Fußball-WM 2019

Deutsche Elf in der Einzelkritik Die DFB-Weißwesten mischen die WM auf

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Alexandra Popp köpfte in der 20. Minute zur deutschen Führung ein.

(Foto: REUTERS)

Die WM-Weste der deutschen Fußballerinnen bleibt blitzsauber, ohne Gegentor marschiert die DFB-Elf in Frankreich ins Viertelfinale. Gegen Achtelfinal-Außenseiter Nigeria überzeugt das Team mit effizientem Kampf. Unbezwingbar: die schulende Almuth Schult. Überragend: die jubilierende Kapitänin.

Die Bilanz ist überzeugend. Nach vier Spielen bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich heißt es für das deutsche Team: Vier zu null nach Siegen, neun zu null nach Toren, als erstes Team im Viertelfinale. Die Fußballerinnen von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg arbeiten sich immer mehr ins Turnier hinein und stehen nun dank eines souverän herausgekämpften 3:0 (2:0)-Erfolgs gegen Nigeria unter den besten Acht. Dort trifft die DFB-Elf am kommenden Samstag in Rennes entweder auf die Schwedinnen oder die Kanadierinnen in einem Viertelfinalkracher, der dann Fußball-Feinkost verspricht.

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Im Spiel gegen Nigeria war von den Deutschen vor allem Kampfkraft gefragt, denn die technisch limitierten Afrikanerinnen überzeugten insbesondere mit Schnelligkeit und Zweikampfstärke. Mit Abschlussstärke überzeugten sie freilich nicht, so stand am Ende der achte deutsche Sieg im achten Duell mit den Nigerianerinnen zu Buche - zum achten Mal ohne Gegentreffer.

Ebenfalls höchst erfreulich aus deutscher Sicht: Der deutliche Erfolg gelang den DFB-Weißwesten auch ohne die - immerhin wieder auf der Ersatzbank sitzende - Spielmacherin Dzensifer Marozsán, deren beim WM-Auftakt gebrochener Zeh nun bis zum Viertelfinale weiter ausheilen kann. Dann soll Marozsán ihr Comeback feiern, kündigte Voss-Tecklenburg an. Gegen Nigeria gab es für die Bundestrainerin keinen Grund sie einzuwechseln. Warum? Das lesen Sie in der Einzelkritik:

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Es bleibt dabei: "Trainerin" Almuth Schult ist bei dieser WM einfach nicht zu bezwingen.

(Foto: dpa)

Almuth Schult: Viel zu tun hatte die 28-Jährige vom VfL Wolfsburg im deutschen Tor nicht, ihr Spielfazit nach dem vierten zu Null in ihrem vierten blitzsauberen WM-Spiel fiel humorig aus. "Ich muss ja heute meinen Vorderleuten danken. Marina Hegering hat mehr Schüsse gehalten als ich. Sie hat sich in drei richtig gute Dinger reingeworfen, dass die nicht ins Tor kamen", erklärte Schult nach ihrem 64. Länderspiel bestens gelaunt. Weil das so war, konnte sich die "Trainerin" Schult im Spiel darauf konzentrieren, ihre Vorderleute zu instruieren. Das tat sie erstmals vor einem nigerianischen Freistoß nach sechs Minuten, das tat sie auch in der 73. Minute bei einer Verletzungsunterbrechung. Da lief Schult extra vor bis zur Mittellinie zu Teamkollegin Hegering, nahm ihre Innenverteidigerin in den Arm und sprach ausführlich mit ihr. Worüber? "Es geht um kleine Details, damit wir in der Defensive perfekt stehen. Ansonsten habe ich ihr gesagt, dass sie durchhalten soll. Es war eine ziemliche Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit auf dem Platz, das war ziemlich anstrengend für die Mädels." Es zeichnet sie aus: Auch wenn es für sie im Spiel nichts zu halten gibt, agiert sie konzentriert und ruhig - und hält ihre Abwehr zusammen.

Verena Schweers: Ihr 47. Länderspiel war nicht das glücklichste der 30-Jährigen vom FC Bayern. Sie trat die Eckbälle von rechts, doch leider trat sie die allesamt zu lang über ihre Mitspielerinnen hinweg ins Nirgendwo von Grenoble. Schweers probierte es trotzdem tapfer weiter, bis Ende der ersten Halbzeit schließlich Sara Däbritz diesen Job übernahm - und deutlich gefährlicher agierte. Weitaus erfolgreicher war Schweers Einsatz wenige Sekunden nach Anpfiff, als sie zur Stelle war und den ersten Ball in den deutschen Strafraum zum Eckball abblocken konnte. Zur Halbzeit musste sie raus, für Schweers kam Carolin Simon. Die 26-Jährige vom Champions-League-Sieger Olympique Lyon spielte offensiv mit, arbeitete viel auf dem Flügel nach vorn und übernahm nach ihrer Einwechslung die Ecken von links. In ihrem 19. Länderspiel stand sie defensiv nicht ganz so stabil. Sie wurde von technisch limitierten Nigerianerinnen aber auch nicht so gefordert, dass sie überfordert gewesen wäre.

