Sport

Ende der Ära Philipp Lahm Der Weltstar, der für Bielefeld zu schlecht war

ALT Jetzt anhören
050f45ff6b2f3b6719111e1d0199911f.jpg

Alleskönner, Allesgewinner, Allesversteher: Philipp Lahm.

(Foto: imago/ActionPictures)

Philipp Lahm räumt seinen Spind beim FC Bayern. Gegen den SC Freiburg endet am 34. Spieltag der Fußball-Bundesliga eine der größten deutschen Fußballerkarrieren überhaupt - die sie einst in Ostwestfalen fast verhindert hätten.

"Trainer, den Kleinen, wir müssen den Kleinen nehmen", sagt Ansgar Brinkmann - und blickt in das völlig überraschte Gesicht von Benno Möhlmann. Der antwortet: "Ansgar! Der hat keinen Offensiv-Kopfball und auch keinen Defensiv-Kopfball." Arminia Bielefeld ist in der Vorbereitung auf die Bundesliga-Saison 2003/04. Die Ostwestfalen sind Aufsteiger. Eine Kämpfertruppe plus Ansgar Brinkmann, den "weißen Brasilianer". Der ist ein überragender Techniker mit nicht zu bändigendem Freiheitsdrang - und gibt nicht auf.

"Benno, der hat in der ganzen Woche keinen Zweikampf verloren. Ich komme an dem nicht vorbei. Das habe ich noch nie erlebt." Der Kleine ist einer von drei Probespielern in Ostwestfalen, empfohlen von Bayern Münchens Nachwuchs-Coach Hermann Gerland. Doch seine Qualitäten, sie passen nicht zur Arminia. Philipp Lahm muss Bielefeld verlassen, er landet auf Leihbasis in Stuttgart, beim VfB. Wird zwei Jahre lang von Felix Magath geschliffen, ehe er zum FC Bayern zurückkehren muss. Wo er eine Ära prägt. Eine Ära, die heute endet.

Lahm konnte alles - schon damals

"Ich weiß wirklich nicht, was die damals gesucht haben. Wir hatten Spieler in Bielefeld, die konnten Kopfballduelle gewinnen. Wir hatten Spieler, die konnten grätschen. Aber dann gingen die Probleme los", erinnert sich Brinkmann im Gespräch mit n-tv.de. Nicht so bei Lahm. Der konnte alles – schon damals. Der 18-Jährige hatte Lösungen für alle Probleme auf dem Platz. Lösungen, die ihn fortan zur prägendsten Gestalt im deutschen Fußball der vergangenen zehn Jahre machten.

"Nach drei, vier Monaten in Stuttgart gab's einen Zeitungsartikel, darin stand, dass der VfB Lahm für vier Millionen vom FC Bayern kaufen wollte. Die lehnten wie selbstverständlich ab. Ich habe Benno den Artikel an die Tür genagelt", sagt Brinkmann. Reagiert hat Möhlmann darauf nie. Er weiß wohl auch, warum.

*Datenschutz

Lahm, ein Intellektueller, vielleicht sogar der größte intellektuelle Fußballer der Gegenwart, er tritt nun an diesem 34. Spieltag der Fußball-Bundesliga gegen den SC Freiburg ab. Würdig, vollendet, begleitet von der Sehnsucht nach einem neuen Rechtsverteidiger, dessen schlechteste Spiele immer noch so gut waren, dass Kritiker es mit ihren Mäkeleien an Philipp Lahm so schwer hatten wie seine Gegenspieler.

Und so wundert es wohl niemanden, dass sich der mittlerweile 33-Jährige die härteste Kritik am Fußballer Lahm nicht für einen Ballverlust, ein verschuldetes Gegentor, ein böses Foul einhandelte. Philipp Lahm wurde hart kritisiert, weil er selbst hart kritisiert hatte. Und zwar den FC Bayern München. Den deutschen Fußball-Rekordmeister. Den erfolgreichsten Klub des Landes.

