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Heinevetter kontert EM-Meuterei Fragile "Bad Boys" krampfen ohne Rezept

Im ersten EM-Hauptrundenspiel zeigt die deutsche Handball-Nationalmannschaft eine defensiv starke Leistung, offenbart jedoch erschreckende Defizite im Angriffsspiel. Von einer Meuterei gegen den Bundestrainer will Silvio Heinevetter allerdings nichts wissen.

Ein Befreiungsschlag war das nicht, was die deutschen Handballer gegen die Tschechen zeigten. Zu fehlerhaft blieb das Angriffsspiel der deutschen Handballer. Beim 22:19 mühten sich die Spieler vom Christian Prokop zum Sieg im ersten Hauptrundenspiel bei der Europameisterschaft in Kroatien. Die Chancen aufs Halbfinale sind bei 4:2-Punkten weiterhin intakt, aber es bedarf einer deutlichen Leistungssteigerung, wenn es am Sonntag (18.15 Uhr/ARD und im Liveticker bei n-tv.de) eine reelle Chance gegen Olympiasieger Dänemark geben soll.

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Der Matchwinner der Deutschen: Steffen Fäth.

(Foto: imago/Camera 4)

"Trotz alledem müssen wir uns im Angriff enorm steigern", sagte Patrick Groetzki. Der Rechtsaußen von den Rhein-Neckar Löwen stand im Bauch der Arena in Varazdin und wirkte erleichtert über den Sieg gegen den Außenseiter. Groetzki ahnte aber gleichzeitig, dass das gebotene nicht ausreichen wird, um den zum Ziel gesetzten Halbfinaleinzug zu realisieren. Zu lange blieb bei Ballbesitz zu vieles Stückwerk und die Verunsicherung der Akteure auf dem Spielfeld war bis in die oberste Sitzreihe mit Händen zu greifen. Auf dem Feld stand eine Mannschaft, die unbedingt die negativen Gedanken vertreiben wollte, allerdings äußerst fragil wirkte. Klare Chancen wurden vergeben, weil das Selbstbewusstsein in den bisherigen Partien der EM abhandengekommen war. Im Ballbesitz agierten die Deutschen verzagt und deshalb drohte gegen einen kampfstarken, aber biederen Gegner sogar lange eine Niederlage.

Letztlich war es ein zu diesem Zeitpunkt überraschender personeller Wechsel von Christian Prokop, der den Erfolg sicherte. Der Bundestrainer schickte Andreas Wolff ins Tor, der hielt prompt einen Siebenmeter und ließ fast zwölf Minuten keinen Gegentreffer zu. Es brauchte offensichtlich diesen Impuls, um einer labilen Mannschaft Rückhalt zu geben. Erst in der Schlussphase wurde der Arbeitssieg gesichert.

"Mir geht das auf den Zeiger"

Die Tschechen haben bei dieser Europameisterschaft bislang positiv überrascht. Der Underdog hatte völlig unerwartet gegen Olympiasieger Dänemark gewonnen und anschließend auch Ungarn geschlagen. Dennoch ist dieses Team weit davon entfernt, zur europäischen Spitze zu gehören. Sein bester Spieler, Mittelmann Ondrej Zdrahala, spielt in der Schweizer Liga beim TSV St. Otmar St. Gallen. In der Bundesliga hatte sich der bewegliche Spielmacher zuvor nicht durchgesetzt. Die gut zupackende deutsche Abwehr hatte den Angriff des Gegners unter Kontrolle und konnte sich zudem auf Silvio Heinevetter verlassen. Der Berliner wehrte 41 Prozent aller Bälle ab, die auf sein Tor zuflogen, ehe er für Wolff Platz machte.

Das war stark und stark waren auch die Worte des Torhüters nach der Begegnung. "Mir geht das tierisch auf den Zeiger. Von wegen, wir entscheiden alles alleine und lassen den Trainer außen vor. So ein Schwachsinn", sagte Heinevetter dem Sportinformationsdienst. Der Keeper ärgerte sich über die Berichterstattung der zurückliegenden Tage, in denen von atmosphärischen Störungen zwischen dem Bundestrainer und seinen Spielern die Rede war. Der erfahrene Schlussmann legte nach: "So einen Mist will ich nicht mehr hören. Lasst uns mal wieder als Einheit zusammenstehen."

Kommt die benötigte Reaktion?

Ganz offensichtlich wurde nach der Partie der Wunsch, den Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft, dem Trainerteam und den Offiziellen zu dokumentieren. "Wenn du von außen angegriffen wirst, kannst du es auch ein Stück für dich nutzen", sagte Bob Hanning. Der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes baut darauf, dass die Kritik von Teilen der Öffentlichkeit zu einer Trotzreaktion der Mannschaft führt. Vielleicht braucht es einen solchen Anreiz, um einen Leistungssprung machen zu können, der nötig sein wird, um die kommenden Gegner zu schlagen.

Schließlich war der Angriff gegen die Tschechen weiterhin zu zaghaft, um größere Ambitionen zu untermauern. Allein Steffen Fäth, am Ende mit acht Treffern mit Abstand der beste Schütze der Deutschen, suchte mit Überzeugung den Weg zum Tor. Die anderen Rückraumspieler reichten die Verantwortung mehrheitlich weiter. Im Angriff spielte Deutschland nicht wie ein Medaillenkandidat und es fehlt die Zeit, um grundlegend an den Verbesserungen zu arbeiten.

Am Sonntag gegen Dänemark und drei Tage später gegen Spanien werden Kampf und Leidenschaft sicher nicht reichen. Denn um sicher im Halbfinale zu stehen, brauchen die Deutschen definitiv zwei Siege.

Quelle: ntv.de