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Probleme liegen aber wohl tiefer DLV degradiert Cheftrainerin nach WM-Debakel

Annett Stein ist nicht mehr DLV-Cheftrainerin.

Annett Stein ist nicht mehr DLV-Cheftrainerin.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Deutsche Leichtathletik-Verband verkündet erste Konsequenzen aus der medaillenlosen WM in Budapest: Cheftrainerin Annett Stein wird von ihren Aufgaben entbunden. Rund um den DLV herrschen allerdings große Zweifel, ob kleine Änderungen zur Lösung gewaltiger Probleme ausreichen.

Die bitteren Tage von Budapest wirken nach. Bei den 19. Leichtathletik-Weltmeisterschaften war das Team des Deutschen Leichtathletik-Verbandes erstmals ohne Medaille geblieben, was einem Debakel gleichkam. Auf individueller Ebene zeigten viele Sportlerinnen und Sportler starke Leistungen, dennoch lautete das übergeordnete Fazit: Der DLV hat den Anschluss an die Weltspitze verloren. Was der Verband noch in Ungarn auch schonungslos konstatierte, in der Analyse angetrieben vom erst im März dieses Jahres verpflichteten Sportdirektor Jörg Bügner. Der jetzt "signifikant" an Einfluss im DLV gewinnt.

Denn Cheftrainerin Annett Stein ist entmachtet worden. Das verkündet der Verband als eines der ersten Ergebnisse seiner Jahresklausur in Darmstadt, wobei in der offiziellen Mitteilung der Fokus darauf liegt, dass "die leitenden Bundestrainer künftig direkt an Sportdirektor Jörg Bügner berichten" würden. Mit Stein dagegen "werden derzeit Gespräche über ihre zukünftigen Aufgaben beim DLV geführt" - wobei sie sich seit ihrem Aufstieg zur Cheftrainerin im Jahr 2019 nicht für vergleichbar verantwortungsvolle Rollen empfehlen konnte.

In den Fokus der Kritik rückt derweil zunehmend Idriss Gonschinska, der DLV-Vorstandsvorsitzende und seit Jahren wichtigster Entscheider im Verband. Er hatte nach seinem Aufstieg vom Cheftrainer zum Generaldirektor (ebenfalls 2019) zunächst überraschend Alexander Stolpe zum Cheftrainer berufen, der dann nach kaum einem halben Jahr schon wieder verschwunden war. "Mit vielen Lorbeeren von Gonschinska" habe er den Job angetreten, schreibt die "Süddeutsche Zeitung", ohne dann allerdings die Zweifel an seiner Befähigung für seine neuen Aufgaben ausräumen zu können. Stein wurde seine Nachfolgerin und zum Gesicht des Niedergangs. Schon die WM 2022 in Eugene (zwei Medaillen) sah die bis dahin schlechteste Bilanz der DLV-Geschichte, in Budapest nun wurde dieser Negativrekord noch einmal unterboten.

Ex-Präsident fordert weitreichende Konsequenzen

Nur: Dass jetzt schon wieder umgebaut wird, personell wie strukturell, stellt auch Gonschinskas Kompetenz infrage, die deutsche Leichtathletik aus der Krise zu führen. "Wir treiben damit den Strukturwandel innerhalb des DLV konsequent weiter voran", wird Gonschinska in feinstem Manager-Sprech in der Mitteilung zitiert: "Wir wollen schneller, schlanker und horizontaler agieren, mit weniger Hierarchien." Rund um die WM hatte sich der 54-Jährige noch rar gemacht, war in Budapest gar nicht zu sehen und zu hören gewesen.

Rund um das DLV-Team ist bisweilen zu vernehmen, Gonschinska trete bevorzugt in die Öffentlichkeit, wenn Erfolge zu feiern sind. Die "Süddeutsche" resümiert mit Blick auf die Stein-Entmachtung, "dass die Probleme tiefer wurzeln als nur bei einer [einzelnen; Anm.d.Red.] Leitungsstelle". Zumal "der heutige DLV-Leistungssport zuvorderst als sein Werk zu bezeichnen" sei, wie die SZ schon im Fazit der WM des vergangenen Jahres geurteilt hatte. Gonschinska war 2012 zum Cheftrainer aufgestiegen, 2016 zum Leistungsdirektor Sport, 2019 zum Generaldirektor. Er ist der entscheidende Mann in der deutschen Leichtathletik.

Weitreichendere Konsequenzen hatte womöglich auch deshalb Clemens Prokop gefordert, langjähriger und inzwischen ehemaliger DLV-Präsident. Die Verbandsstrukturen seien "nicht mehr zukunftsfähig, wenn wir teils mit Bedingungen und Strukturen des Amateursports Weltklasse generieren wollen". Dringend müsse überprüft werden, "ob unsere Trainer und die Chef-Bundestrainerin über die erforderliche Erfahrung, Kompetenz und Zukunftsvision verfügen".

Umbau kurz vor Olympia verdeutlicht Probleme

Der frühere Cheftrainer und Sportdirektor Jürgen Mallow hatte zuvor schon konstatiert: "Die Ursachen [für die Krise; Anm.d.Red.] liegen im Verband, bei denen, die für den Leistungssport verantwortlich sind." Das passt zu den wiederkehrenden Erzählungen von Athletinnen und Athleten, die mitunter schon zufrieden sind, wenn der DLV ihnen bei der Leistungsentwicklung wenigstens nicht im Weg steht.

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Weniger als ein Jahr vor den Olympischen Spielen von Paris derart tiefgreifend umzubauen, zeugt von massiven Problemen. Zumal mit Bügner nun ein Mann an der Spitze steht, der erst im März seine Aufgabe angetreten hat und noch in Budapest wiederholt betonte, seine Einarbeitung in den Verbandsalltag und dessen Strukturen längst nicht abgeschlossen zu haben.

"Unser Ziel ist es, die Verantwortlichkeiten weiter zu schärfen", wird Gonschinska außerdem zitiert. Ob das auch seine eigene Position und Machtfülle betrifft, bleibt offen. Zumindest das Ziel hat der DLV längst klar und nach außen kommuniziert: bis Olympia 2028 wieder zu den Top 5 Leichtathletik-Nationen der Welt zu gehören. In Budapest gehörte Deutschland nicht zu den 46 Ländern, die im Medaillenspiegel dieser WM auftauchten.

Quelle: ntv.de

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