Imageschärfend & -schädigend

Ein Klub, der im Herbst 2009 sportlich vor sich hindümpelte und von den unerwarteten Worten seines Eigengewächses in seinem Mia-san-mia-Verständnis erschüttert wurde. Ohne Absprache mit dem Verein hatte der damals 25-Jährige der "Süddeutschen Zeitung" ein Interview gegeben. Lahm urteilte, dass der FC Bayern keine Spielphilosophie habe, dass hinter den Transfers keine Idee zu erkennen sei und das die ständigen Trainerwechsel (Hitzfeld, Klinsmann, Heynckes) das Team verunsicherten. Die "Zeit" kommentierte die provokanten Aussagen des braven und eloquenten Burschen als imageschärfend - für den Profi Lahm. Sein Verein empfand sie als imageschädigend für den Klub und verurteilte seinen Profi zu einer saftigen Geldstrafe von 50.000 Euro, der höchsten der Klubgeschichte.

"Es war nicht klug, so ein Interview vor so einem wichtigen Spiel (Anmerk. d. Red.: damals gegen den FC Schalke) zu geben. Sie können davon ausgehen, dass er dieses Interview noch bedauern wird", drohte Uli Hoeneß, damals noch Manager des FC Bayern. Eine These, die siebeneinhalb Jahre später wie ein schlechter Witz klingt. Denn die Bayern haben nach dem Weckruf den nationalen Fußball dominiert wie nie zuvor. Sechs Meistertitel, vier DFB-Pokal-Siege, dazu der ersehnte Champions-League-Erfolg (2013) und zwei weitere Finalteilnahmen in der Königsklasse.

18723740.jpg

Dauerhaft hat Philipp Lahms Generalkritik am FC Bayern und Uli Hoeneß die beiden nicht entzweit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bereut hat Philipp Lahm seine Aussagen übrigens nicht. In seinem Buch "Der feine Unterschied" schrieb er später dazu: "Der Zwischenfall, der so viel Berichte, Kommentare und Diskussionen in Presse und Fernsehen nach sich gezogen hatte wie sonst vielleicht nur die abgekupferte Doktorarbeit eines Ministers, sorgt für eine freie und selbstverständliche Gesprächsbasis zwischen dem Vorstand und mir." Lahms Meinung ist fortan sehr wichtig – und er sagt sie, wenn er gefragt ist, wenn er gefragt wird. Nicht nur nach großen Siegen und Niederlagen in der Mixed Zone oder laufender Kamera, sondern auch im Sommer 2010.

Kampfansage an Ballack

Es sind nur noch wenige Wochen bis zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. In England findet am 19. Mai das FA-Cup-Finale zwischen dem FC Chelsea und dem FC Portsmouth statt. Die "Blues" gewinnen mit 1:0 – nur für einen wird das Spiel zu einer Niederlage. Für Michael Ballack. Der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wird von Kevin-Prince Boateng so hart gefoult, dass er für die WM ausfällt. Ein Schock. Für den Spieler, den Bundestrainer, viele Fans. Nicht aber für Lahm. Der wird zum Kapitän. Erst kommissarisch, später prägend, mitverantwortlich für den vierten Stern, den WM-Titel 2014.

*Datenschutz

Lahm, der den vielleicht langweiligsten und belanglosesten Twitter-Account im Weltfußball betreibt, wurde während der WM zum internen Wortführer und überraschte im laufenden Turnier mit einer Kampfansage an Ballack. Der "tz" sagte er: "Es ist doch klar, dass ich die Kapitänsbinde gerne behalten möchte."

In einem vor wenigen Wochen veröffentlichten Interview mit der "Zeit" erklärt er über seinen Aufstieg zum Chef der DFB-Elf: "Damals begann eine Kultur des Austauschs und Miteinanders, die es vorher so nicht gegeben hatte. Das jedenfalls wurde mir zurückgespiegelt." Ein ziemlich unverblümte Spitze gegen Ballack, der einen sehr gradlinigen Führungsstil gepflegt haben soll. "Ich hatte Spaß an dem Amt, und ich habe gemerkt, die Mannschaft folgt mir in dem, was ich tue, und ich bekam eine Frage gestellt (Ob er die Binde hergeben möchte, Anm. d. Red.). Da habe ich wahrheitsgemäß geantwortet: Nein, das will ich nicht."

Auf dem Weg zur "absoluten Legende"

Lahm gewann an Macht und Einfluss. Auch bei den Bayern. Sie ernannten ihn nur ein Jahr später zum Kapitän – nach dem Abgang des niederländischen "Aggressiv Leaders" Mark van Bommel. Der gebürtige Münchener führte das Amt weg vom allmächtigen Vertreter des Trainers zu einem kooperativen Miteinander. Jupp Heynckes wusste das zu schätzen und erst recht Josep Guardiola.

