Fußball-WM 2019

DFB-Elf in der WM-Einzelkritik Chancenwucher und ein Hauch von Titelreife

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Das war gut: Klara Bühl, Giulia Gwinn und Alexandra Popp jubeln nach dem Sieg gegen Südafrika.

(Foto: dpa)

Auf zwei enge Siege folgt endlich ein souveränes Spiel mit vielen Toren und noch mehr Chancen. Die deutschen Fußballerinnen besiegen Südafrika bei der WM auch fürs Selbstvertrauen. Vor dem Achtelfinale probt die Offensive um Sara Däbritz schon einmal den Ernstfall.

Das Achtelfinale bereits sicher, den leichtesten Gegner vor der Brust: Die DFB-Elf konnte im dritten Gruppenspiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich befreit aufspielen. Und das tat sie auch. Schon ein Remis hätte dem Team von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg für den ersehnten Gruppensieg gereicht. Der ist mit einem 4:0 gegen Südafrika nun deutlich souveräner gelungen. In jedem Fall heißt der Gegner im Achtelfinale nun nicht USA - und die Reise ist von Montpellier nach Grenoble eine erstaunlich kurze bei diesem Turnier. Gegen den vermeintlich leichtesten Gegner in der Gruppe zeigte das Team auch ohne die verletzte Spielmacherin Dzsenifer Marozsán Spielfreude und Kombinationslust.

"Wir haben phasenweise wirklich schöne Ballstaffetten gehabt", sagte Voss-Tecklenburg nach der Partie. "Da sieht man manchmal wie einfach Fußball sein kann." Aber es sei auch völlig klar: "Eine Trainerin ist nie zufrieden. Wir haben immer noch Momente und Phasen im Spiel, in denen wir es zu kompliziert oder zu schnell lösen wollen." Was das im Einzelnen bedeutet, das gibt es hier in der Einzelkritik:

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Applaus, Applaus: Almuth Schult, hier mit Sara Däbritz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Almuth Schult: Was für eine Parade in der 74. Minute. Weil ihre Vorderleute die schnelle Angreiferin Thembi Kgatlana laufen lassen mussten, stürmte diese allein auf die 28-Jährige zu. Doch Schult bewies einmal mehr ihre Klasse, machte sich groß und breit und parierte so den Schuss. Zuvor hatte die Torhüterin des VfL Wolfsburg in ihrem 62. Länderspiel lange gar nichts zu tun. Sie bekam mal einen Rückpass und streckte sich mal nach einem Schussversuch der Südafrikanerinnen, der aber deutlich am Tor vorbei ging. In der 26. Minute konnte sie sich erstmals auszeichnen, als sie einen völlig verunglückten Rückpass von Marina Hegering rettete und aus der Gefahrenzone schoss. Danach war wieder Langeweile in ihrem Strafraum angesagt. Bis eben zur 74. Minute. Dafür dass sie in der Schlussphase ihre Konzentration hochhielt, müssen ihr ihre Kameradinnen durchaus dankbar sein. Sie hält so sicher, dass sie schon daran erinnert wurde, dass ihre Vorgängerin Nadine Angerer mal ein ganzes Turnier ohne Gegentreffer absolvierte. "Das wird nicht möglich sein", antwortete sie lapidar.

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Flexibel: Giulia Gwinn.

(Foto: dpa)

Giulia Gwinn: Als 19-Jährige stand sie bei diesem Turnier im dritten Spiel zum dritten Mal in der Startelf, allein das war der erste persönliche Sieg für die Frau vom SC Freiburg. Wie flexibel sie einsetzbar ist, zeigte sich, da sie diesmal als Rechtsverteidigerin startete, nachdem sie zuvor schon offensiv und links bei diesem Turnier gespielt hatte. Doch trotz dieser Position spielte sie offensiv mit und flankte in der 40. Minute sehenswert von links in die Mitte. Alexandra Popp dankte es ihr mit ihrem ersten Tor bei diesem Turnier. In der Schlussphase, als unter anderem die Hitze und der deutliche Spielstand die Deutschen weitestgehend erledigt hatten, wehrte sie in der 80. Minute noch eine Chance per Grätsche ab. Ihr 5:0 nur drei Minuten später wurde wegen Abseits zurückgepfiffen.

Sara Doorsoun: "Momentan ist es, dass ich meine Aufgabe defensiv sehr gut erfülle, dass ich meine Zweikämpfe hinten gewinne, dass ich aber auch weiß, dass der Spielaufbau noch besser sein kann", sagte die 24-Jährige vom VfL Wolfsburg nach ihrem 28. Länderspiel. "Ich gehe auf den Platz und denke, geil, es ist so toll, man kommt aus dem Tunnel raus, sieht die Zuschauer und ich versuche immer mir vor Augen zu halten, dass das nicht selbstverständlich ist und dass es was ganz, ganz tolles ist, was man viel mehr genießen sollte." Diese Einstellung war Doorsoun anzusehen, sie hat Routine hinzugewonnen, traute sich gegen Südafrika auch mal nach vorn. Allerdings unterliefen ihr auch diesmal Fehler, so vertändelte sie etwa in der 39. Minute böse den Ball direkt zu den Gegnerinnen. Diese aber konnten nichts draus machen. Und so stellte Doorsoun fest: "Ich sage selten dass ich zufrieden bin und wenn ich nichts hätte, woran ich arbeiten müsste, wäre es ja langweilig."

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Das sieht doch stark nach Handspiel aus: Marina Hegering.

(Foto: imago images / PA Images)

Marina Hegering: Die 29-Jährige von der SGS Essen bildet seit Turnierstart in Frankreich die Innenverteidigung mit Sara Doorsoun - das stellt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nicht infrage. Doch auch ihr sechstes Länderspiel war nicht komplett sicher. In der 26. Minute verschätzte sich Hegering total und konnte einen unerwartet gefährlich geratenen Ball nur noch halbhoch zu Schult zurückspielen, die aber glänzend reagierte. Zweimal aber rettete die Essenerin, die aufgrund einer Fersenverletzung fast sechs Jahre keinen Fußball spielen konnte. In der 23. Minute stand sie goldrichtig, als die Südafrikanerinnen aufs Tor zukamen und so konnte sie den entscheidenden letzten Pass locker abfing und sogar noch Zeit hatte, ihn überlegt aus der Gefahrenzone zu spielen. Und in der 44. Minute warf sie sich nach einem Konter in den Schuss. Bemerkenswert auch ihr wuchtiger Flugkopfball, den Torfrau Andile Dlamini zwar abwehrte, aber Lina Magull in der 58. Minute zum 4:0 verwertete.

Verena Schweers: Die 30-Jährige vom FC Bayern bekam als Linksverteidigerin relativ wenig zu tun, da die Südafrikanerinnen nur kleckerweise Gelegenheiten in der Offensive bekamen. Auffällig war sie in ihrem 46. Länderspiel aber dennoch. Denn Schweers Eckball in der 14. Minute führte zum 1:0 durch Melanie Leupolz. Und auch am 2:0 hatte sie ihren Anteil - wenn auch eigentlich total verunglückt. In der 29. Minute vergab sie von rechts eine Flanke, die die Torfrau aber dennoch abwehrte - allerdings äußerst unzureichend ins Feld zurück. Da war Sara Däbritz als Schnellste am Ball und konnte einnetzen. Zwei Vorlagen sind keine schlechte Ausbeute für eine Halbzeit, danach war Schluss. Für sie spielte nach der Pause Carolin Simon. Beim 1:0 zum Auftakt gegen China stand sie in der Startelf und wurde nach 45 Minuten ausgewechselt. Diesmal war es für die 26-Jährige von Champions-League-Sieger Olympique Lyon halt andersherum. Sie erledigte ihren Job defensiv auf links unaufgeregt. Für Aufregung sorgte sie mit ihrem Freistoß in der 58. Minute, der letztlich zum 4:0 führte. Das könnte noch ein heißer Konkurrenzkampf mit Schweers werden.

