mit dem jungen Trainer zum Missverständnis erklärt, wäre es ein teures. Hanning, so viel steht fest, würde aber nicht davor zurückschrecken, einen Irrtum einzugestehen - auch wenn er vor einem Jahr hart mit den Leipzigern gerungen hatte, um ihn beim SC DHfK loszueisen.

"Das Ziel ist, mit dem Trainer weiterzuarbeiten", sagte der DHB-Macher. Klar ist aber auch, dass nicht alle Ziele erfüllbar sind. Die eigene Vorgabe bei Amtsantritt hat Prokop jedenfalls krachend verfehlt. "Die Mannschaft soll die Nation begeistern", sagte der Bundestrainer gestern. In Kroatien ist dieses Vorhaben auf grandios gescheitert und es bleibt abzuwarten, ob er eine weitere Möglichkeit bekommt, die eigene Vorgabe zu umzusetzen.

Quelle: ntv.de