Fußball-WM 2019

Erst langzeitverletzt, jetzt DFB Hegering lebt ihr unglaubliches WM-Märchen

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Hat allen Grund zu strahlen: Marina Hegering.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Dass sie überhaupt im DFB-Team steht, ist für Marina Hegering eine unglaubliche Geschichte. Die Innenverteidigerin ist jahrelang schwer verletzt, will ihre Karriere schon fast beenden. Und jetzt ist sie bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich plötzlich Stammspielerin.

Dank unbezahltem Urlaub zur Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich. Klar, kann man machen - wenn man ein großer Fan seines Teams ist. Doch das ist nicht die Geschichte irgendeines Zuschauers, sondern die von Marina Hegering. 29 Jahre alt, Innenverteidigerin des DFB-Teams. Sie ist nicht als Zuschauerin in Frankreich, sondern als Fußballerin, die ihre Nation vertritt. In der Bundesliga spielt sie bei der SGS Essen - und arbeitet beim Bauunternehmen Brüninghoff in ihrer Heimat Bocholt als kaufmännische Angestellte. Ganz normal, sagt sie, jede im Klub spiele nicht nur Fußball, sondern studiere oder arbeite. "Nur Fußball, nur Profi wäre absolut nicht mein Ding. Ich brauche definitiv einen anderen Ruhepol in meinem Leben, der mich vom Fußball ablenkt", erklärt sie im Videointerview bei Spiegel Online.

Nationalspielerin und ganz normale Angestellte, Hegering verbindet zwei Welten miteinander. Dabei hatte sie die eine längst abgeschrieben. Aber nicht etwa die berufliche, weil sie bei einem Topklub einen guten Vertrag unterzeichnet hatte und es sich leisten konnte, Vollprofi zu werden. Sondern sie hatte die sportliche Welt abgehakt, sie musste es.

Mit Popp und Marozsán bereits Weltmeisterin

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Seit der U15 spielte sie in allen deutschen Auswahlteams, ihr Weg in die DFB-Elf schien vorgezeichnet. Spätestens seit sie im Jahr 2010 mit der U20 Weltmeisterin im eigenen Land werden konnte. Sie war damals die Kapitänin, die unter anderem ihre heutigen Kolleginnen Alexandra Popp und Dzsenifer Marozsán auf den Platz führte. Im gleichen Jahr gewann sie mit dem FCR 2001 Duisburg erst den DFB-Pokal und dann sogar den Europapokal.

Doch kurz darauf wurde ihre Karriere jäh unterbrochen, beinahe sogar zerstört. Sie erlitt eine Fersenverletzung. "Eigentlich war das keine Riesensache, allerdings gab es nach der ersten Operation eine Wundheilungsstörung", sagt sie bei zdf.de. "Und das hat sich leider sehr lange gezogen. Es gab mehrere Operationen, und es hat sehr, sehr lange gedauert, bis wirklich alles in Ordnung war: sechs Jahre in allem."

Sechs Jahre sind im Fußball locker eine halbe Karriere - eine kleine Ewigkeit also. Eine Ewigkeit, in der sich Hegering andere Beschäftigungen suchen musste. Sie verwirklichte einen anderen Wunsch und brachte sich selbst mithilfe von Youtube das Gitarre spielen bei. "Gitarre war immer was, was ich cool fand. Ein Musikinstrument, das man gut mitnehmen kann", erklärt sie. Weil keine Therapie half, setzte sie sogar irgendwann mit der Reha aus. Doch an Ablenkung war zunächst nicht zu denken. Zwar studierte sie, aber eben Sport - keine gute Sache für eine Langzeitverletzte. Und so orientierte sie sich um und begann eine kaufmännische Ausbildung bei Bayer. Schließlich stand sie seit der Saison 2011/12 bei Bayer Leverkusen unter Vertrag, wo sie ohnehin nicht zum Einsatz kommen konnte. "Ich habe irgendwann meinen Lebensmittelpunkt auf das Berufliche ausgerichtet", sagt sie zdf.de.