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"Es geht immer besser": Melanie Leupolz.

(Foto: imago images / PA Images)

Melanie Leupolz: Die 25 Jahre alte Mittelfeldspielerin vom FC Bayern war es, die den Torreigen der Deutschen eröffnete. In der 14. Minute köpfte sie einen Eckball von Schweers links ins Tor - und musste sich dafür nicht einmal wirklich strecken. "Ich habe mich riesig gefreut, auch dass es das erste war", sagte sie nach ihrem 61. Länderspiel. "Ich war auf einmal ganz blank, ich war selbst verwundert, aber es tut natürlich sehr gut." Im Mittelfeld agierte sie als Ballverteilerin und half auch in der Defensive aus. So blockte sie etwa in der 77. Minute kurz vorm Strafraum einen Angriff als Doorsoun - ihrerseits bereits "Speedy Gonzales" genannt - im Laufduell nicht hinterher kam. Ihr eigenes Fazit des Spiels: "Ich hatte nicht die ganz großen Momente, und es geht immer besser, aber ich denke für den Moment ist es okay." Da kann sie ihre Meinung durchaus noch ein bisschen zum Positiven ändern.

Lina Magull: "Ich war natürlich happy, ich möchte immer von Anfang an spielen, weil man da besser ins Spiel kommt", sagte die 24-Jährige nach ihrem ersten Startelfeinsatz. Und das unterstrich sie mit Leistung, denn ihr 34. Länderspiel war ein auffälliges und gutes. Highlight war selbstverständlich ihr Tor zum 4:0 in der 58. Minute. Nach einem Freistoß von Carolin Simon gelang Hegering zunächst ein wuchtiger Flugkopfball, den Südafrikas Torfrau Dlamini zwar parieren konnte, aber abprallen lassen musste. Das nutzte Magull und traf im Nachsetzen zum achten Mal im DFB-Dress. Schon zuvor agierte sie auffällig im offensiven Mittelfeld, bot sich viel an und kam so in der 34. Minute auch zu einem Torschuss mit rechts, den sie jedoch über das Tor setzte. Zum Spiel der Frau vom FC Bayern gehörte aber auch ein vertändelter Ball, der in der 16. Minute zum ersten Angriff der Südafrikanerinnen führte. In der 54. wurde sie zudem mit Gelb bestraft, nachdem sie sich über einige Fouls aufgeregt hatte, etwas, das bei den Frauen eher selten vorkommt.

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Unauffällig: Svenja Huth.

(Foto: dpa)

Svenja Huth: Die 28-Jährige war in ihrem 47. Spiel für die DFB-Elf eher unauffällig. Zwar zog sie oft von rechts zum Tor, aber etwas Verwertbares ergab das nicht. Das hätte es aber in der 33. Minute geben müssen: Klara Bühl hatte sich im Mittelfeld durchgesetzt und passte nach sehenswertem Lauf nach vorne - doch die Frau, die von Potsdam nach Wolfsburg wechselt, vergab. Wurde ausgewechselt, nachdem sie zuvor stets durchgespielt hatte - das ist wohl unter "Belastungssteuerung" zu verbuchen. Nach einer knappen Stunde kam Linda Dallmann für sie in die Partie. Die 24-Jährige, die von der SGS Essen zum FC Bayern wechselt, kam zu ihrem ersten WM-Einsatz. Mit 1,58 Meter ist sie die kleinste im Team, erspielte sich aber dennoch Aufmerksamkeit. Vor dem Turnier hatte sie gesagt: "Ich hoffe, dass ich mit meiner frechen Spielweise zum Erfolg beitragen kann." Konnte sie, beim Stand von 4:0 probierte sie in der Offensive einiges aus und zeigte Lust auf weitere Einsätze, auch wenn mit ihr auf dem Platz kein Tor mehr fiel.

