Sport

"Niemand will uns hier haben" "Kakerlaken" aus Colorado nerven die NBA

135428459.jpg

Die Denver Nuggets bekommen in diesen Playoffs noch jeden klein. Dafür sorgt auch Center Nikola Jokic. Auch für die L.A. Clippers war gegen den Serben und seine Kollegen Endstation.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie sind nicht sonderlich beliebt. Sie sollten eigentlich schon längst ausgeschieden sein. Und dennoch stehen die Denver Nuggets im Halbfinale der NBA-Playoffs. Denn sie sind hartnäckig, unangenehm, widerstandsfähig. Man könnte auch sagen, sie sind eklig wie Kakerlaken.

Die Sache war klar. Sie war quasi gebucht. Und sie war das, was alle sehen wollten. Los Angeles Lakers gegen die Los Angeles Clippers - nur so konnte die Halbfinalserie in den Playoffs der Nordamerikanischen Basketball-Liga NBA heißen. Die einzige offene Frage: wer von beiden wohl dann in den Endspielen gegen die Miami Heat oder die Boston Celtics um den Titel spielen würde? Aber dass es die Lakers oder die Clippers sein würden, das war so sicher wie die täglichen Staus in Kaliforniens Mega-Metropole.

Heute Nacht beginnt nun die Halbfinalserie. Allerdings treffen die Lakers dabei nicht auf ihren Stadtrivalen, sondern auf die Denver Nuggets. Die Mannschaft aus dem US-Bundesstaat Colorado ist so etwas wie der Spielverderber oder auch die Spaßbremse. Denn sie hat den L.A.-Giganten-Gipfel verhindert. Den Showdown der Superstars. LeBron James und Anthony Davis gegen Kawhi Leonard und Paul George.

"Niemand will uns hier haben"

Man könnte diese Nuggets von Trainer Michael Malone auch mit Kakerlaken vergleichen. Keiner mag sie. Trotzdem sind sie da. Sie sind eklig, hartnäckig - und man wird sie nicht los. "Niemand will uns hier haben. Niemand traut uns zu, etwas zu erreichen", sagte Nikola Jokic nach dem entscheidenden 104:89-Sieg in Spiel sieben gegen die Clippers. Der 2,13 Meter große Serbe stand zusammen mit Spielmacher Jamal Murray auf dem Parkett. Durchgeschwitzt, erschöpft, aber trotzdem lächelnd. Denn Denver hatte soeben die Serie trotz eines zwischenzeitlichen 1:3-Defizits noch gedreht.

In der langen, geschichtsträchtigen und mitunter verrückten Historie der NBA-Playoffs hatten das vor der diesjährigen K.o.-Runde nur elf Mannschaften geschafft. Den Denver Nuggets aus dem Spätsommer 2020 war dies als einzigem Team gleich zweimal nacheinander gelungen. Denn bereits zum Playoff-Auftakt waren sie gegen die Utah Jazz 1:3 in Rückstand geraten. Eine weitere Niederlage hätte das Aus bedeutet. Die Kakerlaken aus Colorado waren also in eine Ecke gedrängt worden, ein Entrinnen schien kaum noch möglich. Doch sie wurden nicht eliminiert, nicht zerquetscht, nicht unschädlich gemacht. Sie fanden einen Weg aus dieser scheinbar ausweglosen Enge. Sie gewannen alle sechs Spiele, die sie gewinnen mussten, um im Turnier, um am Leben zu bleiben.

Anerkennung von LeBron James

"Es ist eine große Leistung, bedarf viel Energie und Verzweiflung, um nach einem 1:3-Rückstand noch zurückzukommen. Und sie haben es zweimal geschafft", lobte LeBron James, dem ein solches Comeback mit den Cleveland Cavaliers in der Finalserie 2016 gegen die Golden State Warriors gelungen war. "Wir glauben an uns. Wir sind widerstandsfähig und wir schlagen zurück", meinte Jamal Murray hörbar stolz. Der Kanadier hatte 40 Punkte zum entscheidenden Sieg gegen die Clippers beigetragen. Ihm war, mal wieder, kein Winkel zu kompliziert, kein Wurf zu weit entfernt vom Korb und keine Abwehr-Strategie unüberwindbar.