Als Lahm in diesem Februar seinen Rücktritt ankündigte, sagte der katalanische Star-Coach, der unter anderem die spanischen Weltklasse-Fußballer Xavi und Andres Iniesta sowie den mehrfachen Weltfußballer Lionel Messi trainiert hatte: "Philipp ist der intelligenteste Fußballer, den ich je trainieren durfte. Er ist eine absolute Legende." Nun ist es freilich so, dass der Erfinder des katalanischen Superlativs auch Spieler wie Dante oder Mehdi Benatia abfeierte wie große Helden. Doch bei Lahm wirkt das ausgelutschte super-super, toll-toll - ehrlicher als bei jedem anderen Spieler.

Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet von einer Anekdote, die die enge Verbindung zwischen dem Taktik-Fanatiker und seinem Spieler-Übersetzer besser zum Ausdruck bringt als jede noch so ausführliche Analyse. Guardiola und Lahm, das war die wohl intellektuellste Fußballliebe der Geschichte. Einmal, so heißt es in dem Bericht, malte der Trainer während eines Spiels auf einen Zettel, sieben von elf Akteuren sollten ihre Positionen wechseln. Lahm nahm das Papier, erklärte vor einem Eckball den Mitspielern den neuen Plan. Anschließend gewannen die Bayern das Spiel. "Er ist ein perfekter Kapitän. Ein Spieler, der alles versteht", erklärte Guardiola.

Faszination vom ersten Training an

Das begeisterte auch Hermann Gerland, Lahms Entdecker. "Schon das erste Training war faszinierend. So etwas hatte ich noch nie gesehen - wie einer so fehlerlos Fußball spielen kann, mit einer Selbstverständlichkeit, die Bälle verarbeitet und nie seine Mitspieler in Verlegenheit bringt. Philipp hatte ein unglaubliches Niveau im Training - und zwar in jedem Training bis jetzt. Er ist nie in Schwierigkeiten gekommen."

Was so nicht stimmt. Denn vor ein paar Wochen ist er tatsächlich einmal in Schwierigkeiten gekommen, ausgerechnet im Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund. Lahm vertändelte im Mittelfeld den Ball gegen Raphael Guerreiro und leitete damit den Dortmunder Siegtreffer von Ousmane Dembélé ein. Das nächste mögliche Double zum Karriereende futsch. Anschließend stellte er sich wie gewohnt den kritischen Fragen und gestand: "Ich machte den entscheidenden Fehler zum 2:3." Den Fehler zur Niederlage.

An seiner Einzigartigkeit ändert das freilich nichts. "Meine Frau", erzählte Gerland in einem Interview mit dem Sportinformationsdienst, "hat mich mal gefragt, ob ich mich bei Philipp Lahm nicht vertue. Da habe ich ihr gesagt: Hör auf, wenn das kein Super-Spieler wird, dann gebe ich meine Lizenz zurück und werde Volleyball- oder Wasserballtrainer."

"So einer ist nicht planbar"

Gerland ist immer noch Fußballtrainer, noch immer in München. Im Sommer übernimmt er dort das Nachwuchsleistungszentrum. Er soll bei den Bayern neue Talente an den Profikader heranführen. Ob ein neuer Philipp Lahm dabei ist? Eher nicht. "So einer ist nicht planbar. Ich habe seit den 1970er Jahren, seitdem ich die Bundesliga hautnah erlebe, noch nie so einen Spieler gesehen. Was mir deshalb überhaupt nicht in den Kopf will: Dass Philipp von den Journalisten noch nie zum Fußballer des Jahres gewählt worden ist. Er spielt zwar nicht spektakulär und er schießt auch keine Tore, aber er spielt seit 2001 immer auf einem unglaublichen Niveau. Das ist für mich unbegreiflich."

Heute, nach seinem 652. Pflichtspiel auf Vereinsebene ist Schluss, hinzu kommen 113 Einsätze im DFB-Trikot. Ein Servus mit der achten deutschen Meisterschaft. Ein Servus mit den wichtigsten Titeln, die ein Fußballer erreichen kann. Diese nun endende Geschichte, so sagt Ansgar Brinkmann, "ist tragisch für Arminia Bielefeld, aber sie ist großartig für Philipp Lahm".

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema