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Hadernd, aber mit zweiter Chance Klosterhalfen nimmt 10.000 Meter Anlauf zum EM-Traum

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Über 10.000 Meter holt Klosterhalfen keine Medaille. Aber ihr bleibt noch eine weitere Chance.

(Foto: dpa)

Die WM verlässt Konstanze Klosterhalfen enttäuscht, auch bei der EM hadert sie mit ihrem Lauf über 10.000 Meter. Dabei kann sie sich kaum Vorwürfe machen, doch die Erwartungen sind riesig. Eine Chance bleibt der 25-Jährigen noch für eine Medaille. Gewinnt sie diese, wird es aber nicht allerorten freudigen Jubel geben.

Als die neue Europameisterin Yasemin Can aus der Türkei nach etwa zwei Dritteln des Rennens antritt, zerplatzen die Medaillenträume von Konstanze Klosterhalfen bei den Titelkämpfen im Münchner Olympiastadion. "Vor Heimpublikum malt man sich das ein bisschen anders aus", sagt die 25-Jährige nach dem Rennen über 10.000 Meter. "Ich hatte heute zwei Ziele: Weiter vorne mitzulaufen und dann noch eine gute Zeit rauszuholen, aber das war heute nicht drin."

Es klingt nach großer Enttäuschung bei der deutschen Topläuferin. Dabei läuft sie gerade einmal dreieinhalb Sekunden langsamer als bei ihrem deutschen Rekord (31:01,71), 31:05,21 Minuten stehen für sie zu Buche. Doch diese Zeit reicht an diesem Montagabend nur zu Platz vier, zu Blech, dem ungeliebten Platz neben dem Podium. "Ich denke, ich habe trotzdem ein starkes Rennen gezeigt und habe alles gegeben, was in mir war", fügt sie selbst relativierend an ihre Selbstkritik an.

Es ist ein hartes Rennen, ein unerbittliches, das am späten Abend als letzter Wettbewerb an diesem ersten EM-Tag der Leichtathleten gestartet wird. Can (30:32,57) sprengt die ohnehin nur noch aus vier Läuferinnen bestehende Spitzengruppe mit ihrem Sololauf zum Titel endgültig. Keine kann mehr mithalten, nicht die Titelverteidigerin Lonah Salpeter aus Israel, die am Ende Dritte wird, nicht die Silbermedaillengewinnerin Eilish McColgan aus Großbritannien, die sich jüngst zur Siegerin der Commonwealth Games kürte und die eine Familien-Tradition fortschreibt, denn schon ihre Mutter Liz war Weltmeisterin und Olympia-Zweite über diese Strecke. Es bleibt der bittere vierte Platz für Klosterhalfen, die zweite deutsche Starterin, Alina Reh, muss zwischendurch fast aussteigen, kämpft sich durch, wird in 32:14,02 Minuten immerhin noch Achte.

Traum von 30:30 Minuten

Klosterhalfen hadert mit sich, vor allem wohl, weil sie und ihr Trainerteam mit einer "deutlich schnelleren Zeit" gerechnet hatten. "30:30 bis 30:40 Minuten, dass das möglich ist", hatten sie gehofft und vor allem: "Ich dachte, dass ich da länger mithalten kann und das dann nicht so schwer hinten raus wird, aber wenn man erstmal die anderen ziehen sieht und weiß, die Medaille ist weg, dann ist das hart."

Sie ist unzufrieden mit sich, aber kann sich zugleich keine Vorwürfe machen. Die Frau, die für Bayer Leverkusen startet, aber seit 2018 in den USA bei Pete Julian trainiert, hätte für eine Medaille eben eine solche Zeit laufen müssen, die sie noch nie erreicht hat. Doch das hat sie die Jahre zuvor nie gestört, sie hat Bestzeiten nur so pulverisiert, hat Rekorde gesammelt wie andere Panini-Bilder. Der deutsche Rekord über 10.000 Meter datiert vom 27. Februar 2021 - es war ihr erster Start über diese Distanz überhaupt.

Mit ihren Erfolgen schwingt zugleich immer auch die Skepsis mit. Sie schinde ihren Körper für den Sport, heißt es etwa. Bei 1,74 Meter Körpergröße wiegt sie gerade einmal 48 Kilogramm, sie ist extrem dünn, zu dünn, wittern Kritiker, die ihr Magersucht unterstellen. Gerade vor dem Hintergrund, dass sie 2018 ihren Trainingsstandort in die USA verlegte, seitdem im Umfeld des einstigen Nike Oregon Projects trainiert, lässt sich trefflich über ihr Gewicht diskutieren. Denn das frühere US-Lauftalent Mary Cain hat den Leiter des Lauf-Mekkas in Eugene, Alberto Salazar, in der "New York Times" angeklagt. Sie sei bei dem Coach "körperlich und geistig misshandelt" und systematisch zum Abnehmen gedrängt worden, hatte Cain angeprangert. Die Folgen: Über drei Jahre sei ihre Periode ausgeblieben, sie habe fünf Knochenbrüche erlitten. Dieses Gerede über ihr Gewicht, so betonte es Klosterhalfen gegenüber dem "General-Anzeiger" vor der WM, gebe es, seit sie Leistungssport treibe, "weil ich eben immer schon groß und schlank war. Aber wenn man nicht genug isst, hätte man ja gar nicht die Energie, um auf einem so hohen Niveau Sport zu machen oder nach einer hohen Belastung schnell zu regenerieren. Das würde nicht funktionieren."

Dopingzweifel läuft immer mit

Doch ihr Trainingsstandort in den USA ist eben auch noch ein Angriffspunkt, weil eben jener Salazar wegen Dopings verurteilt und gesperrt ist. Nike löste das Projekt im Oktober 2019 auf, doch Klosterhalfen trainiert weiter bei Julian, der einst Assistent von Starttrainer Salazar war. Das Thema Doping, es liegt ähnlich wie ihr Gewicht, wie ein Schatten auf ihren Fabelzeiten. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat sie immer wieder verteidigt: "Trotz intensiver Kontrollen gab es bei ihr keine Beanstandungen und sie lehnt jede unerlaubte Methode ab." Doch es ist ein altbekanntes Phänomen, dass Zweifel, die einmal gesät sind, immer irgendwo haften bleiben.

An diesem Abend in München hat sie diesen Zweifeln keine neue Nahrung gegeben. Sie ist eine gute Zeit gelaufen, aber keine herausragende, kein Rekord, keine Medaille. Die Stimmung um sie herum ist entspannt-positiv, auch wenn sie hadert. Doch es ist alles völlig anders als noch vor drei Wochen in Eugene bei den Weltmeisterschaften. Bittere Ratlosigkeit herrschte dort bei Klosterhalfen. Sie hatte auf die 10.000 Meter verzichtet, war dann aber schon im Vorlauf über 5000 Meter überdeutlich vorzeitig ausgeschieden, rund 17 Sekunden fehlten ihr für den Einzug ins Finale. "Wir müssen jetzt herausfinden, woran es lag. Im Moment kann ich es mir nicht erklären", hatte sie gesagt. Trotz einer erst kurz zurückliegenden Corona-Infektion, wegen der sie nicht wisse, wo sie stehe, wie sie im Vorfeld erklärt hatte. Es war ein brutales Hitzerennen in den USA, doch die 25-Jährige trainiert dort, kennt die Bedingungen, die WM war quasi ihr "Heimspiel". "Aber so wie im Rennen habe ich mich noch nicht oft gefühlt."

Sie wagt den Doppelstart

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In München ist nun alles anders: ein lauer Sommerabend mit durchaus böigem frischem Wind, es ist die doppelte Distanz und damit direkt ein Finale. Die 10.000 Meter Läuferinnen werden nicht noch durch einen Vorlauf gejagt. Doch glücklich ist Klosterhalfen wieder nicht. Anders als in Eugene hat sie noch eine Chance, sich selbst zufriedenzustellen. Denn über 5000 Meter will sie es nochmal wissen. Anders als bei der WM geht es in München direkt um die Medaillen, es gibt keinen kräftezehrenden Vorlauf. "Vielleicht liegen mir die 5000 Meter auch noch mehr als die 10.000 Meter im Moment. Ich bin noch nie einen Doppelstart gelaufen, von daher bin ich gespannt, wie sich das anfühlt", sagt die deutsche Rekordhalterin über 2000 Meter, 3000 Meter, 5000 Meter und 10.000 Meter. Sie hat auch ohne Vorlauf nur wenig Zeit, sich zu erholen, das Rennen steht bereits am Donnerstag (21:25 Uhr) an.

Klosterhalfen und ihr Team haben extra auf den Doppelstart hintrainiert: "Wir haben nach Corona eine härtere Belastung gemacht. Jeden zweiten Tag ein Workout, das hat ganz gut geklappt von der Regeneration", erklärt sie. "Eigentlich kann ich mich ganz gut regenerieren, weil meine Ausdauerwerte ganz gut sind, aber es ist dann wieder was anderes im Rennen, von daher bin ich gespannt, dass das klappt." Eine Medaille könnte drin sein für die 25-Jährige, die über diese Strecke 2019 WM-Dritte wurde, sie ist von den gemeldeten Starterinnen die mit der zweitschnellsten Bestleistung. Vielleicht kann sie sich dann selbst zufriedenstellen, sich bei der Zeremonie auf der Bühne vor dem Olympiasee außerhalb des Stadions eine Medaille umhängen lassen. 10.000 Meter sind ein langer Anlauf fürs Glück, doch kein unmöglicher. Das Problem dabei nur: Hat sie Erfolg, werden die Zweifler wieder einen Anlass zur Kritik haben.

Quelle: ntv.de

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