Fußball-WM 2019

DFB-Elf in der Einzelkritik Schult rettet, Doorsoun patzt, Gwinn furios

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Jung, gut und erfolgreich: Giulia Gwinn.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Lange muss die DFB-Elf um einen erfolgreichen Auftakt in die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich bangen. Dann aber erlöst Giulia Gwinn ihr Team im Spiel gegen China - und überzeugt bei ihrem WM-Debüt. Bangen muss die Bundestrainerin dagegen um ihre Spielgestalterin.

Die ersten Spiele sind immer die schwersten. Erst einmal ins Turnier reinkommen. Und es im nächsten Spiel - gegen Spanien - besser machen. Ja, das sind Phrasen, aber sie treffen auf das Auftaktspiel der DFB-Elf bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich zu. Gegen China tat sich das Team von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg vor allem in der ersten Halbzeit schwer. Das erlösende 1:0 durch Giulia Gwinn fiel erst in der 66. Minute - und war zugleich der Endstand im Stadion von Rennes.Vor 15.283 Zuschauern setzte das Team jedoch gleich zwei beeindruckende Serien fort: Noch nie verlor das DFB-Team ein WM-Auftaktspiel und feierte dabei den siebten Sieg gegen die Chinesinnen in Folge.

Doch das Spiel kostete Kraft und Nerven, weil die Chinesinnen giftig und nickelig spielten. Weil die Deutschen zu häufig lange Bälle bemühten, die zu häufig nicht bei den Empfängerinnen ankamen. "Es war die Unsicherheit da", bekannte MVT bei der Pressekonferenz. Die konnten ihre Spielerinnen aber in der zweiten Halbzeit größtenteils ablegen - und so starten sie mit drei Punkten ins Turnier. Die deutschen Spielerinnen in der Einzelkritik:

Almuth Schult: Die unumstrittene Nummer eins der DFB-Elf hat es rechtzeitig zum Turnier geschafft, fit zu werden. Wegen ihrer Schulterverletzung gab es lange Grund zur Sorge. Voss-Tecklenburg hatte klargestellt: "Almuth muss 100 Prozent performen können." Die rechte Schulter ist noch immer getaped, hinderte die 28-Jährige aber in ihrem 60. Länderspiel nicht bei der Arbeit. Allzu viel zu tun bekam die Schlussfrau vom VfL Wolfsburg gegen China nicht. Wenn sie aber gebraucht wurde, war sie da. Auch mit vollem Körpereinsatz, wie in der 44. Minute, als sie nach einer Rettungstat einen von Yang mitbekam und kurz behandelt werden musste. Bedenken, dass sie in der Schlussphase eine Oberschenkelblessur davongetragen hat, zerstreut sie selbst: "Das wird rausmassiert."

Kathrin Hendrich: Sie war die Antwort auf die Frage, wer wohl rechts in der Viererabwehrkette verteidigen würde. Die 27-Jährige vom FC Bayern bekam von der Trainerin den Zuschlag und so zu ihrer 30. Partie für die DFB-Elf. Sie verteidigte sehr offensiv und war - auch weil sich die Chinesinnen meist sehr weit zurückzogen - häufig am Angriffsspiel beteiligt. Das sorgte allerdings dafür, dass die Gegnerinnen zumindest in der ersten Halbzeit gefährlich konterten, was aber nicht Hendrich allein anzukreiden war.

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Erst nervös, dann ruhiger: Marina Hegering.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Marina Hegering: Der erste Erfolg für die 29 Jahre alte Innenverteidigerin ist es, überhaupt bei diesem Turnier dabei zu sein. Sechs Jahre musste sie wegen einer überaus hartnäckigen Fersenverletzung pausieren und hatte schon ihren Fokus auf die berufliche Ausbildung gesetzt. Dann das Debüt im April unter MVT und nun das WM-Debüt der Essenerin. Anfangs agierte sie in ihrem vierten Länderspiel nervös, Pässe gerieten zu lang und versandeten. Das legte sich, ihre Aktionen wurden präziser und ruhiger. Sie tauschte in der zweiten Halbzeit mit Oberdorf die Position und rückte etwas nach vorn, von wo aus sie die Defensive absicherte.

Sara Doorsoun: Sie ärgerte sich am meisten über ihre Patzer in ihrem 26. Länderspiel. "Zweimal derselbe Fehler geht gar nicht", sagte die 24 Jahre alte Innenverteidigerin. "Ich war defensiv präsent, die Fehlpässe dürfen aber nicht passieren." Die waren in der Tat haarsträubend. In der 14. Minute spielte die sie einen Fehlpass in der eigenen Hälfte - konnte den aber dank des langsamen Abschlusses der Chinesin Yang selbst ausbügeln. Später brachte sie Torhüterin Schult in arge Bedrängnis. Die Frau, die sich selbst "Terrier" nennt, weil sie keinen Ball verloren gibt, sorgte für einige Atemlos-Momente: Klärte spät, teilweise zu spät, spielte Pässe ins Nichts und wirkte überaus nervös, beruhigte sich aber im Verlauf des Spiels etwas. Kapitänin Alexandra Popp nahm sie in Schutz: Es war schließlich Doorsouns erstes Spiel bei einer Weltmeisterschaft.

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Rekordverdächtig jung: Lena Oberdorf.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Carolin Simon: Fast hätte die 26-Jährige von Triple-Sieger Olympique Lyon ihrem DFB-Torkonto einen Treffer hinzugefügt. Es wäre Nummer vier in ihrem 17. Länderspiel gewesen. In der 17. Minute zog sie eine Ecke von rechts auf den zweiten Pfosten, der Ball kam gefährlich runter, landete aber auf dem Latteneck. Auch ihre weiteren Ecken brachten Gefahr ins Offensivspiel. Die linke Außenverteidigerin bekam als eine von vielen die Härte der Chinesinnen zu spüren und musste in der 37. Minute am linken Fuß behandelt werden. Grund für ihre Auswechslung zur Halbzeit war das aber nicht, wie Voss-Tecklenburg bei der Pressekonferenz sagte. Nach der Pause war Schluss, für sie kam Lena Oberdorf in die Partie und zu ihrem vierten Länderspiel. Mit ihrer Einwechslung brach sie einen Rekord. Sie ist die jüngste Deutsche, die je bei einer WM gespielt hat. Mit 17 Jahren, fünf Monaten und 20 Tagen löste sie Rekordnationalspielerin Birgit Prinz ab. Und wusste das nicht einmal, wie sie überrascht zu Protokoll gab. Ihrer Leistung war ihre Jugendlichkeit nicht anzumerken - im Gegenteil. Die Spielerin der SGS Essen brachte Ruhe in die Defensive, setzte ihren Körper gekonnt ein und sicherte einige Bälle. Einen Moment der Unaufmerksamkeit konnte sie allerdings nur noch mit einem Foul ausmerzen, für das sie Gelb von Schiedsrichterin Marie-Soleil Beaudoin aus Kanada sah. Vernachlässigbar ob dieser guten Leistung.

Sara Däbritz: Die 24-Jährige schnuppert bei der WM schon einmal Frankreich-Luft, bevor sie zur neuen Saison vom FC Bayern zu Paris Saint-Germain wechselt. In ihrem 61. Länderspiel trug sie viel dazu bei, dass die DFB-Elf furios startete: In der dritten Minute schoss sie einen Aufsetzer aus 20 Metern nur knapp rechts am Tor vorbei. Weil Melanie Leupolz offensiver agierte, war sie meist alleine auf der Sechser-Position vor der Abwehr, was es ihr bisweilen schwer machte. Sie bewies Kampfgeist, vertändelte aber auch den ein oder anderen Ball. Ihre Torschüsse waren nicht entschlossen und zwingend genug.

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Voller Einsatz: Melanie Leupolz.

(Foto: imago images / Xinhua)

Melanie Leupolz: Die Noch-Teamkollegin von Däbritz hatte vor der WM gesagt: "Wir haben eine super Mannschaft." Das konnte sie wie ihre Mitspielerinnen noch nicht vollkommen unter Beweis stellen. Die 25-Jährige verteilte in ihrem 59. Länderspiel die Bälle unauffällig, aber eben auch nicht zwingend effektiv. Wurde in der 63. Minute ausgewechselt. Für sie kam Lina Magull in die Partie, mithin eine Münchnerin für eine Münchnerin. Die 24-Jährige sollte in ihrem 32. Länderspiel mehr Kreativität ins Mittelfeld bringen. Spielte den ein oder anderen Pass in die Spitze, erledigte ihren Job insgesamt solide bis gut.

Giulia Gwinn: Witze mit Namen sind freilich nicht erlaubt. Aber: Sie brachte den G(e)winn. Mit ihrem zweiten Tor im neunten Länderspiel führte sie die DFB-Elf zum 1:0-Sieg. Die 19-Jährige ist dem Ruf des FC Bayern erlegen, wohin sie vom SC Freiburg wechseln wird. Dass sie in eine der besten deutschen Teams gehört, bewies sie bei ihrem WM-Debüt. Als Jüngste in der deutschen Startelf - und im offensiven Mittelfeld, obwohl sie beim letzten Test vor der WM gegen Chile (2:0) noch die rechte Verteidigerin gegeben hatte. Spielte von Beginn an furios auf, agierte flexibel und rückte in der zweiten Halbzeit für Simon in die Verteidigung. Weil der Strafraum von den Chinesinnen gut zugestellt war, versuchte sie es in der 66. Minute aus der Ferne. Mit Erfolg: Ihr wuchtiger Schuss mit rechts von der Strafraumgrenze erlöste das Team.

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Angeschlagen: Dzsenifer Marozsán.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Dzsenifer Marozsán: "Jeden Tag bete ich zum lieben Gott: Bitte lass die gute Form von Dzsenifer noch ein paar Wochen anhalten", hatte die Bundestrainerin vor wenigen Tagen über die 27-Jährige gesagt. Leider konnte die Triple-Siegerin mit Lyon und Frankreichs Spielerin des Jahres den hohen Lobpreisungen ihrer Trainerin nicht standhalten, wurde von den Chinesinnen aber auch sehr heftig in die Mangel genommen und sogar verletzt, ärgert sich Voss-Tecklenburg. "Es sieht bei einigen tatsächlich nicht gut aus. Bei Dzsenifer Marozsán zum Beispiel, also das ist wirklich brutal gewesen, was sie da auf den Fuß bekommen hat. Es haben unheimlich viele heute mit dem Sprunggelenk zu tun gehabt", sagte Voss-Tecklenburg in der ARD. "Das werden wir jetzt einfach mal sortieren und gucken, ob wir irgendwo noch eine genauere Diagnose stellen müssen." Die Regisseurin des deutschen Spiels konnte nur mit Mühe und Not durchspielen.

Svenja Huth: Die 28-Jährige bewies nachdrücklich, warum sie der der deutsche Meister VfL Wolfsburg zur kommenden Saison verpflichtet hat: Die Noch-Potsdamerin spielte überaus auffällig, kreierte gefährliche Konter und Torraumszenen. "Kämpferisch, Wirbelwind und niemals aufgebend", sagte MVT über ihre Vizekapitänin. Das kann nach diesem Spiel jeder Zuschauer bezeugen. Einziger Wermutstropfen: Etwas Zwingendes sprang in Huths 45. Länderspiel nicht heraus. War dennoch eine der auffälligsten Spielerinnen. Wurde in der 85. Minute für Lea Schüller ausgewechselt. Die Essenerin kam so zu ihrem 14. Länderspiel.

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Harter Tag: Alexandra Popp.

(Foto: dpa)

Alexandra Popp: Die Kapitänin hatte mächtig zu leiden und machte ihrem Ärger mit Worten und Gesten Luft: Die Aggressivität der Chinesinnen war so gar nicht nach dem Geschmack der 28-jährigen Wolfsburgerin, die Nicht-Reaktion der Schiedsrichterin ebenfalls nicht. "Aber ich glaube, die konnte kein Englisch", sagte sie nach dem Spiel über ihre Ansprache an eine Gegnerin. In der 21. Minute fürchtete sie kurzzeitig eine schwere Fußverletzung, als ihr nach einem Kopfball und der entsprechenden Rettungstat Chinas Torhüterin Shimeng Peng auf den Fuß sprang. In ihrem 97. Länderspiel konnte sie auch aufgrund der Enge im Strafraum ihrem Torkonto nichts hinzufügen. Beim Stand von 46 Treffern fehlen ihr nur zwei, um ihre ehemalige Trainerin Silvia Neid in der ewigen DFB-Torschützenliste auf Platz sieben einzuholen.

Quelle: n-tv.de

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