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Gefordert, aber nie überfordert: DFB-Innenverteidigerin Sara Doorsoun.

(Foto: imago images / HMB-Media)

Sara Doorsoun: Im Team wird die 24-Jährige aufgrund ihrer Schnelligkeit "Speedy Gonzalez" genannt. Gegen Nigeria war die Innenverteidigerin vom VfL Wolfsburg in ihrem 29. Länderspiel aber manches Mal zu langsam für die schnellen Gegnerinnen. Glück für Doorsoun und ihr Team: Nutzen konnte der Gegner das nicht. Ansonsten stand sie häufig richtig und konnte so die gegnerischen Angriffe bereits im Keim ersticken. In der Nachspielzeit wäre es allerdings fast noch einmal brenzlig geworden, als sie einen eklatanten Fehlpass spielte. Den konnte sie aber in Gemeinschaftsarbeit mit Hegering und Oberdorf wieder ausbügeln.

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Marina Hegering: Gab gegen Nigeria die zweite spielende Torfrau und kassierte dafür Lob von Tor-Original Schult, siehe oben. Und das völlig zu Recht: Die 29-Jährige von der SGS Essen wurde in ihrem siebten Länderspiel von den gegnerischen Stürmerinnen mächtig gefordert und musste in der deutschen Defensive richtig ackern. Das meisterte sie aber in Abstimmung mit ihrer Torfrau richtig gut. Hegering köpfte alles weg, was gefährlich hätte werden können - und "parierte" mehrere Schüsse in bester Schult-Manier.

Giulia Gwinn: "Das war der harte Gegner, den wir bei Nigeria auch gedacht haben, es war ein kämpferisches Spiel", bilanzierte die 19-Jährige nach ihrem zwölften Länderspiel: "Wir haben uns da als Team reingekämpft." Das gilt auch für die Freiburgerin selbst, die nicht fehlerfrei agierte - was in der 50. Minute beinahe zum ersten deutschen WM-Gegentor geführt hatte. Da verlor sie erst einen Zweikampf und dann das Laufduell gegen Nigerias Rasheedat Ajibade, die anschließend nur hauchdünn am deutschen Tor vorbeischoss. Auch nach vorn lief es holprig. Ihre Offensivbemühen verpufften häufig im Ansatz, weil zu viele Pässe gar nicht erst bei ihr ankamen. Dennoch gab Gwinn nie auf und spielte gut mit der eingewechselten Klara Bühl zusammen.

Sara Däbritz: Kein Zweifel, das 2:0 war ihres! In der 27. Minute erzielte die 24-Jährige bereits ihren dritten Turniertreffer. Däbritz traf per Elfmeter, der - eine Seltenheit bei diesem Turnier - ganz unspektakulär weil hochkonzentriert im Tor landete und auch nicht wiederholt werden musste. Nigerias Torfrau Chiamaka Nnadozie erahnte zwar die Ecke, aber der satte Schuss von Däbritz nach rechts unten war zu platziert, eben unhaltbar. Auch im restlichen Spielverlauf wusste Däbritz mit ihren Dribblings und Ecken zu überzeugen. Damit bleibt sie auf bestem Weg, sich schon vor ihrem Dienstantritt bei Paris Saint-Germain in Frankreich berühmt und beliebt zu machen.

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Lina Magull traf zwar nicht selbst, holte aber den Elfmeter vorm 2:0 heraus - und kassierte dabei eine "Beweiswunde".

