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Donnerstag, 07. Dezember 2017

Abertausende Sportler verdächtig: Russland leugnet, der Dopingskandal wächst

Nach Russlands Olympia-Bann bleibt das Thema hochbrisant. Die russische Regierung leugnet weiter Staatsdoping und verweigert Konsequenzen. Derweil kommen neue Fragen zum Skandal-Ausmaß auf. Womöglich sind viel mehr Sportler involviert - "Abertausende".

Der Skandalfunktionär Witali Mutko schließt nach seinem Olympia-Bann einen Rücktritt aus, der russische Volksheld Alexander Subkow wird weiter belastet, Regierungschef Dmitri Medwedew leugnet weiter jede staatliche Beteiligung - und der Dopingskandal selbst könnte noch weitaus größere Ausmaße haben als bisher angenommen: Trotz des Ausschlusses Russlands von den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang (9. bis 25. Februar) ist noch lange kein Schlussstrich in Sicht. Im Gegenteil.

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Nach Angaben des Anwalts des Kronzeugen Grigorij Rodtschenkow könnten weit mehr Athleten als bekannt in den Skandal involviert sein. Das erklärte der Jurist Jim Walden gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und nahm dabei Bezug auf die Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor, an die die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) im November gelangt war. "Die führen nicht nur zu 30 Athleten von Sotschi 2014 oder zu den tausend, von denen McLaren glaubt, dass sie von dem System profitiert haben", sagte Jim Walden: "Es geht um Abertausende Sportlerinnen und Sportler, die vom russischen Dopingsystem geschützt wurden."

Die Wada hatte am 10. November mitgeteilt, dass sie durch ihr hauseigenes Ermittlerteam in Besitz des so genannten Laboratory Information Management Systems (LIMS) des Moskauer Labors gelangt war. Die Datensammlung enthält nach Wada-Angaben alle Doping-Testdaten zwischen Januar 2012 und August 2015. Diese Daten deckten sich mit den von Rodtschenkow vorgelegten Hinweisen zur Manipulation von Dopingproben.

Mutko will bei "Athleten bleiben"

Der Verantwortliche für das Dopingsystem gab sich in seiner ersten Reaktion auf seinen persönlichen lebenslangen Olympia-Bann dagegen demonstrativ gelassen. "Das ist alles zweitrangig", erklärte der umstrittene Vizepremier Witali Mutko. "Ich habe dazu meine eigenen Gedanken", fuhr der ehemalige Sportminister in einem Gespräch mit der russischen Nachrichtenagentur R-Sport fort, "aber noch einmal, wichtiger sind die Sportler. Ihre Probleme stören mich mehr als mein eigener Bann."

Seite and Seite: Fifa-Präsident Gianni Infantino und Russlands Doping-Mastermind und WM-Cheforganisator Witali Mutko.
Seite and Seite: Fifa-Präsident Gianni Infantino und Russlands Doping-Mastermind und WM-Cheforganisator Witali Mutko.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Mutko hatte trotz erdrückender Beweislast stets widersprochen, dass es ein von der Regierung gestütztes Dopingsystem in Russland gegeben habe. Ein Rücktritt kommt für ihn nicht in Frage: "Ich muss bei den Athleten bleiben." Die waren, so die vom IOC bestätigten Erkenntnisse im McLaren-Report, unter Mutkos Leitung jahrelang gedopt worden. Antidoping-Experten fürchten schwere Spätfolgen für die Athleten.

Trotz aller Kritik ist Mutko nach wie vor Cheforganisator der Fußball-WM im kommenden Jahr in Russland und Präsident des russischen Fußball-Verbandes RFS. Der Weltverband Fifa sieht die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft derzeit nicht beeinträchtigt. Die Fifa-Ethikkommission um deren Chefermittlerin Claudia Rojas hat sich bislang in Schweigen gehüllt.

Auch die Uefa sieht trotz des Olympia-Ausschlusses von WM-Cheforganisator Witali Mutko derzeit keine Veranlassung für eine Intervention bei der Fifa. "Das Thema stand heute nicht auf der Tagesordnung", sagte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin nach der Sitzung des Exekutivkomitees in Nyon. Die Entwicklungen nach dem IOC-Urteil gegen Mutko vom Dienstag seien "noch zu frisch", um konkret Stellung zu beziehen. Die McLaren-Berichte, in denen Mutko schwer belastet wird, wurden im Juli und Dezember 2016 veröffentlicht.

Kein Schuldeingeständnis aus Russland

Russlands Regierungschef Dmitri Medwedew hält das Vorgehen gegen den russischen Sport für politisch motiviert. Nach seiner Einschätzung soll das Unruhe vor der Präsidentenwahl im März schüren, bei der Kremlchef Wladimir Putin eine vierte Amtszeit anstrebt. Wie zuvor Präsident Wladimir Putin betonte Medwedew, dass Russland nichts einzugestehen habe.

"Wir können und wir werden nicht etwas zugeben, das auf fehlerhaften Schlussfolgerungen beruht", sagte er in Moskau und kritisierte vor allem die Befunde der IOC-Kommission unter Vorsitz des ehemaligen Schweizer Bundespräsidenten Samuel Schmid. Die Schmid-Kommission hatte nach Belegen für eine staatliche Beteiligung am Doping gesucht und in seinem Abschlussbericht festgestellt: Das russische Sportministerium war nach dem Schmid-Bericht tief verwickelt mit Mutko als Hauptverantwortlichem.

Das sei eine "klare Lüge", sie stütze sich nur auf Aussagen eines einzelnen, zweifelhaften Zeugen stütze, sagte Ministerpräsident Medwedew, der Agentur Interfax zufolge. Gemeint war Rodschenkow, der nach seiner Flucht in die USA das russische Dopingsystem offengelegt hatte.

Subkow Teil des Betrugssystems

Darin verwickelt war auch der russische Volksheld Alexander Subkow. Das IOC begründete die lebenslange Olympia-Sperre für den zweimaligen Bob-Olympiasieger mit einer eindeutigen Beweislage. In der nun veröffentlichten, detaillierten Urteilsbegründung weist die IOC-Disziplinarkommission unter Leitung von Denis Oswald unter anderem auf Manipulationen der Probenbehälter und einen für einen Menschen unerklärlich hohen Salzgehalt im Urin hin.

Subkow stand nach Erkenntnissen der Kommission auch auf der sogenannten "Dutchess-Liste" derjenigen Athleten, die rund um die Winterspiele 2014 in Sotschi gedopt hätten. Der Sportler, heute Präsident des russischen Bobverbandes, weist die Anschuldigung zurück.

Quelle: n-tv.de

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