Sara Däbritz: Ob sie wohl einen Extra-Koffer mit nach Frankreich genommen hat? Die 24-Jährige wurde zum zweiten Mal in Folge zur Spielerin des Spiels gekürt - und dafür gibt es jeweils einen Pokal. Da kommt einiges Zusatzgepäck auf Däbritz zu. Vor dem zweiten Pokal gab es für die Frau, die vom FC Bayern zu Paris Saint-Germain wechselt, das zweite WM-Tor. Apropos zwei: Es war das zweite Mal ein Abstauber. In der 29. Minute war sie als Erste zur Stelle, als Torfrau Dlamini die verunglückte Flanke von Schweers noch verunglückter in die Mitte abprallen ließ. "Ich habe einfach versucht durchzulaufen, falls die Torhüterin den Ball nicht sicher hat, so stand ich dann da und musste den Ball einfach nur einschieben."

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Wer trifft, hat Recht: Alexandra Popp.

(Foto: imago images / HMB-Media)

Alexandra Popp: In der 40. Minute erlöste sich die 28-jährige Kapitänin endlich selbst. Nach einer guten Flanke von Gwinn vors Tor köpfte sie sich selbst ins Glück - und die DFB-Elf zum 3:0. Ihr darauffolgender Jubellauf über das halbe Feld zur deutschen Bank zeigte wie erleichtert die Spielerin des VfL Wolfsburg selbst war. Dort fiel sie ihren Mitspielerinnen in die Arme. "Mir war ganz, ganz wichtig, dass man auch mal zeigt, dass die Bank ein wichtiger Teil für uns ist." Nach zwei mauen Spielen bei der WM, hatte auch das dritte, ihr 99. Länderspiel, nicht gerade glorreich begonnen. Pässe kamen nicht an, in der 17. Minute vergab sie dann auch noch einen Nachschuss aus kürzester Distanz, den sie über das Tor köpfte - die Szene wirkte sinnbildlich für ihr bisheriges Turnier. Nach ihrem Tor wirkte sie befreit und spielte souveräner auf. "Ich hoffe, dass wir gemerkt haben, wie viel Spaß es macht, den Ball laufen zu lassen." Und am Ende heißt es sowieso: Wer trifft, hat Recht.

Klara Bühl: "Natürlich war es ein super Moment, ich habe es auf jeden Fall genossen", sagte die 18-Jährige nach dem Spiel über ihren ersten Startelfeinsatz. "Wir haben als Team mehr zusammengespielt, einfach viele Pässe gespielt, den Gegner laufen gelassen und dann über außen mit einer Flanke zum Torabschluss gekommen", fasste die Freiburgerin ihr fünftes Länderspiel zusammen. Da kann ruhig etwas mehr Freude in ihre Aussagen, denn in der 33. Minute lief sie sich toll frei und passte sehenswert auf Huth, die allerdings in der Mitte vergab. Eine Szene, die Lust macht auf mehr von Bühl bei dieser WM. Nach 66 Minuten war Feierabend, sie ging raus und Lea Schüller kam. Die Essenerin kam beim Stand von 4:0 als die Bundestrainerin Zeit und Lust hatte, etwas auszuprobieren. Die 21-Jährige enttäuschte sie in ihrem 15. Länderspiel nicht, auch wenn sie wie ihre Offensivkolleginnen noch an der Chancenverwertung arbeiten muss. "Ich hatte das Gefühl, dass die Abwehrspielerin noch dran war und dann habe ich den Ball mit der Spitze getroffen. Schade", erklärte sie ihre vergebene Aktion zum 5:0.

Quelle: n-tv.de

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