(Foto: REUTERS)

Lina Magull: Ihr 35. Länderspiel war ein sehr kämpferisches - und erfolgreiches. Die 24-Jährige trat die Ecke von links zum 1:0 in der 20. Minute. Und sie hatte schon zuvor für Gefahr im Strafraum gesorgt, als sie nach einem verunglückten deutschen Freistoß dennoch an den Ball kam und fast die frühe deutsche Führung erzielt hatte. Nigerias Abwehrspielerin Osinachi Ohale konnte den Ball aber gerade noch vorm Tor blocken. In der 27. Minute musste die Münchnerin Magull heftig einstecken, als sie voll mit offener Sohle an Schienbein und Knie getroffen wurde und eine "Beweiswunde" davontrug - die nach VAR-Entscheidung immerhin zum fälligen Elfmeter und dank Teamkollegin Däbritz zum wichtigen 2:0 führte. Hat gute Chancen, mit dem Begriff "magullen" im Fußball-Wörterbuch verewigt zu werden, denn sie nutzte ein ums andere Mal eine geschickte Körperdrehung, um an den Nigerianerinnen vorbeizukommen. Kurzum: Eine sehr gelungene Leistung. Durfte trotzdem ab der 69. Minute verschnaufen, als Lena Oberdorf für sie ins Spiel kam. Die 17-Jährige ist das Küken des DFB-Teams - aber auf dem Platz ist davon nichts zu spüren. Die Essenerin zeigte auch in ihrem sechsten Länderspiel eine beeindruckende physische Präsenz.

Melanie Leupolz: Die Münchnerin spielte in ihrem 62. Länderspiel einen sehr defensiven Part. Ließ sich vom Mittelfeld aus immer wieder zurückfallen und klärte mehrfach gegnerische Angriffe, etwa in der 35. Minute. Da bolzte sie den Ball konsequent ins Seitenaus. Ihre Pässe hinter die nigerianische Abwehrreihe bolzte sie allerdings auch bisweilen, sie gerieten häufig zu ungenau und verpufften. Durfte sich ab der Halbzeit schonen für das Viertelfinale, für sie kam ab der 46. Minute Klara Bühl. Die 18-Jährige führte sich in ihrem fünften Länderspiel gleich dynamisch ein. In der 47. Minute gewann sie ein Laufduell im Konter und versuchte, zur mitgelaufenen Popp querzulegen. Der Pass kam zwar nicht an, führte aber immerhin zu einem Eckball. Zehn Minuten später sorgte sie für Raunen im Stadion, als sie einen cleveren Pass im Angriff kurz zu Gwinn weiterspielte. Deren Torabschluss ging dann jedoch über das Tor.

Svenja Huth: "Sie ist ein Wirbelwind, der niemals aufgibt", hatte die Bundestrainerin über sie gesagt - und sollte im Spiel gegen Nigeria bestätigt werden. Die Noch-Potsdamerin und Bald-Wolfsburgerin wirbelte und kämpfte in ihrem 48. Länderspiel unermüdlich auf der linken Seite. In der 42. Minute versuchte sich die 28-Jährige an einem Skorpion-Kick, einer Art Fallrückzieher vorwärts - der allerdings ins Aus ging. Davon ließ sie sich aber nicht entmutigen, sie blieb stets anspielbar und ein Fixpunkt im DFB-Spiel. Ihre Präsenz und ihre Läufe brachten ihr viele Pässe der Mitspielerinnen ein.

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Lea Schüller machte mit dem 3:0 sprichwörtlich den Deckel auf den Achtelfinal-Arbeitssieg.

(Foto: REUTERS)

Lea Schüller: Die 21-Jährige von der SGS Essen hatte zu Beginn des Spiels im Sturm kaum Chancen. Die Pässe kamen einfach nicht bei ihr an, bei Kopfballduellen war sie häufig unterlegen. Doch sie gab in ihrem 16. Länderspiel nie klein bei - und belohnte sich schließlich in der 82. Minute. Nach einem vertändelten Ball der Nigerianerinnen zog sie satt mit rechts ab und traf links ins Tor. Ein sehenswerter Treffer!

Alexandra Popp: Was für ein Spiel der 28-Jährigen! In der 20. Minute sorgte die Wolfsburgerin für das erste Tor des Abends. Nach einer Ecke von Magull musste sie nicht einmal besonders hochspringen, um zur DFB-Führung einzuköpfen. In ihrem 100. Länderspiel zog sie mit diesem Tor Nummer 48 im DFB-Trikot mit Ex-Bundestrainerin Silvia Neid gleich, Respekt. Aber das Jubiläumstor reichte ihr längst nicht: Sie kämpfte defensiv mit, half kurzzeitig sogar in der Innenverteidigung aus. "Wenn ich der Mannschaft so helfen kann", kommentierte Popp ihre Flexibilität entspannt und gab grinsend zu: "Abgesehen davon muss ich gestehen, dass ich auch nicht mehr konnte und ganz froh war, auf der Sechs zu stehen." Dass die Spielerin des Spiels in der 32. Minute nach VAR-Korrektur noch Gelb wegen Meckerns erhielt - geschenkt.

Quelle: n-tv.de

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