Noch eindrucksvoller waren Jokic' Zahlen. 16 Punkte, 22 Rebounds, 13 Assists, drei geblockte Würde, zweimal dem Gegner den Ball stibitzt. "Er war den Großteil der Serie im wahrsten Sinne des Wortes nicht aufzuhalten", meinte Clippers-Coach Doc Rivers. Die "New York Times" bezeichnete den 25-Jährigen gar als "Center, der mit dem Ball Pirouetten dreht, als spiele er daheim in Serbien Wasserball." Jokic ist in der Tat ein geschmeidiger Großer. Einer, der trotz seiner Größe nicht nur unter dem Korb überragend ist, sondern, wie mittlerweile viele Center, auch sichere Distanzwürfe in seinem Repertoire hat.

Selbstloser Anführer Jokic

Was ihn jedoch von den anderen Spielern auf seiner Position abhebt, sind seine überragenden Anspiele, die mitunter an den genialen Earvin "Magic" Johnson erinnern. Der einstige Spielmacher der Los Angeles Lakers hatte seinen Teamkollegen die Bälle oftmals ohne Blickkontakt zugepasst - auch mal hinter dem Rücken oder sogar über dem Kopf. All dies hat Jokic auch zu bieten. Und er ist in dieser NBA-Welt voller Selbstdarsteller ein selbstloser Anführer. Er kann die Punkte machen, passt aber ebenso gerne zum besser postierten Mitspieler. Getreu dem Motto: ein Zuspiel macht zwei Leute glücklich, ein Korb hingegen nur einen. Das nötigt mit LeBron James selbst jemandem Respekt ab, der ein Vorzeige-Vertreter der Kategorie "Egoist" ist. "Wenn der beste Spieler des Teams nicht an sich denkt, sondern an das Wohl der Mannschaft, ist das eine klare Aussage für alle anderen und steckt einfach an", so James.

Ein wahrer Genuss ist Jokic' Zusammenspiel mit Murray. Mal bedient dieser den Serben unterm Korb, mal zieht er zum Brett und legt dann auf Jokic zurück, damit dieser aus der Halbdistanz werfen kann. Und wenn Jokic gleich von zwei Gegenspielern verteidigt wird, gibt er den Ball liebend gerne zum freistehenden Murray, der den Spielzug mit einem Dreier abschließt. "Das sind einfach all die Jahre zusammen. Wir verbessern uns. Wir reden, wir streiten, wir sind wie ein Paar", meint Murray. Er und Jokic haben in ihren bisherigen NBA-Karrieren nur das Nuggets-Trikot getragen. Den Serben holte sich Denver beim alljährlichen Talente-Basar, dem Draft, 2014 an 41. Stelle, den kanadischen Spielmacher zwei Jahre später an siebter Position. "Wir haben hier etwas von klein an aufgebaut", so Murray.

Experte Barkley lag völlig falsch

Einer der Baumeister ist Michael Malone. Seit 2015 trainiert er die Mannschaft. Unter ihm hat Denver im Vorjahr und jetzt vier Playoff-Serien gespielt, drei davon 4:3 gewonnen und eine gegen die Portland Trail Blazers 3:4 verloren. Sie machen es sich also nie leicht, diese Nuggets. Sie sind aber andererseits auch keine leichte Hürde, die mal eben so übersprungen wird. Doch genau das hatten vielen Experten im Vorfeld der Serie gegen die Clippers prognostiziert. Charles Barkley hatte in seiner Funktion als Analyst des TV-Senders TNT gar nach dem Clippers-Sieg im ersten Spiel "garantiert", dass L.A. die Nuggets in vier Partien wegfegen werde. "Trotz dieses Lärms von draußen, dass wir keine Chance hätten, haben wir einen Weg gefunden, ein richtig gutes Team zu besiegen", entgegnete Malone.

Die Auftritte seiner Mannschaft zeigen mittlerweile Wirkung. Er habe "großen Respekt", betonte LeBron James. Sein Team, die Lakers, wüsste genau, was die Nuggets leisten könnten. Dennoch wird Denver, mal wieder, der Außenseiter sein. Auch diesmal wird sie niemand mögen. Trotzdem stehen sie in diesem Halbfinale. Und sie werden wieder alles geben, werden hartnäckig, widerstandsfähig, ekelig sein. Sie, die Kakerlaken aus Colorado.

Quelle: ntv.de