Fußball-WM 2019

"Wandelnder Protest" auf Mission Rapinoe ist mehr als nur Anti-Trump-Käpt'n

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Die Megan-Rapinoe-Tor-Pose.

(Foto: dpa)

Megan Rapinoe ist das Aushängeschild der US-Frauen bei der Fußball-Weltmeisterschaft - und die Frau mit den lilafarbenen Haaren nutzt die Aufmerksamkeit. Präsident Donald Trump gefällt das gar nicht, denn die 33-Jährige kämpft für das, was er gern boykottiert: Toleranz und Gleichberechtigung.

Mit ausgebreiteten, in die Höhe erhobenen Armen, stolzer Miene und erhobenem Haupt steht sie da: Megan Rapinoe. Mit dieser Pose feiert die US-Amerikanerin ihre Tore bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich. Vielleicht auch im Halbfinale gegen England (21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de), wenn es darum geht, die Tür zur Titelverteidigung ganz weit aufzustoßen. Die 33-Jährige versteht etwas von gewaltigen Auftritten. Dabei ist der nach ihren Toren fast schon unauffällig im Gegensatz zu denen, die sie sonst hinlegt.

Abseits des Rasens stänkert sie gegen Präsident Donald Trump, klagt gegen den US-Fußballverband für die gleiche Bezahlung der Fußballerinnen, solidarisiert sich mit Footballstar Colin Kaepernick gegen Rassismus und Polizeigewalt, ist die erste amerikanische Fußballerin, die sich öffentlich zur Homosexualität bekennt und posiert mit ihrer Freundin, der Basketballerin Sue Bird, als erstes gleichgeschlechtliches Paar nackt auf dem Cover der "Body Issue" des US-Sportmagazins "ESPN". Das sind selbst für einen Star ganz schön viele demonstrative Auftritte. Kein Wunder, dass sie sich selbst einen "wandelnden Protest" nennt.

Schweigen bei der Hymne

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Alle singen typisch amerikanisch, nur eine nicht.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Die Kalifornierin, die für den Reign FC in der National Women‘s Soccer League spielt, war schon 2011 bei der WM in Deutschland dabei. Da war noch alles anders, noch keines der Ereignisse hatte stattgefunden. In Sinsheim gegen Kolumbien gelang der damals 25-Jährigen ihr erstes WM-Tor. Sie feierte es, indem sie sich das Stadionmikrofon schnappte und "Born in the USA" anstimmte – damals hieß der US-Präsident Barack Obama.

Heute singt sie vor Spielen nicht einmal mehr die Nationalhymne. Anders als ihre Teamkolleginnen legt sie auch nicht die Hand aufs Herz, sondern verschränkt die Arme hinter ihrem Rücken. Eine Geste des Protests, die sie praktiziert, seitdem sie bei der Hymne auf Anweisung des Verbands nicht mehr knien darf. Das hatte sie in Anlehnung an Kaepernick im Jahr 2016 gemacht. "Als Homosexuelle weiß ich was es heißt, die Flagge anzuschauen und zu wissen, dass sie meine Freiheiten einschränkt", hatte Rapinoe erklärt. Ein Frevel im patriotischen Land, ihr schlug teilweise blanker Hass entgegen. Mit ihrer Schwester Rachael bot sie damals ein Trainingscamp für Mädchen an – viele Anmeldungen wurden storniert, erzählte Rachael "Yahoo Sports". "Es war nicht einfach für mich", sagte Rapinoe über die Zeit. Auch der Verband wollte ihre Aufmüpfigkeit nicht hinnehmen und zwang sie Anfang 2017 "respektvoll zu stehen".

"Fucking White House"

Nun steht sie – und treibt Menschen wie Trump dennoch zur Weißglut. Weil sie für Dinge kämpft, die nicht mit der Weltanschauung des Präsidenten und seiner Anhänger vereinbar sind und weil sie Sätze sagt wie: "I'm not going to the fucking White House" (deutsch: "Ich werde nicht in das beschissene Weiße Haus gehen"). Eine mögliche Einladung des Präsidenten, der so gar nicht ihrer ist, schlug sie in einem Interview mit dem Fußballmagazin "Eight by Eight" kategorisch aus. "Sie sollte nicht respektlos gegenüber unserem Land, dem Weißen Haus oder unserer Flagge sein, zumal so viel für sie und ihre Mannschaft getan worden ist", war Trumps erwartet wenig verständnisvolle Antwort. Rapinoe solle "erst mal GEWINNEN, dann REDEN", twitterte er beleidigt. "Bisher habe ich sie oder die Mannschaft nicht eingeladen - jetzt tue ich es, ob Sieg oder Niederlage." Ob andere Fußballerinnen der Einladung folgen werden? Ali Krieger, die lange beim 1. FFC Frankfurt spielte, solidarisierte sich jedenfalls fix mit ihrer Teamkameradin Rapinoe und sagte: Vielleicht würden zwei oder drei Spielerinnen gehen. Kulinarisch würde sich die Fahrt ins Weiße Haus kaum lohnen, weil Trump Sportlern immer Burger auftische: "Wir wollen gar kein McDonalds-Essen." Die Einladung der Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez ins Capitol kam da schon viel besser an.

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Ach und gewinnen – das tat Rapinoe wie ihr befohlen. Im Viertelfinal-Kracher gegen Gastgeber Frankreich schoss sie die beiden Tore zum 2:1-Sieg ihres Teams. Ihre Gegner abseits des Platzes werden dabei geschluckt haben, ihre Fans feierten die Frau mit den derzeit lila gefärbten Haaren. Schauspieler Zac Efron twitterte: "Ich werde mein Haar lila färben!" Im Jahr 2012 bekannte sie sich zu ihrer Homosexualität und – wie sollte es anders sein – setzt sich natürlich auch hier für Anerkennung und Gleichberechtigung ein. Ihr bärenstarkes Turnier, bei dem sie schon fünf Treffer erzielte und zwei vorbereitete, nutzt sie als Bühne. "Du kannst kein Turnier ohne Homosexuelle in deinem Team gewinnen", sagte sie nach dem Viertelfinale. "Das hat noch nie funktioniert. Das ist Wissenschaft." Sie fühle sich wohl damit, lesbisch zu sein und sei stolz auf ihre Leistungen gerade während der Weltmeisterschaft, die in den "Pride Month" fällt. In den USA feiern Lesben, Schwule, Trans- und Bisexuelle im Juni den offenen Umgang mit ihrer Sexualität und werben für Toleranz. "Ich werde angetrieben von Leuten, die mich mögen und für die gleichen Dinge kämpfen."

Eigenen Verband verklagt

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Ihre Fans feiern die 33-Jährige.

(Foto: imago images / DeFodi)

130.000 WM-Tickets waren schon vor Beginn des Turniers in den USA gekauft worden, das Vertrauen in die Stärke des amtierenden Weltmeisters war so groß, dass auch die Halbfinals und das Finale bereits gut ausgebucht waren. Die Partien werden in der Stadt ausgetragen, die Rapinoe von 2013 bis 2014 ihre Wahlheimat nannte: Lyon. Hier spielte sie für Olympique Lyon, wurde französischer Meister und Pokalsieger. Der Champions-League-Titel blieb ihr allerdings verwehrt – im Finale verlor Lyon gegen den VfL Wolfsburg.

Viele weitangereiste Fans tragen den Namen Rapinoe in Frankreich auf ihrem Trikot. Sie ist nicht allein, auch wenn ihre Gegner ihr das gerne einreden wollen. Eine Unterstützung, die ihr und ihren Mitstreiterinnen im Kampf gegen den eigenen Verband zumindest psychologisch helfen dürfte. Seit 2016 kämpft sie mit anderen um Lohngleichheit, Anfang dieses Jahres verklagte sie dann mit 27 weiteren Nationalspielerinnen ihren Verband. Der Vorwurf lautet Diskriminierung: bei der Bezahlung, bei den Arbeitsbedingungen. Und das in einem Land, in dem die Frauen im Fußball deutlich erfolgreicher sind als die Männer. In dem die Frauen laut einer Studie des "Wall Street Journals" mit 50,8 Millionen Dollar Einnahmen rund eine Million Dollar mehr einspielten als die Männer.

Allein das zeigt: Rapinoes Kampf ist nötig. Er beweist, dass Fußballerinnen nicht wie offenbar häufig ihre männlichen Kollegen in einer eigenen Welt leben. Allein schon, weil sie es sich gar nicht leisten können. 34 Jahre wird Rapinoe am Freitag alt, sie wird dann 158 Länderspiele auf dem Konto haben und vielleicht kommt gegen England ja noch ein weiteres zu ihren bislang 49 Toren hinzu. Sie ist bereits Weltmeisterin, sie ist Olympiasiegerin, doch der WM-Titel soll natürlich in Frankreich verteidigt werden. Bis 2020 will sie weitermachen, um in Tokio noch einmal einen Olympiasieg feiern zu können. Ziemlich sicher wird der "wandelnde Protest" aber auch anschließend nicht verstummen.

Quelle: n-tv.de

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