Fußball-WM 2019

DFB-Co-Trainer zu WM-Szenarien "Einen freien Tag will niemand mehr"

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Grolimund kümmert sich vor allem um das Athletiktraining des DFB-Teams.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das DFB-Team spielt am Samstag (18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich. Gegner ist die schwedische Auswahl. Die Elf von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat so viel Zeit zum Regenerieren wie nie zuvor. Assistenztrainer Patrik Grolimund spricht im Interview mit n-tv.de darüber, ob das Fluch oder Segen ist, warum die Spielerinnen auch mal private Kleidung tragen sollen und wie durchgeplant das Turnier ist.

Knapp drei Wochen ist das DFB-Team nun im Turnier dabei. Vor dem Viertelfinale gibt es eine besonders lange Pause, weil Sie zwar das erste Spiel im Achtelfinale spielten, nun aber das letzte im Viertelfinale bestreiten werden. Ergibt das für Sie Sinn?

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Patrik Grolimund arbeitet seit diesem Jahr für den DFB.

(Foto: imago images / foto2press)

Patrik Grolimund: Ja, da müsste man die Fifa fragen. Wir haben uns das gar nicht gefragt, wir wussten wie die Szenarien sind und ich glaube, wir sind sehr gut beraten, dass wir uns primär um Lösungen bemühen. Dieser Ablauf war so denkbar und da war es wichtig, dass wir uns frühzeitig Gedanken machen. Wir haben es uns so gewünscht, wir wollten Gruppenerster werden - aus verschiedenen Gründen, primär für unser Selbstverständnis. Und dementsprechend war uns klar, dass wir nach Rennes zurückkommen dürfen mit einem Achtelfinalsieg - etwas sehr Schönes. So haben wir das auch für uns mental positiv aufgeladen, eben zurückzukommen an den Ursprung der WM. Noch einmal Zeit zu haben, Energie zu tanken.

Inwieweit war das genau so geplant, wie es jetzt aufgegangen ist?

Die Planung stand für uns schon weit vor dem WM-Start fest, wie wir schwerpunktmäßig arbeiten würden im Szenario Gruppenerster. Da war bereits im Trainerteam besprochen, dass wir einen Tag frei machen. Es war auch klar, dass wir am Mittwoch wieder einsteigen würden in anspruchsvolles, intensives Training, damit wir eine Spielbelastung hinkriegen und alle wieder merken: Hey, da geht was. Es geht ja nicht nur um den Kopf, sondern auch um den Körper. Die Reisetage waren entsprechend geplant, wir hatten sehr gute Rahmenbedingungen durch unser Teammanagement, da hat alles gut geklappt. Also nochmal: Wir wussten um dieses Szenario, wir sind froh, dass wir drin sind in diesem Szenario und wir glauben, vieles jetzt so vorgeplant und umgesetzt zu haben, dass wir ready sind am Samstag im Viertelfinale.

Es war tatsächlich von Anfang an komplett durchgeplant, was wann und wo passieren würde?

Zur Person

Der Schweizer Patrik Grolimund ist seit Januar Assistenztrainer der DFB-Frauen unter Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Er ist vor allem für die Athletik zuständig. Schon zuvor arbeitete er als ihr Co-Trainer beim Schweizer Nationalteam. Grolimund wurde am 19. August 1980 in Basel geboren und spielte zunächst selbst erfolgreich Fußball, bevor er schon 1998 seine Trainerkarriere begann. Seit 2014 war er beim Schweizer Verband angestellt. Er arbeitet zudem als Hochschuldozent im Bereich Fußball und Trainerkompetenzen.  

Ja. Selbstverständlich lebt jede Planung von der flexiblen Anpassung. Ich glaube, das zeichnet unser Trainerteam aus, dass wir die Sachen sehr früh antizipieren. Dass wir für uns einen Plan erstellen, dass Martina (Voss-Tecklenburg, Bundestrainerin, Anm.d.Red.) in der finalen Entscheidung dann vorgibt, in welche Richtung es geht, wir das mittragen und wir uns täglich, manchmal mehrmals am Tag besprechen und reflektieren, ob das so passt oder ob wir eine Anpassung vornehmen müssen. Und natürlich kommt dazu, dass wir mit den Key-Playerinnen, mit den Kapitäninnen, oder auch sonst mit erfahrenen Spielerinnen kurz Rücksprache halten: Passt das so, habt ihr das Gefühl, das ist für euch stimmig? Vor allem im Bezug auf den freien Tag am Dienstag war das sehr wertvoll und alle hatten das Gefühl das passt, das war sehr schön und eine tolle Abwechslung. Alle waren heute wirklich wieder mit riesigem Engagement im Training.

