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Sonntag, 29. Oktober 2017

"Zu grün, zu ungestüm und wild": Leipzig setzt auf neue Devise gegen Bayern

Von Ullrich Kroemer, München

Das Spitzenspiel zwischen RB Leipzig und FC Bayern München hält nicht ansatzweise, was der "Gigantenkampf" im DFB-Pokal versprochen hatte. Das liegt an der fehlenden Cleverness, mit der Spieler und Trainer von RB hadern.

Willi Orban hatte seinen Humor schon wieder gefunden, als er in den Katakomben des Münchner Stadions nach dem 0:2 (0:2) im Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga mit seinen Kollegen von der Kabine zum Mannschaftsbus trottete. Weil ihn einer ausversehen anrempelte, warnte der Kapitän von RB Leipzig selbstironisch: "Kein Foul!"

Zuvor auf dem Rasen war es Orban gewesen, der den sprintenden Holländer Arjen Robben vor der Strafraumkante umgerammt und dafür glatt Rot gesehen hatte (13.), weil er Leipzigs letzter Mann war. Zwar stritten sich die Fans hernach, ob es tatsächlich eine Notbremse war, weil Robben vielleicht nicht mehr an den Ball gekommen wäre. Doch Schiedsrichter Daniel Siebert nahm sich viel Zeit, beriet mit dem Video-Schiedsrichter, schaute sich die Szene selbst noch einmal am Videodesk an und griff dann an die Gesäßtasche. Kein einziger Leipziger kritisierte die Entscheidung diesmal. Und auch Sportdirektor Ralf Rangnick, der sich nicht äußern mochte, stürmte nicht den Rasen.

"Wie will man denn da gewinnen?"

Leipzigs Marcel Sabitzer bemängelte die fehlende Cleverness seines Teams in München.
Leipzigs Marcel Sabitzer bemängelte die fehlende Cleverness seines Teams in München.(Foto: imago/DeFodi)

Vielmehr haderten Marcel Sabitzer & Co. mit der fehlenden Cleverness in diesen wenigen, spielentscheidenden Situationen. In drei der vier Vergleiche mit dem FC Bayern hat RB nun einen Platzverweis hinnehmen müssen. "Wie will man denn da gewinnen?", fragte Sabitzer schulterzuckend. "Das ist fahrlässig, das darf uns nicht passieren." Und in Richtung seines Kapitäns: "Da musst du den halt mal laufen lassen. Robben wäre ja nicht mal zum Ball gekommen. Das müssen wir abstellen, wenn wir gegen Bayern mal gewinnen wollen."

In der Tat, denn auch in der Bundesliga hatte Rasenballsport in Person von Stefan Ilsanker zuvor Gelb-Rot in Dortmund gesehen, Naby Keita  sah gegen Borussia Mönchengladbach glatt Rot. Ganz offensichtlich sind die Leipziger in den Spitzenspielen noch etwas nervöser und ungestümer als üblich und treffen in Drucksituationen auch mal die falsche Entscheidung. "Das muss man schon ansprechen, weil das auf dem Niveau nicht passieren darf. Da raubst Du Dir selbst die Spiele und die Punkte", mahnte Sabitzer.

Und auch Trainer Ralph Hasenhüttl monierte: "In dem Jahr haben wir die ein oder andere Rote Karte zu viel bekommen. Da sind wir schon noch ein bisschen zu grün, zu ungestüm, jung und wild." Im aktuellen Fall wäre es besser gewesen, Orban hätte Robben laufen lassen, "wir hätten das 1:0 kassiert, und dann wäre noch nix verloren gewesen. Schade um das Spiel."

In Gedanken schon in der Königsklasse

Denn nach dem erneuten Platzverweis war RB Leipzig weder körperlich, noch mental in der Lage und willens, den Bayern einen Kampf zu liefern und ein echter Gegner zu sein. "Wieder extra laufen, wieder können wir unser Spiel nicht durchziehen. Diese Umstellung ist auch nicht immer leicht", erklärte Emil Forsberg enttäuscht. Die frühen Tore des starken James Rodriguez (19.) und von Robert Lewandowski, der seinen zehnten Saisontreffer (38.) erzielte, waren die Konsequenz.

Weil beide Teams in der zweiten Hälfte bereits mit dem Kopf bei den Champions-League-Herausforderungen der kommenden Woche waren, entwickelte sich ein völlig einseitiges Spiel, in dem die sonst mutigen, aggressiven Leipziger wirkten wie eine schlechte Kopie ihrer selbst. 24:3 Torschüsse, 31 Prozent Ballbesitz, nicht einmal 100 Kilometer gelaufen - das war nicht RB-like und ist nur mit den Belastungen des Mittwochsspiels zu erklären. Bruma hatte die einzige Gelegenheit des Spiels (46.) für RB. In der zweiten Hälfte, bekannte Hasenhüttl, habe er sein Team mit Blick auf die "Königsklassen"-Partie in Porto (Mittwoch, 20:45 Uhr im n-tv.de Liveticker) bereits in den "Verwaltungsmodus" schalten lassen.

Überhaupt glich die ganze Veranstaltung der schlechten zweiten Folge einer Serie nach einem überragenden Pilotfilm. Wie ein Krimi, bei dem nach 13 Minuten alles aufgeklärt ist. Wie eine Fete, die am Anfang des Abends eskaliert und bei der Veranstalter und Gäste - in dem Fall 75.000 im Stadion - nur noch aus Anstand dableiben. Nicht umsonst entschuldigte sich der RB-Cheftrainer bei den Zuschauern.

RB will zurück in den Dreikampf

Der FC Bayern freilich ist nach dem Doppelschlag gegen Leipzig und den Patzern von Borussia Dortmund bislang der große Gewinner in diesem Herbst. "Wir wollten schon ein Zeichen setzen", sagte Robben. "Bis jetzt haben wir maximalen Erfolg seit Jupp da ist. Bis auf das Gegentor in Leipzig haben wir alles zu Null gespielt." Trainer-Senior Heynckes wirkte am Samstag anders als nach der aufreibenden Schlacht am Mittwoch ganz in sich ruhend und völlig in seinem Element. "Er spricht die Sachen an, ist ganz klar. Er gibt die Richtung vor", sagte Robben. "Die Spieler wissen, was er von ihnen verlangt." Heynckes selbst sagte: "Ich weiß, wo man die Hebel ansetzen kann." Frei nach dem Motto: Lass das mal "Don Jupp" machen.

So blieb letztlich die Erkenntnis, dass der Tabellendritte RB Leipzig wie bereits in der vergangenen Saison fürs Erste erneut am FC Bayern abgeprallt ist. Aus dem Titelkampf verabschieden mochten sich die Sachsen dennoch nicht. "Es ist noch früh in der Saison, wir haben noch die Chance auf den Dreikampf. Wir wollen da oben stehen", sagte Forsberg. Und Sabitzer: "Am zehnten Spieltag kann man nicht davon sprechen, dass irgendetwas vorbei ist." So hatte der 23-Jährige auch schon die Parole für das Rückspiel gegen Bayern München parat: "Die Devise fürs nächste Bayern-Spiel lautet: Elf gegen Elf", sagte der Österreicher und verschwand in Richtung Bus.

Quelle: n-tv.de

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