"Nationalmannschaft abgehakt"

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2010 durfte sie als DFB-Kapitänin den WM-Pokal in die Höhe stemmen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Doch so ganz konnte sie den Fußball nicht loslassen. 2013 spielte sie zwischendurch sogar wieder in der Bundesliga. "Ein Ausrutscher", kommentiert sie die Partien. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich habe nicht zwischendurch ans Aufhören gedacht", sagt sie Spiegel Online. Und doch war der Traum in ihrem Kopf. "Für mich gab es nur noch das Ziel, irgendwann nochmal Leistungssport machen zu können im Bereich Fußball und nochmal in der Bundesliga zu spielen."

Einfach Bundesliga, mehr wagte sie nicht zu träumen. "Für mich war das Thema Nationalmannschaft abgehakt. Da denkt man irgendwann nicht mehr dran." Und doch reist sie nun mit dem DFB-Team von Spiel zu Spiel quer durch Frankreich. Bei der Weltmeisterschaft, als Spielerin. "Ja Wahnsinn. Am Anfang habe ich es nicht glauben können, nicht realisieren können", sagt sie Spiegel Online. "Es war eine Riesenfreude, mit Tränen und allem."

Und sie ist nicht nur beim DFB-Team dabei, sie ist sogar als Stamm-Innenverteidigerin gesetzt. Bei beiden 1:0-Siegen gegen China und Spanien stand sie 90 Minuten auf dem Feld. Während sie gegen China noch sehr nervös wirkte, machte sie gegen Spanien eine bis auf wenige Ausnahmen ordentliche Partie. Sie selbst sagt: "Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch, bin noch nicht zu 100 Prozent zufrieden." Dabei war das Duell mit den Südeuropäerinnen erst ihr fünftes Länderspiel.

"Lebensgeschichte ist etwas Besonderes"

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Sie überzeugt mit ihrer Präsenz und Durchsetzungskraft.

(Foto: dpa)

Obwohl sie ab 2017 wieder Fußball spielen konnte, sogar ihren Traum von der Bundesliga verwirklichte, verschwendete sie an den DFB keinen Gedanken. Sie war froh, dass sie mit ihrem Wechsel zu ihrem jetzigen Klub SGS Essen die Chance bekam, sich wieder in die Liga zurückzukämpfen. Und das tat sie, aufgrund ihrer Athletik verpassten ihr ihre Mitspielerinnen sogar den Spitznamen "Maschina". Bundestrainerin Steffi Jones aber hatte für die Kraftmaschine bei der Europameisterschaft 2017 keine Verwendung und dabei blieb es auch unter Nachfolger Horst Hrubesch. Erst am 6. April 2019 debütierte Hegering in der A-Elf des DFB. Die seit Januar amtierende Martina Voss-Tecklenburg hatte sie für die Partie in Schweden nominiert. "Ihre Lebensgeschichte ist etwas Besonderes. Ich glaube, dass sie mit ihrer Erfahrung ganz wichtig fürs Team werden kann. Sie kommt in einem Raum und ist sofort präsent", so die Bundestrainerin.

Auffällig ist sie auch auf dem Platz. So sehr, dass die Fans sie sogar in den Testspielen gegen Japan und Chile - wohlgemerkt Hegerings Länderspielen Nummer zwei und drei - zur Spielerin des Spiels wählten. Aber wie ist es nun, den nicht mehr geglaubten Traum Nationalelf zu verwirklichen? Hegering sieht das ganz abgeklärt: "Traum, ja kann man so bezeichnen. Aber ich würde es eher so beschreiben, dass es für mich etwas ganz Besonderes ist. Emotional habe ich da vielleicht eine andere Wahrnehmung als eine junge Spielerin." Und begründet ihre Professionalität: "Der Fokus liegt auf dem Fußball, da denke ich nicht an irgendwelche Träume." Vielleicht ist es manchmal so einfach: Nicht träumen, sondern einfach leben.

Quelle: n-tv.de

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