Was wäre passiert, wenn am Dienstag jemand gesagt hätte: "Ich will aber trotzdem Sport machen." Hätten Sie und ihr Team ein Verbot ausgesprochen? Wie weit geht es mit der Trainingssteuerung?

Da sind wir in den vergangenen Wochen und Monaten gewachsen, es existiert ein gegenseitiges Vertrauen. Wir haben mittlerweile einen gewissen Sensor, was das Team braucht und wo wir nachfragen müssen. Für das ganze Team war klar: Es gab am Montag noch einmal eine richtig schöne Belastung, da waren wir im Fitnesscenter und haben Kraftreize gesetzt, waren am Vormittag auf dem Platz, haben also verhältnismäßig viel gemacht zwei Tage nach dem Spiel. Wir hatten den Spielerinnen angekündigt, dass wir das so wollen. Wir hatten eine sehr gute Qualität in diesen Trainings, aber wohl auch deshalb, weil die Spielerinnen wussten, dass sie am nächsten Tag frei haben werden. Dazu gibt es natürlich die individuellen Geschichten: Wir hatten im Turnier bislang zwei freie Tage, aber die waren nie frei für die Physios und auch für mich nicht. An dem einen Tag waren wir mit Dzsenifer Marozsán unterwegs und jetzt am Dienstag waren wir am Vormittag mit Almuth Schult im Fitnesscenter, weil sie sich am Montag zurecht rausgehalten hatte wegen einer leichten Erkältung. Da war die Absprache mit ihr, dass wir das am Dienstag nachholen.

Sie haben es angesprochen: Nicht nur der Kopf braucht eine Pause, sondern auch der Körper. Wie viel Pause braucht man tatsächlich und gibt es einen Punkt, an dem es zu viel wird während eines Turniers? Sind diese sieben Tage spielfrei zwischen Achtel- und Viertelfinale zu viel?

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Die Spielerinnen sollen ganz bewusst ab und an ihre private Kleidung tragen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die sieben Tage wären zu lang, wenn man die Zeit nicht sinnvoll nutzt. Es war wichtig, dass wir nun drei Tage vor dem Spiel diese Spielsimulation gemacht haben. Das Team hat heute Vormittag Elf gegen Elf gespielt. Das ist das Wichtige, das weiß man auch aus Studien, dass die Regelmäßigkeit dieser Spielbelastung gegeben sein muss. Wir hatten jetzt - das war natürlich Teil unseres Plans - alle drei bis vier Tage ein Spiel oder zumindest so eine Spielsimulation. Damit sind wir sehr gut gefahren, die Spielerinnen tolerieren das sehr gut, die wissen jetzt auch wie das läuft. Von daher bin ich davon überzeugt, dass es für uns ein Riesengeschenk ist, nach der sehr, sehr anspruchsvollen Vorrunde und dem sehr intensiven Achtelfinale diese Zeit zur Verfügung zu haben, Kopf, Seele und Geist zu regenerieren. Wir haben sogar von Social Recovery gesprochen, weil es auch darum geht, einfach mal etwas anderes zu sehen, auch andere Gesichter zu sehen. Etwas anderes anzuziehen, also private Kleidung. Auch wenn sich alle mögen - bei uns herrscht ja eine ausgesprochen positive Atmosphäre - der Kopf muss mal andere Eindrücke bekommen. Wir werden sehen, wie der Ausgang ist. Die Interpretation findet ja immer auch im Nachgang statt, aber Stand jetzt sind alle Spielerinnen gesund, alle waren motiviert beim Training und wir sind schon weit fortgeschritten im Turnier. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Kopf und Körper wurden also bewusst heruntergefahren, das bedeutet ja auch einen Spannungsabfall. Kann man diesen tatsächlich messen oder merkt man das den Spielerinnen irgendwie an? Wie geht man damit um, dass man weiß, jetzt sind sie wieder auf Betriebstemperatur?

