Sport

"Kalter Krieg" nach Doping-Beben Russland negiert Beweise, Kenia zittert

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Der russische Sport hat offenbar ein massives Dopingproblem - und stürzt den Weltsport damit in die nächste Glaubwürdigkeitskrise.

(Foto: REUTERS)

Verlogener, verseuchter, korrupter: Der Bericht über die Doping-Auswüchse in Russland ist ein neuer Höhepunkt im sportlichen Skandaljahr 2015. Das Land weist die erdrückenden Beweise trotzig zurück. Anderswo geht die Angst um.

Das Schlechte im Sport, Richard Pound kennt es in allen Facetten. Der Kanadier war Teil der Delegation, die bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 die Dopingvorwürfe gegen Sprintstar Ben Johnson untersuchte. Sein Landsmann log ihm ins Gesicht. Zehn Jahre später war Pound maßgeblich an der Aufklärung des olympischen Bestechungsskandals um Salt Lake City beteiligt, 1999 wurde er Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Einen wie ihn schockt nichts mehr, dachte die kritische Sportwelt über ihren 73-jährigen Posterboy.

Dann saß dieser Richard Pound am Montag in Genf, um die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur zu den Zuständen in der russischen Leichtathletik vorzustellen - und war geschockt: "Es ist verstörend und enttäuschend, das gesamte Ausmaß zu sehen. Es ist schlimmer als wir gedacht haben."

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Die russische Anti-Doping-Behörde Rusada soll in den Skandal verstrickt sein.

(Foto: dpa)

Korruption, Erpressung, Vertuschung positiver Dopingtests, hundertfache Vernichtung verdächtiger Proben, ein Schattenlabor, Druck des Geheimdienstes auf mitunter ohnehin korrupte Kontrolleure, geduldete Benachteiligung sauberer Athleten: Der Bericht ist die erschütternde Beschreibung eines hochkriminellen Geflechts aus staatlich gefordertem und gefördertem Doping und Korruption, das bis in höchste Funktionärsposten des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF und der russischen Regierung wuchert.

Nächste Eskalationsstufe im Skandaljahr

In seiner Klarheit ist der Report, den Pound gemeinsam mit Richard McLaren und Günter Younger auf Basis von ARD-Recherchen erstellt hat, einmalig im Weltsport. Er ist die nächste Eskalationsstufe im sportlichen Skandaljahr 2015, in dem der Dreiklang "schneller, höher, weiter" endgültig abgelöst wurde. Jetzt heißt es dank Fifa und IAAF und hierzulande auch dank des DFB: verlogener, verseuchter, korrupter.

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Die dreiköpfige Untersuchungskommission der Wada um Richard Pound fordet den Ausschluss Russlands aus dem Leichtathletik-Weltverband - wenn das Land keine Reformen einleitet.

(Foto: REUTERS)

Während die internationale Presse angesichts des "Weltskandals" ("Times") die "Leichtathletik zurück in den Kalten Krieg katapultiert" ("Gazzetta dello Sport") sieht, reagiert Russland mit reflexartigem Trotz. Pounds Hoffnung, das Land würde einsehen, "dass es Zeit für Veränderungen ist" und endlich Reformmaßnahmen ergreifen, um den geforderten IAAF-Ausschluss und damit die Verbannung von Olympia abzuwenden, erfüllte sich nicht.

Die verdächtigten russischen Trainer und Athleten, wie 800-Meter-Olympiasiegerin Maria Sawinowa, wiesen am Tag nach dem Sportbeben alle Anschuldigungen kategorisch zurück. Dmitri Peskow, Pressesekretär von Präsident Wladimir Putin, durfte verlautbaren: "Bis Beweise vorliegen, sind solche Anschuldigungen nur schwer zu akzeptieren, zumal sie eher gegenstandslos erscheinen." Das russische Sportministerium mit dem schwer belasteten Putin-Getreuen Witali Mutko an der Spitze sekundierte und forderte "die Wada auf, sich auf Fakten und Beweise zu konzentrieren".

Wada und IOC reagieren

Eine hanebüchene Forderung. Mehr als 300 Seiten umfasst die erste Version des erschütternden Untersuchungsberichts. Unter dem Punkt "spezifische Erkenntnisse" werden die Versäumnisse der Dopinglabore, Antidopingbehörden und des Leichtathletikverbandes in Russland aufgelistet, aber auch Manipulationen der russischen Regierung, des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF und der Wada selbst. Allein diese Auflistung umfasst 22 Seiten.

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IAAF-Präsident Sebastian Coe mit seinem Vorgänger Lamine Diack, der dem Wada-Bericht zufolge in den systematischen Dopingbetrug verstrickt ist.

(Foto: AP)

Während die IAAF vage ankündigte, den geforderten Ausschluss Russlands aus der Leichtathletik und damit von allen internationalen Wettbewerben und auch Olympia zu prüfen, reagierten die Wada und das IOC bereits. Das Internationale Olympische Komitee will angesichts der Enthüllungen über systematisches Doping im russischen Sport prüfen, ob olympischen Medaillen entzogen werden können. Die IAAF wurde vom IOC-Exekutivkomitee zur Einleitung disziplinarischer Maßnahmen aufgefordert - gegen alle verdächtigen Athleten, Trainer und Funktionäre.

Die Wada setzte "eine der entscheidenden Forderungen ihrer unabhängigen Kommission" bereits um, teilte Präsident Craig Reedie mit. Ergebnis: Das Moskauer Anti-Doping-Labor ist ab sofort für sechs Monate suspendiert. Über die weitere Akkreditierung soll eine Disziplinarkommission entscheiden.

"Der Report ist voller Lügen"

Die Moskauer Dopingproben sollen "sicher" und "zeitnah" zu einem anderen Labor mit Wada-Akkreditierung gebracht werden. Dabei scheint Eile geboten, der Moskauer Labor-Direktor Gregori Rodschenkow wird im Wada-Bericht als eine der Schlüsselfiguren im russischen Dopingsystem genannt. Ihm werfen die Ermittler vor, 1417 Dopingproben mutwillig zerstört zu haben, nachdem die Wada Nachtests angekündigt hatte. Sie fordern Rodschenkows Absetzung. Der zeigte sich gegenüber der englischen "Times" keinerlei Schuld bewusst und ätzte: "Der Report ist voller Lügen, und die meisten Zeugen sind unglaubwürdig."

Pounds Befürchtung, "dass die öffentliche Meinung dahingeht, dass alle Sportarten korrupt sind", erhält durch solche Aussagen neue Nahrung. Zumal Pound in Genf angedeutet hatte, der Skandal könne nur die Spitze des Eisbergs sein: "Russland ist nicht das einzige Land, das Probleme hat. Und die Leichtathletik nicht die einzige Sportart."

Als weiteres Problemland nannte Pound Kenia, das bei der Leichtathletik-WM in Peking in diesem Sommer völlig überraschend den Medaillenspiegel gewonnen hatte. Seit 2012 wurden über 30 kenianische Athleten offiziell wegen Dopings gesperrt, die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Laut ARD-Informationen soll der Verband Doping-Missbrauch systematisch unterstützt und vertuscht haben, genau wie in Russland. Im Land geht die Angst um, die Zeitung "Star" befürchet: "Eine ganze Generation von Athleten aller Disziplinen könnte verloren gehen."

Quelle: ntv.de

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