Wir nutzen dafür Tools, wir haben Belastungsabfragen, bei denen wir beispielsweise Schlafqualität, Muskelstatus und solche Dinge abfragen. Diese hängen unmittelbar zusammen mit dem psychischen Wohlbefinden. Da können wir definitiv ablesen, dass die Pause jetzt sehr wertvoll war. Einerseits wurde der Schlaf besser, gleichzeitig wurde auch die Muskelspannung als sehr gut beschrieben und das war auch das, was wir jetzt im Training gesehen haben. So kann man das überprüfen und wir würden das anpassen, wenn etwas nicht stimmig wäre. Es gibt bei den Dingen kein Schubladenlösung und es ist von Spielerin zu Spielerin anders. Es geht um Menschen, es geht um tolle Persönlichkeiten, die alles dafür tun, dass sie bei dieser WM performen können. Sie sind aber genauso abhängig von externen Einflüssen wie alle anderen Menschen auch. Da ist es wichtig, dass wir diesen Spannungsabfall nun wieder umkehren können.

Ist es eigentlich schwerer Kopf oder Körper wieder zu aktivieren? Oder geht das automatisch im Gleichschritt: Wenn der Kopf frei ist, macht auch der Körper wieder besser mit?

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Als Psychologin begleitet Birgit Prinz das Team - hilft aber auch gern mal beim Torwarttraining aus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das hängt so oder so zusammen, da spricht ja auch für, dass wir mit Birgit Prinz eine Sportpsychologin und wahnsinnig tolle ehemalige Spielerin bei uns haben, die uns berät, die mit den Spielerinnen diese Kopf- und Gefühlsebene ansteuern kann. Wir gehen die Trainingsplanung und die Belastungssteuerung sehr proaktiv an und gleichen das immer wieder mit ihr ab. Mal ein freier Tag oder ein freies Zeitfenster oder ein Teamevent, das besprechen wir nicht nur im technischen Staff, sondern da fließt auch die Sichtweise von Birgit ein. Es ist immer das Komplexe von der ganzen Persönlichkeit mit Körper, Geist und allem Möglichem.

Nun kann es sogar passieren, dass trotz einer Halbfinal-Qualifikation die Olympiateilnahme 2020 in Tokio noch nicht sicher wäre. Merkt man dem Team an, dass dieses Ziel über allem steht? Erzeugt das Druck?

Es ist eine Riesenleistung, dass wir im Viertelfinale sind, wir sind mit null Gegentoren und klaren Siegen hier gelandet und uns erwartet jetzt ein extrem schwieriges Viertelfinale. Ich kann mich an Per Mertesacker erinnern, der 2014 nach dem Achtelfinale dieses berühmte Interview gegeben hat. Ich finde, das muss man mit der Frauen-WM jetzt in Relation setzen. Es sind jetzt schon Mannschaften rausgeflogen, die hatte man als Titelfavorit benannt, zum Beispiel Spanien oder Japan. Deswegen sind wir stolz und zufrieden, dass wir in diesem Viertelfinale dabei sind. Für uns geht es jetzt nur um das Spiel gegen Schweden. Ob mit einem Sieg schon die Olympia-Quali verbunden ist, das ist uns völlig egal. Also echt jetzt, es geht nur um dieses Viertelfinale. Wir wollen Schweden schlagen, wir wollen tollen Fußball zeigen und wir wollen die guten Sachen nochmal auf den Platz bringen, damit wir uns Lyon verdienen. Also wir wollen nach Lyon, wir haben dort noch nicht gespielt und damit ist der Weg klar.

Nach einem möglichen Sieg im Viertelfinale wären die Pausen zwischen den Spielen dann plötzlich deutlich kürzer. Das Halbfinale folgt nach drei Tagen, das Finale wäre nochmal vier Tage später. Ist auch das schon komplett durchgeplant?

Ja, auch das ist durchgeplant. Wir sind in diesem Rhythmus unterwegs. Es würde keinen freien Tag mehr geben, aber den will dann ohnehin niemand mehr. Aber ehrlich, wir sind gut beraten, erst einmal den nächsten Schritt zu machen, der wird anspruchsvoll.

Mit Patrik Grolimund sprach Anja Rau

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Quelle: n-tv.de

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